Karin Johne

MIT MÄRCHEN MEDITIEREN 1


Überblick:
Märchen und archetypische Symbolbilder - Von der Wichtigkeit archetypischer Urbilder für unsere gesunde Entwicklung
1. Märchen bringen uns in Berührung mit der Dynamik meditativer Urerfahrungen a) Meditative Aspekte des Märchenerzählens
b) Inhaltliche Aspekte des Märchens
2. Märchen bringen uns in Berührung mit der Dynamik menschlicher Urerfahrungen - Meditieren eines Märchens als konkrete Lebenshilfe Das Märchen zeigt uns unterschiedliche Menschentypen
Das Märchen zeigt unterschiedliche Verhaltensweisen
Das Märchen zeigt uns, dass Rettung möglich ist
Das Märchen nimmt uns hinein in einen inneren Verwandlungsprozess
Das Märchen zeigt: Wer das Ziel erreicht hat, rettet auch die anderen
Das Märchen weiß um die Kostbarkeit der Weisheit
Das Märchen zielt oft auf die Anliegen der Individuation in der zweiten Lebenshälfte
3. Märchen bringen uns in die Berührung mit der Dynamik spiritueller Urerfahrungen - Meditieren eines Märchens als konkrete Glaubenshilfe Der Christ braucht neben der Aktion die Kontemplation
Das Märchen kann uns helfen, als Christ den Weg zu Gott zu suchen
Das Märchen kann uns helfen, auch das Kreuz in einem neuen Licht zu sehen
Das Märchen kann uns zeigen, wie wichtig eine Möglichkeit des Neubeginns nach einem Versagen ist.
Das Märchen kann uns unsere stellvertretende Macht gegenüber den "Dämonen" unserer Zeit aufzeigen
Das Märchen kennt den christlichen Grundgedanken der Erlösung
Das Märchen kennt das Ziel des "Lebens in Fülle" (Joh 10,10)

Märchen und archetypische Symbolbilder - Von der Wichtigkeit archetypischer Urbilder für unsere gesunde Entwicklung
Ich möchte an das Thema des Märchens einmal von einer ganz ungewohnten Seite herangehen – und Sie fragen: Haben Sie sich schon einmal die Zeit genommen, einen Baum zu meditieren?

Ich meine damit nicht, dass Sie bei der Begegnung mit einem Ihnen unbekannten Baum überlegen, was für ein Baum das sein könnte und ihn genau in seiner Eigenart betrachten. Nein, ich meine: Haben Sie sich schon einmal mindestens eine halbe Stunde Zeit genommen und einfach im Schauen auf einen Baum verweilt? "Innehalten" sagt ein schönes altes deutsches Wort dafür.

Und haben Sie dann im stillen Anschauen dieses Baumes gewartet, ob der Baum vielleicht etwas in Ihnen "angesprochen" hat? Ist Ihnen da irgend etwas eingefallen, was in solchem stillen Verweilen vor diesem Baum zum Klingen, zum Mitschwingen kam? Hat der Baum irgend etwas in Ihrer Tiefe angerührt, was Ihnen plötzlich dadurch selbst erst zum Bewusstsein gekommen ist? Sagen wir es kurz: Haben Sie einmal einen Baum "zu sich sprechen lassen" - nicht zu Ihrem Verstand, sondern - wie wir sagen - zu Ihrem Herzen? Und haben Sie dabei etwas davon gespürt, dass es eine "Sprache" gibt, nicht mit Worten und Begriffen, in welcher ein Baum zu Ihnen sprechen kann?

Es war vor einigen Monaten: An einem schönen Frühsommertag waren wir mir 50 Mitarbeitern der Jugendarbeit in einer herrlichen Umgebung zusammengekommen, um miteinander zu meditieren. Die meisten der Teilnehmer hatten noch nie eine Meditationsübung mitgemacht. Aber nach einer gründlichen Vorbereitung ließen sie sich darauf ein, sich einen Baum zu suchen und in der angegebenen Weise mindestens 30 Minuten lang vor ihm zu verweilen. Als wir uns danach zum Austausch wieder trafen, hatte jeder der Teilnehmer sein Erlebnis gehabt, an dem er die Gruppe teilnehmen ließ.

Einer sagte: "Mein Baum stand ganz allein. Er hatte sich ungehindert entfalten können, nicht wie andere Bäume im Wald eingeengt durch seine Nachbarn. Aber er war auch vom ständigen Wind ein wenig zerzaust und verbogen."

Ein anderer hatte etwas anderes gesehen: "Bei meinem Baum war ein Ast herausgebrochen - ein alte Wunde. Aber ich sah, dass die anderen Äste diese Lücke ausfüllten, dass sie dort hineingewachsen waren, wo sonst eine bleibende Lücke geklafft hätte. Ich war sehr froh darüber."

Ein anderer wieder hatte fasziniert beobachtet, wie sich die Wurzeln seines Baumes mitten zwischen den Felsen des steinigen Hanges ausgebreitet hatten, wie sie das karge Erdreich zwischen den Felsen durchwachsen hatten und die Nahrung für den Baum dort fanden, wo ein Mensch nie eine Lebensmöglichkeit für einen Baum vermutet hätte.

Ich könnte noch lange fortfahren. Jeder der Teilnehmer hatte etwas anderes, für ihn Wichtiges, entdeckt.

Versuchen wir, ein wenig zu erklären, was hier geschehen ist:

Die Männer und Frauen hatten dadurch, dass sie sich auf etwas ihnen sonst Ungewohntes einließen - nämlich eine lange Zeit sich einfach auf ein Symbolbild einzulassen - selbst erfahren, dass dieses Symbol zu ihnen zu "sprechen" begann, und zwar zu jedem anders; Sie erlebten, dass das Symbol jeden an einer für ihn wichtigen Stelle seines Lebens, seiner Erfahrungen ansprach. Der Baum - gerade als Baum an sich - ist ein Ursymbol, ein Urbild, ein "archetypisches Symbol". Solche Urbilder, solche archetypische Symbole haben für die innere Entwicklung des Menschen einen unersetzlichen Wert.

Ich möchte das nach drei Seiten hin entfalten:
 

1. In der Begegnung mit Urbildern wächst und gestaltet sich die menschliche Seele. Wie ein unentwickelter Film ruhen solche Urbilder gewissermaßen auf dem Grund der Seele eines jeden Menschen. Und sie brauchen die Begegnung mit dem äußeren realen Symbolbild, damit sich die verschiedenen Möglichkeiten der Seele nach und nach ausformen, Gestalt gewinnen können: damit der Film "entwickelt" werde. Ganz deutlich wurde mir das beim Lesen der Autobiographie des taub-stumm-blinden Kindes Helen Keller, deren gesamte psychische Struktur chaotisch, ungeformt blieb, bis sie endlich den Zugang zur äußeren Welt mit ihren Urbildern erschlossen bekam, und sie sich erst dadurch psychisch zu einem wahren Menschen entwickeln konnte.

- Das Fehlen bestimmter Urbilder, das Fehlen der Begegnung mit ihnen lässt die Seele einseitig, "schief" wachsen - was sich dann besonders in der zweiten Lebenshälfte als bedrängend, als äußerst schmerzhaft, ja gar als lebensbedrohend (nämlich das volle Leben bedrohend) auswirken muss. Stellen wir uns z.B. ein Kind vor Augen, das in der Steinwüste einer Großstadt aufwächst, und nie die Möglichkeit bekommt, das Wachsen, Blühen und Reifen in der Natur mitzuerleben. Dem Kind fehlt etwas Entscheidendes, ohne dass man es gleich in Worte fassen könnte. Ebenso - als anderes Beispiel - erfahren wir es immer neu, welch einseitige, oft krankmachende Entwicklung ein junger Mensch durchmacht, dessen tiefste innere Sehnsucht nach einem Vater, der beschützt und Identität verleiht oder nach einer Mutter, die nährt, Liebe und Geborgenheit schenkt, nicht in gesunder Weise aufgefangen wird in der Begegnung mit einer realen Vater- bzw. Muttergestalt.

2. Dass es solche Fehlentwicklungen nicht erst heute gibt, sondern schon zu allen Zeiten, das erfahren wir, wo wir uns näher auf die Märchen einlassen. Sie gehen sehr oft von solchen krankmachenden Fehlentwicklungen aus, aber sie bleiben dabei nicht stehen, sondern nehmen uns mit auf den Weg, der aus solchem "Unheil" herausführen kann. Im "Handbuch für Psychologie" fand ich den Satz: "Wo Urbilder sich nicht verwirklichen können oder sich in einer falschen Weise verwirklichen, wird der Mensch psychisch krank; Hilfe zur echten Verwirklichung kann deshalb Heilwirkungen auslösen, die man oft als Folge regelmäßiger Meditation erfährt."

3. Die gleiche Funktion können Märchen wahrnehmen. Gerade bei orientalischen Märchensammlungen wie z.B. bei bekannten "Märchen aus Tausend und einer Nacht" wird es deutlich: "Die sogenannten Rahmenerzählungen beginnen alle damit, dass ein Mensch in einer zwanghaften Schicksalssituation zu stehen scheint. Durch die zugleich unterhaltsamen und lehrreichen Geschichten eines Weisen, eines Vogels, einer Amme oder einer Schönen wird der Zuhörende unmerklich gewandelt und damit dem rechten Lebensstrom wieder eingegliedert. Der Weg der Wandlung und nicht etwa nur das glückliche Ende ... ist der Kernpunkt der Geschichten." 2


Solche Wandlung aber geschieht nun gerade in der Begegnung mit den archetypischen Urbildern. Ihre Fülle ist vielgestaltig wie das Leben selbst. Was wir am Baum verdeutlicht haben, könnten wir ebenso aufzeigen und erfahrbar machen an dem Feuer oder der Quelle, am Gebirge oder dem Meer, an der Höhle oder am Garten. Und nicht nur Dinge sind es die archetypische Grundmuster in uns zum Leben erwecken, sondern es können auch archetypische Situationen sein, archetypische Handlungs- und Verhaltensweisen oder archetypische Werte bzw. Unwerte. Allen aber ist gemeinsam:
 

- Wo ich mich meditierend auf sie einlasse, können sie archetypische Sehnsüchte ins Bewusstsein treten lassen.

- Wo ich mich bisher verdrängten, unausgeformten Ursymbolen aussetze und sie zur Entfaltung kommen lasse, können sie ungeahnte Energiequellen in mir freilegen.

- Aber auch das ist zu beachten: Wo solche Energien zu lange abgespalten und verdrängt waren, können sie mich mit ihrer negativen Energieladung überfluten, wie wir es alle aus Alpträumen kennen, und wie es in letzter Überspitzung in einer Psychose geschehen kann. Deshalb ist es um so wichtiger, die Fülle dieser Archetypen immer wieder an uns heranzulassen, wie es in der einfachsten und gesündesten Weise im Umgang mit Märchen geschieht.
 


1. Märchen bringen uns in Berührung mit der Dynamik meditativer Urerfahrungen - Meditieren eines Märchens als Hilfe zur Symbolfähigkeit

Meditation bedeutet, dass der Mensch sich bemüht, den Weg nach innen, zum innersten Personenkern, Schritt um Schritt zu gehen. Ich nenne das den meditativen Weg. Er findet sich in allen Menschheitskulturen und in allen Religionen, bei allen Völkern und zu allen Zeiten - gewiss in sehr unterschiedlichen Formen. Und diese Gemeinsamkeit weist darauf hin, dass dieser Weg nach innen mit einer archetypischen Sehnsucht im Menschen zusammenhängt; dass der Weg nach innen eine im Menschen zutiefst angelegte Weise seines Weges im Vollzug seines Lebens ist.

Dieser Weg interessiert uns in unserem Zusammenhang, was selbstverständlich andere Möglichkeiten nicht ausschließt, sondern, wie oben schon gesagt wurde, auch einseitig und krankmachend wirkt, wo eine gesunde Ergänzung fehlen würde.

Schauen wir uns nun diesen meditativen Weg näher an, so kristallisieren sich bestimmte Verhaltensweisen heraus, die sich immer wieder als diesem Weg zugehörig erweisen. Ich nenne hier einige, die noch weiter ergänzt werden könnten

a) Meditative Aspekte des Märchenerzählens Es geht um den Weg aus der Unruhe heraus - Eine wichtige Aufgabe für alle, die diesen Weg gehen wollen, ist die Absage an alle Unruhe, die von außen kommt und sich auf äußere Dinge bezieht. Alle nach außen gerichteten und durch äußere Einflüsse hervorgerufenen Bewegungen - denen der Mensch normalerweise ständig ausgesetzt ist, sollen zur Ruhe kommen, damit sich die ganze verfügbare Dynamik nach innen richten kann. Das Stillsitzen, wovon auch die großen Mystiker immer wieder sprechen, ist die Weise, in der sich das ausdrücken kann.


Es geht darum, uns ganz auf Bilder einzulassen

- Das Schweigen - zuerst des Mundes, dann aber auch der inneren umherschweifenden Gedanken und Gefühle - ist eine weiter Aufgabe, der wir immer wieder in verschiedenen Varianten begegnen. "Bleibe in deiner Zelle und deine Zelle wird dich alles lehren", war eine wichtige Wegweisung der Wüstenmönche


Es geht darum, innere Spannung loszulassen

- Die Ent-Spannung von allem, auf das ich mich nach außen hin "spanne", weil ich es erreichen oder haben möchte - oder was mich in Spannung hält, weil ich mich davon bedroht fühle, ist ein weiterer wichtiger Schritt. Nur so wird die echte, sinnvolle Spannung auf das wichtigste Ziel hin frei. Dass äußere Entspannungsübungen nicht alle Spannung, sondern nur falsche Spannungen abbauen wollen und sollen, muss heute oft deutlich gesagt werden.


Es geht darum, wieder tief zu atmen

- Eng damit verbunden ist die Umstellung des Atmens von einer Oberflächlichkeit (flaches, schnelles Atmen entspricht einer Außengerichtetheit des Menschen in diesem Augenblick) zu einer "Tiefenatmung", die in sich zur Ruhe und Entspannung führt, und auf die Dauer eine verwandelnde Kraft besitzt.


Es geht um eine Berührung mit den Schichten des Unbewussten

- Diese leiblichen Komponenten erweisen sich als notwendige Hilfen, um das Wagnis aus sich nehmen zu können, das jeder Weg nach innen enthält: Die Bereitschaft, in Berührung mit den Unbewussten zu wagen mit allen Gefahren, die das in sich birgt. Wie gehe ich damit um - wie begegne ich diesen Gefährdungen: Dieser Frage und dieser Aufgabe muss sich jeder wahre meditative Weg stellen. Und es sind nicht zuletzt die Märchen, die uns hier wichtigste Antworten zu geben haben.


Es geht um den Weg zu unserem Personkern

- Der meditative Weg hat ein Ziel, um dessentwillen allein sich Menschen aller Zeiten und Orte, auf dieses Wagnis eingelassen haben: Wer das Ziel erreicht, nämlich seinen innersten Personkern zu berühren, findet dort eine Quelle, aus der das ganze Leben eine neue, seine eigentliche wahre Qualität und Identität bekommen kann.


Es geht darum, wieder von Kindern zu lernen

Sind wir eigentlich noch bei unserem Thema, dem Märchen? Ich denke, wir sind mitten in der Thematik drin. Nach zwei Seiten hin mag das deutlich werden: Einmal im Blick auf die Wirkung, die ein gut, d.h. meditativ erzähltes Märchen auslösen kann - und zum anderen im Blick auf viele Märcheninhalte selbst, die sich mit diesem meditativen Weg befassen.
- Wenn früher eine Großmutter ihren Enkelkindern ein Märchen erzählte, dann hockten die Kinder gebannt, bewegungslos um sie herum, während die Erzählerin die uralten und doch immer wieder neuen Bilder des Märchens den Kindern gleichsam vor das innere Auge zaubert. Atemlos lauschten sie den Worten, in den Gesichtern spiegelten sich tieferlebte Freude, mitempfundene Angst, höchste Spannung - bis sie nach dem guten Ausgang ein tiefer, erlöster Atemzuge aus der Tiefe wieder auftauchen ließ. "Noch mal" wollten sie das Märchen in gleicher Form hören, weil sie unbewusst spürten, dass noch längst nicht alles ausgeschöpft war, was das Märchen ihnen zu sagen hatte, dass es ein gutes Erleben war, so in die Bilder und Geschehnisse hineingezogen zu werden. Meditation lebt von der Wiederholung, damit das gleiche immer tiefer aufgenommen werden kann.

- Es ist keine Frage, dass für ein Kind solch ein Märchenerleben nichts anderes ist, als seine - kindhafte - Weise des Meditierens. Was wir in Meditationskursen mit den Teilnehmern erst in langer Vorarbeit methodisch einüben müssen, damit das Meditationsgeschehen den Freiraum zur Entfaltung bekommt, das sehen wir hier bei den Kindern als spontane, selbstverständliche Verhaltensweise vor uns: Das bewegungslose Sitzen – am liebsten auf dem Fußboden -, das gespannte Lauschen, was alle anderen äußeren Störungen einfach ausblendet, das innere, "tiefe" Miterleben des Geschehens, die Korrespondenz des Atmens mit dem inneren Erleben, das wiederholende Umkreisen, das in immer größere Tiefe hineinführt.

- Sprechen wir hier nur von früher, von einer Zeit, die noch nicht vom Fernseher im Kinderzimmer bestimmt war? Ich denke nicht. Wenn wir im Meditationszentrum bei den Kirchentagen Märchenmeditationen anbieten, so werden diese Angebote ganz besonders gern wahrgenommen - von erwachsenen Menschen, welche spüren, dass ihnen hier etwas für sie Wichtiges geschieht. Märchen sind ja ursprünglich Volks- , nicht Kindermärchen!
 

Das ist die eine Seite, die - man braucht es wohl kaum eigens zu sagen - nur dort sichtbar wird, wo ein Märchenerzähler aus seiner eigenen meditativen Mitte her die meditative Mitte des Hörenden anrührt. Und das gilt nicht nur für Kinder.

Der andere Blickpunkt mag sich auf inhaltliche Aspekte des Märchens richten: Was wir oben mit vielen Worten als den Weg nach innen und die zugehörigen Verhaltensweisen zu beschreiben versucht haben, das stellen uns viele Märchen ganz "einfach" in Bildern vor Augen. Sie machen "anschaulich", was so schwer in Worte zu fassen ist.

b) Inhaltliche Aspekte des Märchens Mangelsituationen als Ausgangspunkt für den eigenen Weg - Da sind zu Beginn vieler Märchen Menschen in einer Not- oder Mangelsituation, die sie zwingt, aufzubrechen und sich auf den Weg zu machen.


Länge des Weges

- Dieser Weg ist lang (manchmal heißt es deutlich: "und er ging und ging und ging") und er ist nicht mit den "normalen" Kräften des Alltagsbewusstseins (oft aufgezeigt in den älteren, "tüchtigeren" Söhne, die dann versagen) zu bestehen.


Hindernisse auf dem Weg

- Der Weg führt nicht auf gewohnten und gebahnten Pfaden, sondern wer diesen Weg begeht, muss unbekannte Gefilde überwinden ("Wälder", "Flüsse", "Gebirge" u.a. sind Symbole für das Unbewusste, in das hinein der Weg gewagt werden muss)


Gefahren des Weges

- Die Gefahren dieses Weges sind groß: Das Böse, das vernichtet werden muss, begegnet in der Form von Drachen oder wilden Tieren, das "relativ" Böse, das nur abgespalten war und integriert werden muss, begegnet in der Gestalt von verzauberten Tieren oder Gestalten.


Chancen des Weges

- Doch ebenso groß sind die Chancen dieses Weges: Was verzaubert war, kann und soll erlöst werden. Und oft gipfelt der Weg in der Erlösung der verwunschenen Jungfrau durch den Helden: die "anima" wird "erlöst" - der verdrängte gegengeschlechtliche Anteil im Menschen darf zum ganzen, "schönen" Leben erwachen (die erlösten Prinzessinnen sind einzigartig schön!), und nun ist das Leben wieder "ganz", wieder "heil" geworden. Damit stehen wir schon am Ziel:


Ziel des Weges

- Das Ziel des meditativen Weges, das wir als Personkern zu beschreiben versuchten, stellt das Märchen in kostbaren Bildern vor uns hin, die gerade in ihrer Verschiedenartigkeit auf das letzte unsagbare Geheimnis dieses Geschehens verweisen: Da findet die "heilige Hochzeit" statt, in der die Gegensätze zur Einheit zusammenfinden, da bekommt der Märchenheld die "Königsherrschaft" übertragen, in der alle widerstrebenden Kräfte, die sich im Menschen finden, nun von einem einheitlichen Prinzip geordnet werden, damit sie zum Heile des Ganzen beitragen. Oder "die Quelle" mit dem lebendigen Wasser wird gefunden, deren Wasser alle Krankheiten heilen, ja Tote zum Leben erwecken kann.
 
Wie könnte es besser dargestellt werden, dass es auf dem meditativen Weg darum geht, die verschüttete oder scheinbar versiegte innere Lebensquelle wieder freizulegen, aus welcher heilende Kräfte fließen, nicht nur für den Meditierenden, sondern durch ihn für die Welt, in der er lebt.


2. Märchen bringen uns in Berührung mit der Dynamik menschlicher Urerfahrungen - - Meditieren eines Märchens als konkrete Lebenshilfe

Haben wir uns auf den Weg nach innen eingelassen, so befinden wir uns auf einer neuen Ebene des Verstehens. Dann verstehen wir nicht nur das, was wir in klare, eindeutige Begriffe fassen können, sondern dann spüren wir, dass wir die Welt in einer neuen Tiefe erfassen, wenn wir sie aus der eigenen Tiefe her anschauen. Und wir erleben immer mehr, dass sich unser Innenleben in einer ständigen Wechselwirkung mit dem befindet, was wir außerhalb von uns wahrnehmen. In einem heute häufig zitierten Wort sagt Erich Fromm, dass wir Menschen eigentlich alle die Symbolsprache lernen müssten, die allen Menschen gemeinsam ist. Es ist "eine Sprache, in der inner Erfahrungen, Gefühle und Gedanken so ausgedrückt werden, als ob es sich um sinnliche Wahrnehmungen, um Ereignisse der Außenwelt handele".

In ähnlicher Weise, aber mit anderer Akzentuierung, sagt Paul Tillich 3, dass man über die letzten und tiefsten Fragen des menschlichen Daseins nicht anders sprechen könne als in Bildern und Symbolen, dass allein die Symbolsprache angemessen ist, wenn der Mensch etwas aussagen möchte über Grundfragen wie Leben und Tod, Schuld und Erlösung, Reifung und Verwandlung.

Deshalb bedienen sich die Mythen aller Zeiten und Völker dieser Bildsprache.

Während nun die Mythen der Völker die allen Menschen gemeinsamen Urfragen ansprechen und im Bildsymbol erkennbar machen, geht es im Märchen überwiegend um bestimmte, aber auch wieder für viele Menschen typische Einzelschicksale. Und auch diese Einzelschicksale in ihrer typischen Grundstruktur übergreifen alle Zeiten und Rassen, wenn auch nicht jeder einzelne Mensch die Grundproblematik seines eigenen Lebens nun gerade in dieser Grundstruktur ausgeprägt finden muss: "Reiche und geizige Menschen" einerseits und "Arme und hilfsbereite Menschen" andererseits (zwei Grundtypen menschlicher Daseinsweise) finden sich bei allen Völkern und zu allen Zeiten, aber in keinem Volk wird jeder Einzelne gerade in dieser Polarisierung die Grundproblematik seines persönlichen Lebens angesprochen finden. Wenn es wiederum auch wohl keinen Menschen geben wird, der nicht in irgendeiner Weise auch in seinem Lebensumfeld und in seinem eigenen Innenleben ein Stück dieser Problematik nachfühlen und sich dadurch in sie einfühlen kann.

Deshalb wird jeder von uns auf verschiedene Märchen auch sehr unterschiedlich reagieren. Manche Märchen werden uns in unserer augenblicklichen Lebenssituation spontan "ansprechen" - während andere eine längere Anlaufzeit brauchen, bis sie etwas in mir zum Klingen bringen. Aber die Bilder ruhen in mir, und es mag sein, dass sie zu einer späteren Zeit in einer anderen Lebenssituation plötzlich wieder auftauchen und mir eine klärende und weiterführende Weisung geben.

Schauen wir uns das nun im einzelnen an, was beim Meditieren eines Märchen geschehen kann - anders gesagt: Wie mir das Meditieren eines Märchens zur konkreten Lebenshilfe werden kann:

Das Märchen zeigt uns unterschiedliche Menschentypen

 
- Das Märchen zeigt mir unterschiedliche, ja paradox - entgegengesetzte Menschentypen: Gute und Böse, Schöne und Hässliche, Könige und Bettler, Alte und Junge, Starke und Schwache und viele andere mehr. Indem die Personen als "Typen" vor unser Auge treten, geben sie uns ein gewissen Ordnungsschema, welches das Chaos des konkreten Lebens differenzieren lässt. Deshalb hören Kinder auch so gern Märchen, weil diese ihnen helfen, Ordnung in die Vielfalt und Fülle des konkreten Lebens zu bringen. Dazu helfen diese gewissermaßen "rein" herauskristallisierten Urtypen mit ihren ihnen jeweils zugeordneten Eigenschaften und Verhaltensweisen.

Sie helfen aber nicht nur zur Klärung in der Begegnung mit der Außenwelt, sondern vielleicht in noch stärkerem Maße vermögen sie ein Stück Licht und Klarheit (durch Differenzierung) in das "innere Chaos", das Dunkel und die Verborgenheit des Unbewussten zu bringen. Und darum vor allem geht es, wenn wir uns meditierend auf Märchen einlassen. Denn was uns da an differenzierten und unterschiedlichen Polarisierungen vor Augen tritt, das ist im Menschen selbst - mindestens als Möglichkeit - alles gleichzeitig anwesend. Was die Bilder des Märchens trennen, ist in mir oft kaum unterscheidbar eng verwoben und miteinander vermischt: das Gute und das Böse, Das "Alte" (das Gewachsene und Gewordene, das sich verfestigt hat) und das "Junge" (die neuen Impulse, die aufbrechen möchten) und vieles andere. Fühle ich mich jeweils in die beiden unterschiedlichen Typen ein, die mir das Märchen vor Augen stellt, so kommen jeweils die gegensätzlichen Pole in mir selbst zum Mitschwingen, ich spüre, was da ist, spüre, wie es unterschiedliches Gewicht in meinem Leben hat, spüre vielleicht, wo jeweils Chancen und Gefahren liegen.


Das Märchen zeigt unterschiedliche Verhaltensweisen

Das Märchen zeigt mir nicht nur die Menschentypen, sondern auch anschaulich deren unterschiedliche Verhaltensweisen. Schon zu Beginn des Märchens steht und häufig eine Mangel- , eine Not- oder eine Zwangssituation vor Augen, die bedingt ist durch das bisherige Verhalten der Personen, die mit ihrer Not vor uns steht. Gerade weil sie eben nur den jeweils einen Pol in ihrem Leben gelebt hat, hat die Einseitigkeit zu dieser speziellen Not hingeführt.

Aber im weiteren Verlauf zeigt uns dann das Märchen oft die Gegensatzperson (manchmal auch in der Mehrzahl), die nun wiederum durch das ihr angemessene Verhalten den Weg aus dem Mangel und der Not heraus findet.

Die Palette ist weit und vielfältig, die uns allein unsere deutschen Hausmärchen, aber auch die Märchen anderer Völker in der Darstellung der Ausgangssituation anbieten:

 
- Da ist etwa das "Alte" (oft der alte König oder die Mutter der Kinder) lebensgefährlich erkrankt, ohne dass eine Rettung mehr möglich zu sein scheint. Oder das "Junge" (z.B. die Kinder bei Hänsel und Gretel) kann vom Alten nicht mehr ernährt werden - und wird deshalb ausgesetzt (das Alte will sich behaupten auf Kosten des Neuen). Oder es sind in manchen Märchen Kinder einer einseitig "männlichen" oder auch "weiblichen" Erziehung ausgesetzt mit ihren jeweiligen Einseitigkeiten, Vorteilen und Nachteilen ("Der Geist im Glas" zeigt eine typisch männliche Ausgangssituation, während bei "Schneeweißchen und Rosenrot" das Alleingewicht der Frauen zu Beginn des Märchens in die Augen fällt)

- Andere Märchen gehen gleich aufs Ganze: Da geschieht ein Einbruch einer anderen "Welt" - einer bisher unbekannten Seite und Möglichkeit des Lebens, und die Faszination ist so stark, dass keine Macht der Welt den jungen Menschen aufhalten kann, auf die Suche zu gehen nach dem, was ihm fehlt, und was ihm nun als einzig lebenswert erscheint.

- Orientalische Märchen stellen gern konkret eine fehlgelaufene Erziehung mit ihrem Problem an den Beginn eines Märchens: "Ein König hatte fünf schöne, starke, Söhne, die aber so blind und unbändig waren, dass sie sich von niemandem etwas sagen ließen." Ein anderes Märchen beginnt: "Schahriar hatte sein Herz verhärtet. Er hatte Betrug, Verrat und Bosheit erfahren und war ein Frauenhasser und ein grausamer Tyrann geworden." Wir könnten noch lange so fortfahren: Immer geht es bei diesen Märchen um archetypische Ausgangssituationen, welche durch jederzeit mögliche negative Verhaltensweisen konstelliert worden sind - und durch entsprechende positive Verhaltensweisen geheilt werden können


Das Märchen zeigt uns, dass Rettung möglich ist

- Märchen zeigen, dass Rettung und Heilung möglich ist, wo ein Mensch aufbricht und sich auf einen langen und weiten Weg einlässt. Alles entscheidet sich jetzt daran, wie dieser Mensch sich jetzt auf diesem Weg verhält, denn es gibt Verhaltensweisen, die zum Heil, und solche, die zum Unheil führen. 4  Immer ist der Weg ein weiter Weg und führt durch unbekannte und unwegsame (nicht vor-gebahnte) Gebiete. Von Wegabschnitt zu Wegabschnitt muss er jeweils neu gefunden werden. Dabei kommen die Impulse für die nächste Strecke niemals aus menschlicher Verstandesklugheit, sondern die "Weisheit" des inneren Gespürs - verbildlicht in den hilfreichen Tieren oder Geistern - hilft allein weiter. Der oft bis zum Äußersten gehende Kampf gegen die überdimensionalen Gegenkräfte des Bösen wird nicht durch Körperkraft und physische Stärke, sondern durch die Macht der Liebe und die unermüdliche Ausdauer im Zugehen auf das Ziel bestanden. (Der Märchenheld darf nicht stehen bleiben, nicht nach rückwärts schauen.) Auch das oft lange, geduldige Wartenmüssen, bis die Zeit reif ist, gehört zu den positiven Verhaltensweisen des Märchenhelden - ebenso wie die häufige Möglichkeit, auch falsches Verhalten durch eine neue Aufgabe korrigieren zu können.


Das Märchen nimmt uns hinein in einen inneren Verwandlungsprozess

- Aus dem allen wird deutlich: Der ‚Weg‘, der im Märchen gegangen wird, ist keine Wanderung von einem räumlichen Ort nach einem anderen - so durchgehend auch dieses Bild immer wieder gebraucht wird - sondern die Schritte, die voranbringen, sind Schritte des inneren Wachsens und Reifens, eines langen, allmählichen inneren Wandlungsprozesses. Im inneren Mitgehen des Weges, den das Märchen bildhaft vor Augen führt, im Meditieren des Märchens, vertraut sich der Mensch diesem inneren Wandlungsprozess an: Vielleicht kennen wir die Szene, die uns die Märchensammlung: "Märchen aus Tausend und einer Nacht" am Schluss schildert: Nachdem die junge Frau so viele Nächte hindurch ein Märchen nach dem anderen erzählt hat, kniet sie vor dem König nieder und bittet ihn, sie von der Angst zu befreien, dass jeden Tag neu das Todesschwert über ihrem Haupte geschwebt hat. "Da weinte der König ... Ich war so sehr mit meinem eigenen Inneren beschäftigt," sagte er, "dass ich deine Leiden, o Schahrazad, nicht bemerkt habe. Vor Scham über meine grausamen Befehle möchte ich sterben. Möge Allah mir durch dich verzeihen. Und der König ging in seine Gemächer und weinte noch mehr. Hierauf nahm er die Kräfte seiner Vernunft zusammen, reinigte sein Herz und wandte sich wieder den Dingen des Tages zu. Er änderte seine Regierung, wurde ein gerechter, gütiger und weiser Herrscher und führte sein Volk zum Heil. Aber das alles konnte nur geschehen, weil er das Walten Allahs erkannte, der ihn durch Schahrazad verwandelt hatte." - nämlich durch ihr Märchenerzählen. Sie hatte den grausamen König miterleben lassen - eintausend und eine Nacht hindurch - wie die Menschen der Märchen durch Liebe und Schmerzen hindurch auf ihrem langen Weg allmählich selbst verwandelt werden und dadurch andere in diesen Wandlungs- und Heilungsprozess einbeziehen können.


Das Märchen zeigt: Wer das Ziel erreicht hat, rettet auch die anderen

- Allerdings wird auch etwas anderes aus Märchen deutlich: Die wenigsten von denen, die guten Mutes aufbrechen, erreichen auch das Ziel. Weitaus die meisten bleiben auf der Strecke - in Steine verwandelt (‚versteinert‘, ‚verhärtet‘), in Tiere verzaubert (ihren tierischen Instinkten ausgeliefert) - oder eingeklemmt in Schluchten (ausweglose Situationen, kein ‚vor‘ oder ‚zurück‘ mehr möglich). Und sie müssen dort aushalten bis endlich der Eine kommt, der das Ziel erreicht - und damit auch ihnen stellvertretend die Erlösung bringt. Wie deutlich prägen sich uns solche Bilder ein, in welch unlöslicher Wechselbeziehung alle Menschen miteinander stehen! Nur wer selbst den Anschluss an das wahre Leben gefunden hat, kann dieses Leben auch in anderen Menschen erwecken.


Das Märchen weiß um die Kostbarkeit der Weisheit

- Und so zeigen uns schließlich die Märchen etwas auf vom letzten Ziel, das ein Mensch erreichen kann. Zu allen Zeiten und in allen Völkern hat es diese Menschen gegeben, von denen die anderen spürten: Der ist dem Ziel nahe, der hat das Ziel erreicht: Es waren die "Weisen" - und meistens auch die "Alten", denen man die Qualität der Weisheit zuerkannte. Und es ist wohl erst unserer abendländisch-westlichen Kultur eigen, dass wir dieses Ziel weitgehend überhaupt aus den Augen verloren haben.


Das Märchen zielt oft auf die Anliegen der Individuation in der zweiten Lebenshälfte

Doch archetypische Bilder - und das Bild des "Weisen" ist ein solches - lassen sich nicht einfach ausradieren aus dem menschlichen Bewusstsein. Carl Gustav Jung hat in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts entscheidende Erkenntnisse über die Bedeutung der Märchen gehabt. Er hat durch sie das "kollektive Unbewusste" - die allen Menschen gemeinsamen Archetypen entdeckt. Und auf seiner Schulter steht der größte Teil der heutigen Märchenforschung.

Aber Jung gilt gleichzeitig auch als der "Psychologe der zweiten Lebenshälfte": Das Hauptgewicht in seiner Arbeit galt dem Ganzwerden des Menschen, dem "Individuationsprozess". Spätestens in der zweiten Lebenshälfte hat der Mensch die Aufgabe, die Bereiche seines Lebens, die er bisher vernachlässigt hat, die er verdrängt hat und die von daher abgespalten geblieben sind, nun aus dieser Abspaltung ins Leben einzugliedern, aufzunehmen - und die in ihnen gebundenen Energien freizusetzen.

Genau das zeigen eine Reihe von Märchen als das kostbare Endziel, um dessentwillen sich alle Mühsal des Weges gelohnt hat. Sie zeigen es - wie könnten sie anders - wieder in Bildern, in archetypischen Symbolen:
 

- Da kann der Goldene Apfel oder die Goldene Kugel zeigen, dass der Mensch seine Ganzheit gefunden hat in aller Schönheit und Vollkommenheit. Viel häufiger steht am Ende des Märchens als das Ziel die "heilige Hochzeit": Der Held hat seine "anima", seine eigenen weiblichen, kostbaren Seelenanteile erlöst, in sein Leben hineingenommen. Nun ist er "ganz" geworden. Und nun kann er selbst die Herrschaft als "König" antreten: Ein Symbol des Menschen, der Herr ist in seinem eigenen Hause, der durch eine "weise Regierung" sein Leben in seinen verschiedenen Bestrebungen geordnet hat auf ein einziges, gutes Ziel hin. Und wenn er dabei noch das "Wasser des Lebens‘" gefunden hat, das alle Kranken gesund und sogar die Toten wieder lebendig machen kann, dann bezeugt dieses Bildsymbol besser als viele Worte, dass es ein Leben geben muss, in dem nichts mehr "krank" oder "abgestorben" ist. Dass die Fülle des Lebens viel tiefer und reicher sein kann, als das in einem normalen Alltagsleben erfahrbar wird.

- Ja - die Bilder der Märchen gehen noch darüber hinaus: Das Böse selbst ist zum Schluss völlig und ohne Rest verschwunden, entweder wurde das "relativ Böse" erlöst, verwandelt in seine ursprüngliche, gute Gestalt - oder das "absolut Böse" wurde vernichtet: und wenn es selbst ein Drache war, dessen 12 Köpfe immer wieder nachwuchsen!

Sind das nicht wirklich "Märchenträume" im wahren Sinn des Wortes? Führt uns das Märchen hier nicht eine heile, paradiesische Welt vor Augen, die weder mit der Realität unseres Daseins noch mit der Botschaft des christlichen Glaubens vereinbart werden kann?


3. Märchen bringen uns in die Berührung mit der Dynamik spiritueller Urerfahrungen - Meditieren eines Märchens als konkrete Glaubenshilfe

Ich sage hier bewusst: "spirituelle Urerfahrungen". Ich hätte auch von geistlichen Urerfahrungen sprechen können - die habe ich hier im Blick. Doch ich habe das umfassendere Wort gewählt, weil es Erfahrungen auf dem spirituellen Weg des Menschen gibt, die über den Rahmen des spezifisch Christlichen hinausreichen. Es gibt Erfahrungen auf dem spirituellen Weg, die sich in unterschiedlichsten Religionen in einer überraschenden Ähnlichkeit finden. Das bedeutet keine Absage an unseren christlichen Glauben, auch keinerlei Relativierung, sondern da es sich hier um Erfahrungen handelt, die Menschen machen, denen es um das letzte und tiefste Lebensziel geht und die ihr ganzes Leben auf diese Wirklichkeit einstellen, die nicht mit Händen greifbar und mit den Sinnen fassbar ist - so hat auch die Ähnlichkeit der Erfahrungen, die Menschen verschiedener Zeiten und Religionen machen, etwas mit den "Archetypen" zu tun.

Ein Mensch, der sich auf die letzte Wirklichkeit einlässt, wird damit auf einem Weg gestellt, auf dem er es mit archetypischen Erfahrungen zu tun bekommt. Das spezifisch Christliche wird dadurch fest in der Wirklichkeit des Menschen verankert, denn schon nach Thomas von Aquin vernichtet ja die Gnade Gottes nicht die Natur und das Natürliche, sondern nimmt es als Grundlage, baut darauf auf - und verwandelt es damit.

Wenn ich in diesem dritten Teil noch einmal neu ansetze, um diese geistliche, diese spirituelle Dimension des Märchens in den Blick zu nehmen, so will ich damit noch einmal alles das aufnehmen, aber gleichzeitig auch vertiefen, was bisher gesagt wurde. Denn das ist ja das Wesen des Meditierens, das sich hier auch formal in dem Vorgehen niederschlägt: Es geht darum, die Mitte immer wieder auf einer neuen, auf einer tieferen Ebene zu umkreisen, um so - in einer gewissermaßen trichterförmigen Bewegung (nach Klemens Tilmann 5 ) zu immer mehr zum "Grund", zum Wesen vorzudringen - besser: sich von dieser Dynamik mitnehmen zu lassen.

Wenn die Bibel von den tiefsten Erfahrungen des Menschen, von Tod und Leben, von Sünde und Erlösung, von Gott selbst spricht, dann tut sie es in Bildern. Und wenn Jesus von seinem Vater redet und von dem kommenden Reich Gottes, dann tut er es gleicherweise in Bildern und Gleichnissen. Das ist die angemessene Aussageweise für diese Dimension des Lebens.

Das gilt aber ebenso auch umgekehrt: Jedes echte Bildsymbol, jedes archetypische Symbol trägt in sich die Mächtigkeit, auf das verborgene Geheimnis der Transzendenz, auf Gott selbst hinzuweisen.

Jedes Bild ist offen - es wird verstanden von dem, der sich darauf einlässt, in der Dimension seines eigenen Zustandes, seiner eigenen Fragen und Erfahrungen. Deshalb sind für die Menschen der Bibel - zum Beispiel für die Sänger und Dichter der Psalmen - die Dinge dieser Welt selbstverständliche Symbole für Gott. Erfahrungen ihres menschlichen Daseins, wie etwa Sturmfluten und Gewitterstürme, werden zum selbstverständlichen äußeren Bild innerer Gotteserfahrungen.

Schon für den alttestamentlichen Menschen - damit unterscheidet er sich von den umliegenden Völkern - ist die Welt selbst nicht mehr göttlich, aber alles, was er in der Natur und Geschichte erlebt, wird für ihn zum Gleichnis, zum Symbol für Gott und sein Wirken. Anders kann er es nicht in Worte fassen, was er mit seinem Gott erlebt hat. Und für den, der sich betend den Psalmen anvertraut, bringen diese Bilder in ihm selbst die eigenen Gotteserfahrungen zum Mitklingen; sie werden durch die Bilder ins Bewusstsein gehoben und aussprechbar gemacht. Für den religiös - für den von Gott angerührten Menschen bekommt jedes archetypische Bild eine religiöse Dimension. Lesen Sie daraufhin einmal irgendwelche Predigten wirklich geistlicher Menschen - beachten Sie deren Umgang mit Bildern - und es braucht keiner weiteren Beweise mehr.

Wenn nun in unserer Zeit in einer ganz neuen Weise die Märchen mit ihren archetypischen Bildkomplexen von Psychologen neu entdeckt werden, so brauchen wir als Christen diese Neuentdeckung nicht den Psychologen allein zu überlassen. Sie werden - gemäß ihres Ansatzes - aus den Bildern und Symbolen der Märchen psychologische Erkenntnisse gewinnen. Und sie werden Märchen in der Therapie einsetzen können, um Menschen zu helfen, ihren eigenen Weg der Selbstwerdung zu finden. Das sehe ich nicht als außerhalb des christlichen Weges liegend, sondern mitten darin, als Grundlage des Weiteren. Aber wir als Christen können weitergehen: Die archetypischen Bilder des Märchens haben für den geistlich suchenden Menschen eine geistliche Dimension, und die gilt es, herauszuspüren. Was meint das konkret?

Ich nehme wieder auf, was schon gesagt wurde, und versuche, es auf der geistlich-spirituellen Ebene neu zu sehen. Ich könnte auch sagen: Ich versuche, grundlegende Aussagen der Märchen so in der Richtung auf Gott hin zu sehen, dass die Bilder transparent, durchscheinend werden für die letzte geistliche Wirklichkeit:

Der Christ braucht neben der Aktion die Kontemplation

- Jeder geistliche Weg ist ein Weg, der den Menschen von einem "Leben nach außen" zu einem "Leben nach innen" führt. Keine missionarischer und kein diakonischer Dienst in der Kirche könnte auf die Dauer Segen bringen und Frucht tragen, wenn die Menschen, die diese Dienste - scheinbar nach außen gerichtet - tun, nicht ihre innere Quelle gefunden haben und daraus leben. Nicht umsonst forderte Mutter Theresa in Kalkutta von ihren Schwestern 4 Stunden Gebetszeit am Tage, damit sie aus dieser Quelle ihren so harten Dienst ausrichten können.

- Das gilt für alle äußeren Dienste in der Kirche. Es gilt - und wird dort noch klarer ausgesprochen für die Menschen, die (z.B. in einem kontemplativen Orden) unmittelbar Gott im Sinne und als Ziel ihres Lebens haben. Ganz besonders ausgeprägt ist das bei den christlichen Mystikern. "Du findest Gott niemals wirklich, wenn du ihn nicht in dir selbst, auf dem tiefsten Grunde deiner Seele findest", sagt bereits der heilige Augustin. Johannes Tauler wird nicht müde, in seinen Predigten zu sagen: Geh in dich selbst, in deinen tiefsten Grund, lege ihn frei, damit sich Gott darin spiegeln kann. Er kann sagen: Ein Mensch, der das nicht täglich tut, der "lebt nicht als ein rechter Christ". Und vielleicht kenne wir den vielzitierten Satz von Karl Rahner, der schon vor einigen Jahrzehnten gesagt hat: Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein (d.h. einer, der seine eigenen, inneren Erfahrungen mit Gott gemacht hat), oder er wird überhaupt nicht mehr sein. 6 Denn den harten Gegenströmungen unserer heutigen Welt ist nur derjenige gewachsen, der sich als Christ nicht nur auf Gehörtes und Gelesenes berufen kann, sondern auf die Wirklichkeit, die er in sich selbst erfahren hat.
 

Ich brauche es nicht weiter zu erläutern: Christ sein und den Weg nach innen finden - das gehört unlöslich zusammen. Märchen aber zeigen in archetypischen Bildern auf, wie der Weg nach innen gefunden wird - in Bildern, die ihre eigene Dynamik entfalten, wenn man sich darauf einlässt. Könnten sie uns da nicht in ihrer Weise eine große Hilfe sein für unseren Glaubensweg?

Das Märchen kann uns helfen, als Christ den Weg zu Gott zu suchen

- Jeder bewusst gegangene geistliche Weg ist ein Weg, der mit dem Angerührtsein von einer heiligen Wirklichkeit beginnt, die eine Sehnsucht wach werden lässt, sich auf diese Wirklichkeit hin auszurichten; sich auf den Weg zu machen, um diese Wirklichkeit zu suchen. Bei den Benediktinern wird ein Novize vor allem daraufhin geprüft, ob er "wahrhaft Gott sucht" - nur dann wird er zur Profess zugelassen und darf Benediktiner werden. Erinnert uns das nicht an eine Vielzahl von Märchen, wo ein junger Mensch eines Tages einen Schatz entdeckt, von ihm hört - und von dem Augenblick an gibt es für ihn nichts anderes mehr, als sich aufzumachen, alles andere, Bisherige stehen und liegenzulassen, und um diese Kostbarkeit zu suchen und zu finden? Muss die im Trau geschaute Prinzessin, muss der Goldene Apfel oder der Goldene Vogel wirklich nur die psychologische Ganzheit des Menschen symbolisieren? Ist nicht das Bild ebenso offen für den "Schatz im Acker", von dem Jesus selbst im Bild spricht?


Das Märchen kann uns helfen, auch das Kreuz in einem neuen Licht zu sehen

- Jeder spirituelle Weg ist, wenn er echt ist, ein Weg, der durch viele Dunkelheiten, Nöte, Anfechtungen führt. Das Volk Israel musste zu Beginn seines Weges 40 Jahre durch die "Wüste" gehen, Jesus selbst begann seinen Weg in der Wüste und vor seiner Auferstehung standen Kreuz und Tod. Das gilt als einzige Regel seiner Nachfolge: "Wer mir folgen will, der nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach" (Lk 9,23)


Das Märchen kann uns zeigen, wie wichtig eine Möglichkeit des Neubeginns nach einem Versagen ist.

- Wie deutlich malen uns viele Märchen die Symbole vor Augen, die solch ein Weg durch das Dunkel, durch härtesten Kampf und Bewährung, durch Verzagtheit und die Möglichkeit eines Neuanfangs nach dem Versagen zum endgültigen Ziel führt! Lassen wir die Bilder mancher Märchen in dieser Dimension zu uns reden, dann könnten wir in ihnen manchen "Dämonenkampf" eines Wüstenmönches wiederfinden. Vielleicht aber öffnet es uns auch die Augen für die "Dämonen" unserer Gegenwart, die es zu erkennen und zu besiegen gilt, wenn die Menschheit überhaupt überleben will.


Das Märchen kann uns unsere stellvertretende Macht gegenüber den "Dämonen" unserer Zeit aufzeigen

- Wie die Wüstenmönche stellvertretend für die Menschheit damals in die Wüste gingen, um dort an vorderster Front den Kampf gegen das Böse zu bestehen, so könnte unsere Zeit von manchem von uns den geistlichen Weg in die Dunkelheiten hinein erwarten - stellvertretend für viele, die dazu nicht in der Lage sind. Dann sind die gefährlichen, aber vor allem auch die hilfreichen Gestalten, die dem Märchenhelden helfen, nicht nur - wie die Psychologen erkennen - die unbewussten Impulse des Menschen, sondern sie symbolisieren eine Wirklichkeit, jenseits unserer Wirklichkeit, von denen alle geistlichen Richtungen wissen: Sie wissen, dass unser Leben umgriffen ist von gute und böse unsichtbaren Mächten, die in unser Leben hineinwirken und mit denen wir den Kampf zu bestehen haben. "Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen ... sondern mit den bösen Geistern unter dem Himmel" (E 6,12)

- Ich kann mich noch erinnern, wie nach 1949 unter uns jungen Menschen handgeschriebene Gedichte herumgingen, auswendig gelernt wurden und immer neu abgeschrieben - Gedichte von Bergengruen und von Reinhold Schneider - welche es wagten, wieder davon zu sprechen, dass es Mächte und Gewalten der Bosheit gibt, die in der Menschheit wirken, ohne dass die Menschen sie erkennen.

- Und heute ist es nicht so viel anders als damals. Nur die Probleme haben sich verlagert. Die Märchen wissen etwas davon, wie ein Mensch sich diesen Gewalten stellt, mit ihnen ringt, um endlich zu siegen - und damit sich selbst Erlösung zu schaffen für alle, welche durch die bösen, dunklen Gewalten verwandelt, in deren Bannkreis geraten waren.


Das Märchen kennt den christlichen Grundgedanken der Erlösung

- In jedem spirituellen Weg geht es letztlich um Erlösung - und dieses ist wohl eines der grundlegenden Themen der Märchen auch. Aber darin unterscheiden sich die verschiedenen Religionen: die einen sprechen dem Menschen die Möglichkeit der Selbsterlösung zu, die anderen - und hier leuchtet das Christentum in einmaliger Helligkeit - wissen um die Notwendigkeit der Erlösung, die Gott selbst schenken muss - und auch wirklich schenkt.

- Hier mag die Frage auftauchen: Verlassen hier nicht die Märchen den christlichen Weg, sprechen sie nicht von der Möglichkeit bestimmter Menschen, sich selbst - und dadurch auch andere - zu erlösen? Sicher kann man Märchen so lesen. Aber Bilder sind immer offen. Und wie ich sie deute, das kommt auf meine Voraussetzung an. Man kann die verschiedenen "Erlösungsmärchen" auch gerade so hören, dass die entscheidenden Siege über das Böse eben gerade nicht vom Menschen allein zu erringen sind, sondern dass gerade an den gefährlichsten Stellen die hilfreiche Macht von außen da ist - und die Gefahr zu überwinden hilft. Nie tut sie das ohne die letztmögliche Beteiligung des Märchenhelden, aber dennoch würde er allein auf sich gestellt niemals die Gefahren bestehen. Und genau so verstehe ich die Aufforderung des Paulus, die so paradox klingt: "Schaffet, dass ihr selig werdet - mit Furcht und Zittern - denn Gott ist‘s, der beides in euch wirkt, das Wollen und das Vollbringen" (Phil.2,12f) Ein Ausleger sagte einmal dazu: Wir müssen 100% tun - und Gott ,muss 100 % tun. Bilder des Märchens können etwas von diesem Geheimnis verdeutlichen.


Das Märchen kennt das Ziel des "Lebens in Fülle" (Joh 10,10)

- Und schließlich ist jeder spirituelle Weg ein Weg, der ein Ziel vor sich hat. Wir haben die Bilder des Zieles, die heilige Hochzeit, das lebendige Lebenswasser oder die goldene Kugel schon auf den anderen Ebenen angesprochen und gedeutet. Was bedeuten sie auf der Ebene des geistlichen Weges? Es geht - das ist eine unaufgebbare christliche Aussage - bei der Zielsuche des Menschen nicht nur darum, dass er seine eigene Ganzheit findet, sein volles - ihm mögliches Leben in dieser Welt und Zeit ausschöpfen kann. Es geht um mehr: Letzte Erfüllung findet der Mensch erst, wo seine allertiefste Sehnsucht nach Gott selbst gestillt ist: Wir kennen das Wort des Augustin: "Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir" 7

- Wieder sind es die christlichen Mystiker, die diesen Weg ausgeschritten haben bis zu einem Ziel hin, das für uns meist sehr in der Ferne zu liegen scheint: Für Meister Eckehart würde das Bild der Goldenen Kugel der Ganzheit des Menschen das Ziel anzeigen, das er so formuliert: "Gott ist Eins - und eins (in sich) muss der Mensch werden, wenn er Gott begegnen will". Dieses Einswerden meint aber bei Eckehart nichts anderes als dass alles, was an inneren Gegensätzen im Menschen klafft, zusammenfindet. Und dies ist für ihn die unerlässliche Voraussetzung der Gottesbewegung.

- Oder nehmen wir das Bild des Lebenswassers, das an verborgener Stelle entspringt, und alles Kranke gesund, alles Tote wieder lebendig macht: Erinnert es uns nicht an die Worte Jesu im Johannesevangelium: "Das Wasser, das ich geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt" (Joh 4,14). - Gerade in diesem Gespräch mit der samaritanischen Frau macht es Jesus deutlich, dass es um eine Art vom Leben geht, die alles "normale" Leben qualitativ weit übersteigt. Und dieses Wasser bringt Jesus. Dieses Wasser hat er auf seinem Weg für uns erschlossen, doch nun soll es in uns selbst weiterquellen, immer neu und lebendig: Als Wasser, das in das ewige Leben fließt.

Das führt weiter zum letzten Bild: der heiligen Hochzeit.
- Wie viele unserer Märchen enden damit - und man kann dieses Bild wohl als eines der häufigsten in unseren europäischen deutschen Märchen bezeichnen. Aber wie schal erscheint es, wenn dieses Bild allein als die Ganzwerdung des Menschen, die Vereinigung seiner Gegensätze gedeutet wird, wenn man die Worte im Herzen hat, mit denen Johannes vom Kreuz von der letzten Erfüllung des Menschen spricht: Von der heiligen Ehe der menschlichen Seele mit Gott selbst, von der Vereinigung, zu der Gott den Menschen erheben will! Da spürt man etwas davon, dass die tiefste Sehnsucht des Menschen viel weiter geht als zu seiner eigenen Selbstwerdung und Ganzwerdung. Dass der Mensch Erfüllung und letztes Glück nur da findet, wo er wirklich Gott unmittelbar begegnet - in einer Liebesbegegnung zwischen Du und Du.

- Die Mystiker sind den Weg zu diesem Ziel konsequent gegangen. Die Märchen mit ihren archetypischen Bildern zeigen mir, dass diese tiefste Sehnsucht nach einer allerletzten Erfüllung etwas mit Begegnung zwischen Du und Du, mit Liebe im tiefsten Sinn zu tun hat.


Mir persönlich haben manche Märchen schon sehr geholfen, bestimmte Wegstrecken meines geistlichen Weges in neuer Klarheit zu erkennen und einen nächsten Schritt zu finden. Wenn es wahr ist, dass Gott über allem, aber auch in allem ist, dass er wirklich "allgegenwärtig" ist, dann sollte es mich nicht wundern, wenn er sich nicht allein in seinem Wort offenbart. Das ist und bleibt die wichtigste und einzigartige Quelle seiner Offenbarung. Aber in dem Maße, wie er im Menschen selbst Wohnung nimmt, wie das Johannesevangelium sagt, beginnt der Mensch, ihn mehr und mehr überall zu entdecken. Meister Eckehart spricht von den Fußspuren Gottes, die in den Dingen zu finden sind - in dem Maße, wie der Mensch für Gott offen ist. Wo das aber zutrifft, da mögen auch die Bilder des einen oder anderen Märchens sein, aus denen ich plötzlich sehr klar die Stimme und den Willen Gottes höre. Ich persönlich habe es schon manchmal erlebt und ich bin recht dankbar dafür.
 

Anmerkungen:

1 Gehalten als Vortrag in Innsbruck 1989 etwas überarbeitet (Der Vortragsstil wurde beibehalten)
 
2  Linde Thylmann, Der Rosengarten, Herder 1979, S.5f

3  Paul Tillich, Systematische Theologie, Stuttgart 1955 Bd. 3

4  Immer müssen wir uns bei dieser Sicht der Märchen vor Augen halten, dass alle im Märchen vorkommenden Personen nur verschiedene Aspekte einer einzigen Person sein können, - dass es also von daher gesehen unwichtig ist, ob sich die Person, von der das Märchen ausgeht, sich selbst auf den Weg macht, oder ob diese Aufgabe von einer anderen Person - meistens dem jüngsten Sohn - wahrgenommen wird.

5  Klemens Tilmann, Die Führung zur Meditation, Zürich 1972 4

6  Karl Rahner, Schriften zur Theologie, Bd. 7, Einsiedeln 19666, 22

7  Augustin, Bekenntnisse,  Union-Verlag, Berlin