Woche 10:
Gottesgeburt als angeldhafte Erfüllung meiner tiefsten Sehnsucht nach dir

Einführung in die zehnte Übungswoche
Wahre Sehnsucht begnügt sich nicht mit "kleinen Hügeln", sie strebt nach den höchsten Gipfeln! Wie könnte unsere Sprache das Wort "Seligkeit" geschaffen haben, wenn es nicht schon hier und jetzt eine Erfahrung gäbe, die man mit keinem anderen Wort zutreffend ausdrücken kann. Versuche moderner Bibelübersetzungen, die Worte "selig sind" in den Seligpreisungen Jesu mit einem anderen Wort zu übersetzen, können alle nicht befriedigen. Es gibt einen Vorgeschmack vollendeten Glücks bereits in diesem Leben - das wissen wir Menschen. Wie viel mehr weiß ein Mystiker wie Meister Eckehart davon: "Ich ward einmal gefragt, woher das käme, dass guten Leuten so wohl mit Gott wäre, dass sie Gott dienten? Da antwortete ich und sprach: Es käme daher, dass sie Gott geschmeckt hätten, und es wäre ein Wunder, wenn der Seele, die Gott (nur) einmal geschmeckt und gekostet hätte, je hinfort etwas anderes schmecken könnte. Ein Heiliger sagt, der Seele, die Gott geschmeckt hat, werde alles das, was Gott nicht ist, unschmackhaft und zuwider" (311,21ff).Es ist eine ähnliche Frage, wie sie uns von jüngeren Leuten häufig gestellt wird: wie es katholische Priester und Ordensleute fertig brächten, auf die Ehe zu verzichten? Das ist wohl nur dort echt möglich, wo jemand etwas von einer Liebe erfahren hat, von der er spürt, dass sie qualitativ über das hinausgeht, was menschliche Liebe jemals hergeben kann.
Unmittelbare Berührung Gottes und seiner Ewigkeit lassen uns ahnen, dass es bereits hier und jetzt etwas geben kann, was der Mensch als letzte Erfüllung seiner Sehnsucht erlebt. Doch nur selten sind solche Erfahrungen so überwältigend, dass sie "uns vom Sattel reißen", wie es dem Apostel Paulus geschah. Meistens sind sie sehr zart und leise, wie ahnungshaft. Dann erfordert es eine helle innere Wachsamkeit, um zu erkennen, dass Gott hier seine Hand im Spiel hat - dass er uns ein wenig von seiner Ewigkeit schmecken und kosten lassen möchte. "Unser Herr sprach: 'Ihr sollt sein wie Leute, die allzeit wachen und ihres Herrn harren' (Lk 12,36). (Vgl. Woche 1, Tag.7) Traun, solche harrenden Leute sind wachsam und sehen sich um, von wannen er komme, dessen sie harren, und sie erwarten ihn in allem, was da kommt, wie fremd es ihnen auch sei, ob er nicht doch etwa darin sei. So sollen auch wir in allen Dingen bewusst nach unserm Herrn ausschauen. Dazu gehört notwendig Fleiß, und man muss sich's alles kosten lassen, was man nur mit Sinnen und Kräften zu leisten vermag" (62,24ff).
Christliche Mystiker wurden mit solchen Erfahrungen reich beschenkt. Vielleicht haben sie auch deshalb darüber sprechen und schreiben "müssen", damit der Lesende, der wach in sich hineinlauscht, plötzlich erkennt: Ähnliches - wenn auch sicher anders und "in Miniform" - habe ja auch ich schon erlebt! Und er beginnt, Gott darüber zu preisen!

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