5.7. Wo ich meine Ich-Bindung an bestimmte, festgelegte Gottesbilder loslasse,
kann ich üben, dich mehr und mehr so zu finden, wie du wirklich bist

Hinführung:
Niemals kann ich Gott so finden, wie er in sich selbst ist, weil er über alle Worte und Bilder erhaben ist. (vgl. 2.2.) Als Mensch brauche ich aber Vorstellungen und Bilder, über die ich mich ihm zuwenden kann. (vgl. 2.3.) Ich muss mir aber dessen bewusst bleiben, dass auch das treffendste Bild von Gott nichts anderes ist als das "Kleid", unter dem er sich mir zeigt. Die große Gefahr ist es nun, das Kleid, unter dem ich Gott erfahre, unter dem er mir begegnet, mit Gott selbst zu verwechseln. Wenn immer ich das Wort "Gott" in den Mund nehme, verbinde ich eine bestimmte Vorstellung damit, ob mir das bewusst ist oder nicht. Und diese Vorstellung ist begrenzt, einseitig, vielleicht sogar falsch. Wie oft mag sie bestimmt sein durch mein Vaterbild oder andere Kindheitserfahrungen. Je nachdem, ob mir Gott spürbarer im Gottesdienst oder im Mitmenschen erfahrbar geworden ist, wird dies mein Gottesbild prägen. Der einzige Weg, der uns immer näher an Gott heranführt, "wie er in sich selbst ist", ist dadurch gekennzeichnet, dass uns immer wieder alle Vorstellungen, alle Bilder, alle "Kleider Gottes" genommen werden und dass wir sie loslassen müssen.

Um das deutlich zu machen, gebraucht Meister Eckehart zwei verschiedene Worte: "Gott" und "Gottheit". Dabei meint er mit "Gott" in diesem Zusammenhang das begrenzte Bild, das ich mir von Gott gemacht habe, aber auch "Gott", wie er sich mir je und dann zu erkennen gibt - und unterscheidet es von der "Gottheit", aus der alle Gottesbilder und alle Gottesoffenbarungen entspringen, jenseits aller "Bilder"...

Meditationswort:
"Das Höchste und Äußerste, was der Mensch lassen kann, das ist, dass er Gott um Gottes willen lasse" (214,34f].
Biblische Grundlage als Gleichnis-Meditation:
"Jahwe zog vorüber... aber Jahwe war nicht in dem Sturm... Jahwe war nicht im Erdbeben... Jahwe war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein stilles sanftes Säuseln... da drang eine Stimme zu ihm..." (1 Kön 19,11-13).
Wiederholungsgebet:
- Mein Gott, der du mir in immer neuer Gestalt begegnest -
Kontemplation:
Ich gehe einfach ins Schweigen und lasse alle Gedanken, Bilder und Emotionen vorüberziehen: Du, Gott, bist im verborgensten Grunde, wo niemand anders als Du selbst "hineinlugen" kannst: "Du"...( vgl. dazu ME S. 163,34ff.)
Weitere Textstellen:
"Sankt Paulus (ließ) Gott um Gottes willen; er ließ alles, was er von Gott nehmen konnte, und ließ alles, was Gott ihm geben konnte, und alles, was er von Gott empfangen konnte. Als er dies ließ, da ließ er Gott um Gottes willen, und da blieb ihm Gott, so wie Gott in sich selbst seiend ist" (214,34ff).

"Wäre der Mensch so in Verzückung, wie's Sankt Paulus war, und wüsste einen kranken Menschen, der eines Süppleins von ihm bedürfte, ich erachtete es für weit besser, du ließest aus Liebe von der Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen in größerer Liebe. Nicht soll der Mensch wähnen, dass er dabei Gnaden versäume: denn was der Mensch aus Liebe willig lässt, das wird ihm um vieles herrlicher zuteil, wie Christus sprach: 'Wer etwas lässt um meinetwillen, der wird hundertmal soviel zurückerhalten' (Mt 19,29)" (67,22ff).


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