Karin Johne

Der Ruf nach dem "Meister" - 
Ausbildung zur geistlichen Begleitung 1

Überblick:
-  Die Fragestellung: Kann man überhaupt für geistliche Begleitung ausbilden?
-  Ziel aller geistlichen Begleitung
-  Voraussetzungen jeder geistlichen Begleitung
-  Was kann eine Ausbildung leisten?
-  Die Auswahl der Teilnehmer
-  Beginn der Ausbildung
-  Grundelemente der Ausbildung
-  Methoden der Ausbildung
-  Abschluss der Ausbildung

Geistliche Begleitung ist in manchen christlich-meditativen Kreisen ein heute vielgebrauchtes Wort Es ersetzt das frühere Wort "Seelenführer" im katholischen Raum und nimmt eine Sehnsucht auf, die sich in manchen östlich geprägten spirituellen Gruppen als "Ruf nach dem Meister" 2 darstellt. In den letzten Jahren ist auf diesem Gebiet mancher Versuch gemacht worden, dem starken, wenn auch verborgenen Ruf nach geistlicher Begleitung nachzugehen und Wege zu suchen, mehr solcher Möglichkeiten anbieten zu können.

Die Frage nach der Ausbildung von Menschen, die andere geistlich-spirituell begleiten können, stellt sich an unterschiedlichsten Orten. Wichtige Anregungen haben die Jesuiten in den letzten Jahren hier gegeben 3  - und ebenso fragen Benediktiner in neuer Intensität danach, wie geistliche Begleitung im frühen Mönchtum 4 geschehen ist - sowohl bei Männern als auch bei Frauen.

Wir selbst haben vor einigen Jahren in der ehemaligen DDR einen vierjährigen Ausbildungskurs für geistliche Begleitung in ökumenischer Zusammensetzung angeboten - und seitdem werde ich immer wieder danach gefragt, welches die Grundelemente dieser Ausbildung ausgemacht haben. So will ich als Anregung einiges davon hier darstellen - in der Hoffnung, das auf diesem Gebiet weitere Wege erschlossen und Erfahrungen ausgetauscht werden können.


Die Fragestellung:

Kann man überhaupt für geistliche Begleitung ausbilden?

Gleich zu Beginn stellt sich die Frage, ob es überhaupt die Möglichkeit gibt, für eine geistlich-spirituelle Begleitung ausbilden zu können. Die benediktinische Tradition geht mehr davon aus, dass eines Tages ein Schüler den (= seinen) "Meister" findet, und dass der Meister in diesem "Anspruch" seine Berufung zum Meister erfahren kann. Dagegen sucht man in der ignatianischen Tradition heute nach neuen Wegen, die das Umfeld einzuüben versuchen, das für heutige geistliche Begleitung unumgänglich nötig ist. Da werden manche psychologischen Theorien und Wege daraufhin abgelauscht, welche Chancen für die geistliche Begleitung darin liegen könnten. 5

Wenn man jedoch hin und wieder hört, was unter "geistlicher Begleitung" auch angeboten werden kann, erscheint es dringend notwendig, im Rahmen einer Ausbildung wenigstens das zu lehren, was man alles grundlegend falsch machen kann. Und das ist vieles! Aber sicher beschränkt sich die Ausbildung nicht nur auf etwas Negatives!

Ziel aller geistlichen Begleitung

Das letzte Ziel, was uns als Christen bei geistlicher Begleitung vor Augen liegt, meint, dass ein Begleiter dem Begleiteten Hilfen zu zeigen und zu geben vermag, durch die er selbst seinen ureigenen Weg erspüren und gehen kann - ein Weg, der ihn mehr und mehr zu eigenen Gotteserfahrungen und vielleicht zu Gottesbegegnungen führen könnte, wonach heute so mancher Mensch dürstet. Nicht mehr, aber auch nicht weniger strebt geistliche Begleitung an. Alles andere hat Hilfsfunktion, und soll als solche gesehen werden.

Voraussetzungen jeder geistlichen Begleitung

Ein persönlicher geistlicher Weg.

Wer selbst schon positive Erfahrungen mit einer spirituellen Begleitung gemacht hat, wird sofort bestätigen: Das Entscheidende kann ein Begleiter nicht durch "Ausbildung" lernen, sondern durch ein eigenes geistliches Leben, durch eigenes inneres Wachstum. Das kann sich der Mensch nicht in wenigen Monaten oder Jahren aneignen. In dieser Richtung sind in einer ökumenischen Arbeit die Katholiken mit ihren jahrhundertealten Orden der evangelischen Kirche voraus. Sie haben von vornherein ein Potential von Menschen, die aus einer spirituellen Tradition kommen, die sie schon im eigenen Leben erlebt und erprobt haben. Wir hoffen, dass die jungen evangelischen Orden diese Lücke auch in der evangelischen Kirche bald umfassender ausfüllen können, als das bisher der Fall sein konnte. Gute Ansätze dazu sind schon zu finden, wofür ich immer neu dankbar bin.

Aber auch das wird einem in einer jahrelangen ökumenischen Arbeit deutlich: Es gibt mehr sogenannte "Laien" in jeder Kirche, als man gemeinhin vermutet, die zeitlebens oder doch über Jahre hinaus ein intensives geistliches Leben führen - und damit eine gute Voraussetzung mitbringen, auch andere zu begleiten, wenn sie nur das nötige Handwerkszeug dazu noch in die Hand bekommen.

So kann man als wichtigste Voraussetzung für die geistliche Begleitung ein eigenes bewusstes spirituelles Leben nennen, das reflektiert und vertieft werden kann. Dazu dient solch eine Ausbildung.

Erfahrungen mit eigener geistlicher Begleitung.

Für mich war es gerade das Erleben, welcher Reichtum ein gute geistliche Begleitung in das Leben einbringen kann, was mich selbst auf den Weg brachte, nach vielen Jahren eigener Erfahrung solch einen Ausbildungskurs ins Auge zu fassen. Ich erlebte den Hunger nach geistlicher Führung - und den Mangel an Menschen, die diesen Hunger stillen konnten. Doch wahrscheinlich wird sich auch kaum jemand dafür interessieren, andere Menschen geistlich zu begleiten, wenn er nicht selbst auf diesem Gebiet eigene positive Erfahrungen gemacht hat.

Was kann eine Ausbildung leisten?
Reflexion eigener geistlicher Erfahrungen

Ein Mensch, der den Wunsch hat, andere zu begleiten - oder der (was auch nicht selten vorkommt) sich einfach in der Situation vorfindet, dass andere Menschen von ihm spirituelle Wegweisung erwarten und erbitten, wird an erster Stelle seinen eigenen inneren Weg mit seinen Erfahrungen und Gefährdungen selbst reflektieren müssen - um diesen Weg dann immer mehr vertiefen zu können. Hat er selbst schon Begleitung erfahren, wird er wissen, worum es geht.

Abstand von eigenen Erlebnissen und Erfahrungen

Unmittelbar nach dem eben Gesagten muss das andere stehen: Eine der größten Gefahren bei geistlicher Begleitung ist die Meinung, dass der eigene Weg auch unbedingt der heilsame Weg für den anderen sein müsste! Nur wer sich selbst mit seinen Erlebnissen relativieren kann, ist zur echten Ehrfurcht vor dem je eigenen Weg des anderen fähig - und von daher auch zur Begleitung eines anderen Menschen mit dessen ureigenem Weg.

Die Auswahl der Teilnehmer

Wir mussten uns unsere möglichen Teilnehmer für diese Ausbildung auswählen und sie fragen, ob sie Lust zur Teilnahme hätten. Die Auswahl erfolgte nicht willkürlich, sondern wir sprachen Menschen an, von denen wir wussten, dass die genannten Voraussetzungen bei ihnen vermutlich zutreffen würden. Wer über Jahre regelmäßig an Exerzitien und Meditationskursen teilgenommen, wer schon mehrmals selbst Einzelexerzitien gemacht hatte, kam in den näheren Kreis der Auswahl. Daneben sahen wir Menschen, welche bereits in einem intensiven seelsorgerlichen Wirken standen, ohne dafür "beamtet" oder irgendwie ausgebildet zu sein. Weiterhin musste als Kriterium für die Auswahl gelten, dass der Teilnehmer auch nach dieser Ausbildung ein gewisses Maß an Möglichkeiten haben würden, sich für diese Aufgaben einzusetzen.

Beginn der Ausbildung

Zum Start bekamen wir Hilfe durch P. A. Lefrank SJ aus Frankfurt, der sich damals schon intensiv mit dem Gedanken seiner GIS (Gemeinschaft ignatianischer Spiritualität) 6 -Ausbildung befasste und uns auch aus der Ferne die vier Jahre hindurch begleitet hat, bis zum Abschluss, an dem er wieder unter uns war. Dieses Wissen gab uns innerlich oft Hilfe und Mut zum Weitergehen, wenn sich manche Schwierigkeiten auftürmten.

Grundelemente der Ausbildung

1. Verpflichtung zur regelmäßigen persönlichen Gebetszeit am Tage unter Inanspruchnahme eigener regelmäßiger Begleitung.

Um diesen Punkt konkret zu machen, ließen wir die Teilnehmer mit Begleitung den "Geistlichen Übungsweg" 7 gehen, so dass jeder sich testen konnte, wie er mit dieser Verpflichtung zur täglichen Stille zurechtkam. Fast übereinstimmend wurde nach dieser Zeit geäußert, dass es zwar manchmal hart gewesen sei, dass aber gerade die Verpflichtung auch eine große Hilfe bedeutet hätte, um dranzubleiben.

2. Grundlegende Hilfen, die nötig sind, um Gespräche gut führen zu können:

Dabei ging es darum, nicht nur theoretisch, sondern bestimmte Methoden erfahrungsmäßig kennen zu lernen und zu üben, sie anderen zu vermitteln. Das geschah sowohl in den Regionalgruppen als auch in zusammenhängenden Übungskursen (s.u.).

Es ging dabei um Themen wie etwa:
- Gesprächsführung: also einfühlsam hören lernen, den anderen annehmen, seine Körpersprache verstehen und ähnliches;
- den Umgang mit Bildern und Träumen (C.G.Jung);
- vielerlei unterschiedliche Meditationsweisen;
- unterschiedliche biblische Meditationsmethoden

3. "Unterscheidung der Geister"

Ganz entscheidend für uns alle war in mehreren Kursen das Angebot zum Thema: "Unterscheidung der Geister". Es gibt Hilfen, besser herauszufinden, was der Wille Gottes für mich in dieser oder jener Situation ist - und wenn es nur die Vorstellung zweier Möglichkeiten ist, während ein Partner genau meine körperlichen Reaktionen beobachtet und wir uns dann darüber austauschen können! Wieder geht es in der Begleitung darum, Möglichkeiten kennen zu lernen, durch die der Begleiter dem Begleiteten helfen kann, sich selbst besser zu erkennen - mit seinen Gefahren und Chancen.


Methoden der Ausbildung

Ich kann und will hier keine letztgültigen Normen aufstellen, die für jede Ausbildung Geltung hätte - denn sie wäre so wie so bald wieder überholt. Ich möchte einfach etwas davon berichten, was sich in unserer Ausbildungsgruppe bewährt hat.

Es war ausschließlich eine berufsbegleitende Ausbildung, so dass wir die Teilnehmer nicht überlasten durften. So erwarteten wir von ihnen neben dem täglichen persönlichen Gebet in möglichst in jedem Jahr die Teilnahme an folgenden gemeinsamen Veranstaltungen:

- an 10 -tägigen Einzelexerzitien,
- an einem dreitägigen Weiterbildungskurs und
- am Treffen der Regionalgruppe, das etwa im 6-Wochen - Rhythmus stattfand, jeweils an einem Sonnabend.

In den Regionalgruppen geschah wahrscheinlich die intensivste Weiterbildung . Die Treffen wurden bestimmt durch ein grundlegendes Thema und dann machten wir nach einer 20 - minütigen Meditation Gesprächsübungen in der Gruppe. Gesprächsgrundlage waren die frischen Meditationserfahrungen der gemeinsamen Meditation. Jeweils einer war Begleiter und ein anderer Begleiteter, die Gruppe hörte zu und äußerte sich nach jedem Gespräch zu beiden Gesprächspartnern. Dann kamen die nächsten daran. Da in den Gruppen ein sehr gutes Vertrauen gewachsen war, waren diese Gespräche echt. Ohne es angestrebt zu haben, vollzog sich dabei oft so etwas wie Gruppenseelsorge, wenn etwa jemand, angeregt durch die Meditation, eine persönliche Lebensfrage in das Gespräch eingebracht hatte - und die Umsitzenden dem Begleiter vorschlugen, wie sie jeweils vielleicht in dieser Situation reagiert hätten. - Oder wenn durch die Meditation eine grundlegende Lebensfrage thematisiert worden war, wuchs die Gruppe noch mehr zusammen, indem sich jeder äußerte, wie er persönlich mit dieser Lebensfrage umging. Diese Gesprächszeiten waren oft mit den Auswertungen mehrere Stunden lang und sehr anstrengend, aber gleichzeitig für uns alle tief beglückend und fruchtbar. Allerdings geschah es nicht nur einmal, dass die Gruppe streikte, ehe alle dran waren, weil wir einfach nicht mehr in uns aufnehmen konnten. Auch das war o.k.

In den beiden letzten Jahren baten wir die Begleiter einzeln, in Einzelexerzitien mit Gemeinschaftselementen (5 Tage) mitzutun. Sie hatte dort einen Exerzitanten im täglichen Gespräch zu begleiten und wurden dabei supervisiert. Außerdem mussten sie mittun bei den Impulsen für die Meditationszeit, die täglich zweimal gegeben wurden. In der Supervision stellte sich manches heraus, was erst die Praxis sehen ließ - einige wirkliche Begabungen - aber auch Grenzen, die nicht zu übersehen waren.

Abschluss der Ausbildung

Durch diese verschiedenen Elemente, die alle zusammen wichtig waren, zog sich die Ausbildung, deren Schritte sich jeweils erst im Weitergehen ergaben, über vier Jahre hin. Sie wurde abgeschlossen mit einem gemeinsamen Treffen, auf der sich die Gesamtgruppe noch einmal zu jedem einzelnen und seinen Möglichkeiten und Grenzen äußern konnte. Schließlich erbaten wir von der Ev.Luth.Landeskirche Sachsens, die diese Ausbildung mit getragen hatte, für die Teilnehmer ein abschließendes Zertifikat, das ihnen die Ausbildung bestätigte. Wir waren alle dankbar für diese Jahre eines intensiven geistlichen Miteinander-Lebens.



Anmerkungen:

1 Veröffentlicht in „Meditation“ 1993 Heft 1 (Christianopolis-Verlag, Weilheim 1993)

2 Buchtitel von Graf Dürckheim

3 Viele wichtige Impulse gingen aus von der Gruppe ignatianischer Spiritualität, die sich in Frankfurt/Main vor einigen Jahren gebildet hatte und die seitdem sehr intensive Zwei -Jahreskurse (GIS) anbot. Daneben stehen viele Angebote durch die GCL, die Gemeinschaft christlichen Lebens in Augsburg. Von Jahr zu Jahr haben sich die Angebote an unterschiedlichen Orten gemehrt.

4 vgl. dazu z.B. das Heft: Grün, A. "Geistliche Begleitung bei den Wüstenvätern", Münsterschwarzach 1992

5 So entdeckte man z.B. das "Enneagramm" (R. Rohr)  als neue Möglichkeit für die Exerzitienbegleitung.

6 s.o. Anm.

7 Johne, K. "Geistlicher Übungsweg für den Alltag", Graz 19994


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