Karin Johne
Adventsmeditationen
1. Woche
Einführung

Ich darf meine Sehnsucht nach dem Kind in mir wahrnehmen 



Hinführung zur ersten Übungswoche.
Immer wieder gibt es Lebensabschnitte, in denen ich das Gefühl habe, ich müsse irgendwie einen neuen Anfang machen. Auch manche Ihrer Erwartungen an diesen Briefkurs sprach gerade diesen Wunsch ja auch deutlich aus! Wie stark spüren wir das etwa an einem Neujahrstag - wieviel Wünsche und Hoffnungen binden sich da an einen Neubeginn. Vielleicht spüren wir daran, wie tief sich der Wunsch, immer wieder neu beginnen zu können, mit unserem Menschsein verbindet!
 

Wenn ich meine eigenen Tagebücher der letzten Jahre wieder einmal durchblättere, wie ich es in der letzten Zeit tat, fällt mir auf, wie oft der Wunsch eines Neubeginnes darin immer wieder auftaucht. Und wenn wir dann so oft erleben, wie wenig sich davon verwirklicht? Die Gefahr der Resignation besteht, die Gefahr der Hoffnungslosigkeit - aber wer spürt nicht, daß er damit auf ein Stück lebendigen Lebensvollzuges verzichten würde?

Tröstlich ist mir der Ausspruch eines sehr alten, im geistlichen Leben gereiften Wüstenvaters: er sagt, daß er jeden Tag ganz neu beginnen müsse mit seinem christlichen Dasein.

Ich bin überzeugt davon, daß der Wunsch, neu anzufangen, einer der Urwünsche eines jeden Menschen ist. Und es gehört zu den kostbaren Geschenken unseres christlichen Glaubens, daß wir niemals, so lange wir leben, zu resignieren brauchen. Daß gerade das Abenteuer eines Lebens in der Nachfolge Jesu Christi in der Möglichkeit besteht, immer wieder neu anfangen zu dürfen - das Vergangene hinter uns zu lassen: "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung, das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden." sagt der Apostel Paulus (2 Kor 5,17) Und dieses Neuwerden ist keine einmalige Angelegenheit, sondern ein Zustand, der das christliche Dasein ständig trägt und begleitet. Das Ursymbol dafür ist das "Kind":



Das Ursymbol des "Kindes".
Was kann nicht der Anblick oder auch nur der Gedanke an ein Kind alles in uns auslösen! Ich kenne eine junge Frau, die offen sagte, sie habe Gott erstmals als Wirklichkeit erlebt in dem Augenblick, als sie ihr erstes neugeborenes Kind im Arm hielt. In jedem Neugeborenen können wir etwas von diesem Mysterium spüren, wenn wir uns ihm meditierend, d.h. in den Tiefenschichten geöffnet, aussetzen. Jeder von uns spürt, wie das Menschsein verlorengeht, wo Kinder Grausamkeiten ausgesetzt werden, die man bei Erwachsenen vielleicht gerade noch ertragen zu können meint.

Das Kind ist, nach C.G.Jung ein Ursymbol, ein archetypisches Symbol. Das bedeutet, daß dieses Symbol ganz tief in jedem von uns verwurzelt ist. Und wenn wir dieses Urbild nicht zulassen, wenn wir es vielleicht schon seit langem verdrängt haben, dann bindet es kostbare Lebenskräfte in uns. Sie werden frei, wenn wir das Verborgene, Verdrängte, zum Leben zulassen. Dies ist eine erfahrbare Tatsache, auch wenn der Prozeß selbst manchmal schmerzlich sein kann.

Und gewiß ist es kein Zufall, daß Gott für seine Menschwerdung das "Kind" gewählt hat. Wie tief das Weihnachtsgeschehen die tiefsten Seelenschichten der Menschen anrührt (sowohl im positiven als auch im negativen Sinn), brauche ich hier wohl nicht weiter zu sagen.

Nach Paul Tillich (evang. Theologe, + 19..) trägt aber ein menschliches Symbol, wenn es einmal von Gott benutzt worden ist, in sich in sich etwas von der Wirklichkeit, auf die es hinweist. Seit Jesus Gott Vater genannt hat, wohnt der Vaterschaft eine neue, gottgeschenkte Würde inne. Seit Gott das Kind benutzt hat, um sich selbst dieser Erde zu schenken, wohnt jedem "Kind" eine neue Würde inne, die nicht nur im Bewußtsein des Menschen selbst tief verwurzelt ist, sondern darüber hinaus eine göttliche Bedeutung in sich trägt. Dies gilt nun nicht nur für das Kind, das ich vor mir sehe, sondern auch für das verborgenen "Kind" in mir selbst.

Ob Sie sich in dieser Woche einmal auf dieses Wagnis einlassen mögen - das Kind in Ihnen selbst zu entdecken und wo es an die Seite geschoben wurde, ihm wieder Lebensraum zu schenken? Ich möchte Sie dabei auf dem Weg mitnehmen, den ich vor vielen Jahren begonnen habe, und der für mich selbst fast täglich in einer neuen Weise wichtig, ja lebensnotwendig geworden ist und immer wieder neu wird.



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