Karin Johne

DIE BIBEL MEDITIEREN 1


Überblick:
1. Was bedeutet Meditieren für mich als Mensch und als Christ?
Menschliches Leben ist immer eingebettet in polare Gegensätze
Meditieren als Hilfe, verlorenes Gleichgewicht wiederzufinden
2. Worum geht es, wenn ich die Bibel meditiere? a) Gott kann mich durch das biblische Wort unmittelbar anrühren 1. Gott eröffnet mir manchmal etwas der Heilsgeschichte meines Lebens durch sein Wort
2. Es ist Gottes Liebe, sein Heilswille für alle Menschen, die sich in der Bibel erfahrbar macht
3. Mit manchem Wort der Bibel bin ich ganz persönlich gemeint
4. Das Wort der Liebe ist immer persönlich gemeint
b) Was sagt die Bibel selbst über sich aus? 1. "Meine Worte werden nicht vergehen"...
2. Der Mensch "lebt" vom Worte Gottes
3. Das Wort Gottes ist Samenkorn unvergänglichen Lebens
4. Das Wort Gottes ist fortwährende Neuschöpfung der Welt
5. Das Wort Gottes ist fortwährender Neubeginn der Heilsgeschichte
6. Das Wort Gottes hat reinigende Vollmacht
c) Andere Weisen, mit der Bibel umzugehen. Verschiedene Weisen, das Wort Gottes zu meditieren
3. Welche Möglichkeiten bieten sich an, die Bibel zu meditieren? 1. Es geht darum, ein Leben nach dem Willen Gottes zu führen
2. Es geht darum, das Geschehen selbst sorgfältig zu betrachten
3. Es geht darum, das Geheimnis hinter dem Geschehen zu erspüren
4. Es geht darum, mich selbst mit meiner ganzen Existenz diesem Worte auszusetzen
5. Es geht darum, mich dem 'unbegreiflichen' Gott zu nahen, der alle menschlichen Möglichkeiten transzendiert.
4. Zusammenfassung

Meditation ist für viele Menschen heute ein geheimnisumwittertes Wort. Die Medien strahlen manche Sendungen aus, in der uns asiatische Meditationspraktiken vor Augen geführt werden. Die Kirche bietet immer häufiger Meditationskurse an. Und mancher Christ, der sich seinem Glauben verpflichtet weiß - und doch dabei auch ein suchender Mensch geblieben ist - wittert einerseits in der Meditation eine Chance, die auch sein christliches Dasein vertiefen und bereichern könnte - andererseits ist da eine Angst, sich auf etwas einzulassen, das Gefahren für seinen christlichen Glauben in sich bergen könnte.

So wollen wir uns heute drei Fragen stellen und versuchen, eine erste Antwort darauf zu finden:


1. Was bedeutet Meditieren für mich als Mensch und als Christ?
Menschliches Leben ist immer eingebettet in polare Gegensätze

Spontanes Meditieren ist eine urmenschliche Fähigkeit. Darüber müssen zuerst einige grundsätzliche Dinge gesagt werden: Wir müssen ein- und ausatmen, schlafen und wachen; müssen die Einzelheiten erkennen und beachten und gleichzeitig das Ganze nicht aus dem Auge lassen; wir müssen die Weite der Möglichkeiten in uns einlassen und dürfen darüber die Tiefe nicht verlieren. 2

Wo diese beiden Pole jeweils ein Menschenleben bestimmen, wo nicht der eine Pol unter Missachtung des anderen einseitig gelebt wird, bleibt menschliches Leben innerlich - und oft damit auch äußerlich - gesund.

Nun spreche ich ein offenes Geheimnis aus, wenn ich sage, dass wir alle heute in einer Zeit leben, in welcher der eine Pol, nämlich der passive, empfangende, der ganzheitliche zu wenig beachtet und gelebt wird. Wenn ich aber beispielsweise einen Arm monatelang nicht bewege, verkümmern die Muskeln. Wenn ich eine der beiden sich ergänzenden Seiten auf die Dauer vom lebendigen Leben ausschließe, dann wird auch diese mit der Zeit verkümmern. In dieser Lage finden wir uns in unserer wesentlichen, leistungsbestimmten Kultur vor. Ich möchte ausdrücklich betonen: Ich will all das, was in unserer Kultur in den letzten Jahrhunderten erkannt und geschaffen worden ist, nicht herabsetzen. Keiner von uns möchte wohl seine Wäsche mehr mit dem Waschbrett waschen! Aber es geht um die Einseitigkeit dieser Lebenseinstellung. Wo sie absolut gesetzt wird als einziger Wert, dort fehlt dem Menschen ein gesundes Gegengewicht - und das wirkt sich auf die Dauer zerstörerisch für den inneren Menschen aus.

Lassen Sie es mich an einigen Beispielen verdeutlichen:

Unsere Vorfahren hatten harte körperliche Arbeit zu leisten. Wir können uns das kaum mehr vorstellen, was dem einzelnen abverlangt wurde - und doch liegt es noch gar nicht so lang zurück. Aber sie kannten auch den Feierabend, an dem sie vor ihren Häusern oder unter der Dorflinde saßen und den Tag in Ruhe ausklingen ließen. Sie saßen nicht nur stunden- sondern oft tagelang in der Postkutsche, wenn sie eine Reise - eine seltene Reise machten, und hatten Zeit, ihren Gedanken nachzuhängen:

Der Mensch hat nicht nur das Bedürfnis, vorwärts zu gehen und voranzukommen, sondern er braucht auch Pausen des Verweilens, des Nachdenkens, des Verarbeitens dessen, was er erlebt und erfahren hat.

Diese Pausen waren früher ins normale Leben eingebaut - heute müssen wir sie uns bewusst erringen, gegen den reißenden Strom, der uns ständig weiterziehen möchte.

Mit diesem Zeit-haben hing es zusammen, dass man ein wichtiges Erlebnis noch lange bedenken, in seiner Vorstellung immer neu umkreisen konnte. Es wurde nicht sofort durch ein neues Erleben zugedeckt und verdrängt, wie wir es beispielhaft im Fernsehen erleben, wenn sich unmittelbar an einen erschütternden Film, den man in Ruhe verarbeiten müsste, eine oberflächliche Show-Sendung anschließt.

Mir wurde das klar, als eine 90-jährige Frau, die bei uns wohnte, von Erlebnissen ihrer Kindheit berichtete: Da war ein Sommerfest das große Ereignis des ganzen Jahres - man lebte monatelang daraufhin und monatelang noch im Nachkosten dieses Erlebens. Und dadurch erst erhielt es eine Strahlkraft, die noch bis ins hohe Alter hinein leuchtete.

Es braucht Zeit, wenn wir ein Erlebnis nicht nur als ein vorübergehendes Augenblicksereignis verstehen wollen, sondern wenn wir etwas spüren wollen von seinem tiefen Sinn, von seinem Wert. Und erst, wenn das geschieht, können Erlebnisse auch unsere "Seele" nähren, wie man früher sagte. Dann können wir daraus leben.

Aber noch mehr: Indem ich in dem, was mir begegnet, etwas vom tieferen Sinn erspüre von dem, was das Leben wesentlich macht, erschließt sich mir mehr und mehr auch der tiefere Sinn meines eigenen Daseins - und das, was mein Leben wirklich lebenswert macht. Vielleicht ist die Frage nach dem wahren Sinn des eigenen Lebens heute eine der drängendsten Fragen einer Jugend, die in einer Welt aufwachsen muss, in welcher durch das Fehlen, die Vernachlässigung dieser wichtigen Seite des Lebens das Organ verkümmert, welches das Gespür dafür entwickelt: Weil alle Dinge ihren Sinn und ihren tiefen Wert haben, deshalb hat auch mein Leben in dieser Welt seinen eigenen Sinn und kostbaren Wert.

Meditieren als Hilfe, das verlorene Gleichgewicht wiederzufinden

Da reicht es nicht mehr, dass wir uns die scheinbar verlorene Zeit wieder schaffen. Dazu hilft uns ja die Technik in ihrer eigenen Weise, indem sie uns Arbeit abnimmt. Aber was nützt dem Arbeitslosen seine viele Zeit, wenn er sie nicht mehr sinnvoll füllen kann? Wenn Stille für so viele Menschen heute unerträglich ist?

Sie brauchen Hilfe, um den verlorenen Zugang zu dem, was die Tiefe und den wahren Wert des Lebens ausmacht, wiederzufinden.

Und deshalb hat die Kirche heute die Wichtigkeit des Meditierens, des bewussten, methodisch geübten Meditierens neu entdeckt.

Wir kommen im dritten Teil auf einige Methoden des Meditierens zu sprechen, die sich in der Geschichte christlicher Spiritualität über Jahrhunderte hin bewährt haben. Meditieren gehört ursprünglich zum Menschsein, doch nicht weniger gehört es genuin zum Christsein. Aber auch die Kirche ist von dem allgemeinen Trend unserer modernen Welt nicht unberührt geblieben. Auch in der Kirche wurde an machen Stellen einfach vergessen, wie wichtig neben dem Schauen nach außen das Schauen nach innen ist; wie wichtig neben der "Aktion" die "Kontemplation" ist. Wir brauchen auch als Christen beides: das Wirken für Gott - und das Ruhen in Gott. Beides trägt sich gegenseitig. Eines ohne das andere wird gefährlich.

Nach einem dreitägigen Kurs, in dem ich mich darum bemühte, einer Gruppe von Pfarrern aus den evangelischen Freikirchen etwas mitzuteilen über die Wichtigkeit des Meditierens für den Christen heute, fragte mich zum Schluss ein Pfarrer: "Wenn ich es richtig verstanden habe, dann werde ich mir in meiner Gemeinde einige Menschen heraussuchen, die eine meditative Veranlagung haben, und die werde ich dann zu einem Meditationskurs schicken." Ich musste ihm antworten: "Nein, das wäre genau der verkehrte Weg. Solch ein Mensch braucht keinen Meditationskurs. Die Kurse sind für solche, die gerade in Gefahr sind, ihr eigenes Innenleben völlig aus den Augen zu verlieren. Die sich bisher nur nach außen orientiert haben - und irgendwie spüren, dass ihnen etwas Entscheidendes in ihrem Leben fehlt." Da sagte er: "Danke - erst jetzt habe ich begriffen, was Sie uns die drei Tage lang sagen wollten!"

Wie sehen nun solche methodischen Meditationsübungen konkret aus?

Ich muss davor noch etwas sagen, damit das Nachfolgende, wenn es dann um die Bibel geht, verständlicher wird. Und ich wähle dazu aus vielen möglichen Meditationsübungen einige aus, die unmittelbar deutlich machen, worum es dann auch in der biblischen Meditation geht:

Meditieren kann ich nur das, was einfach, wesentlich und übertragbar ist. Diesen Satz hörte ich einmal in einer Rundfunksendung - er begleitet mich seitdem. Das bedeutet: wenn ich etwas meditieren will, dann muss ich dieses auf seine einfachen, wesentlichen Grundlagen zurückführen. Mich erinnert es immer an eine Übung, die ich in der Schule gern machte: Wir mussten Zahlen zerlegen, sie immer weiter teilen und kürzen, bis wir zu den Primzahlen kamen, aus denen sie sich zusammensetzten. Alle konkreten Dinge, alle Tätigkeiten, alle Geschehnisse, die mir begegnen, kann ich so lange anschauen, bis sich die wesentlichen Grundstrukturen herauskristallisieren. Beim Zerlegen einer Zahl in Primzahlen handelt es sich um einer reine Verstandestätigkeit. Beim Meditieren setzt es ein wartendes Verweilen voraus, ein geöffnetes Schauen, bis sich mir das, was wesentlich ist, erschließt. Und dieses Geschehen hat einen sehr "subjektiven" Charakter: Von dem vielen, was für ein äußeres Ding oder ein Geschehen wesentlich sein kann, wird sich mir gerade und genau das erschließen, was für mich selbst in diesem Augenblick wichtig, wesentlich ist.

Und da sind wir bereits mitten in diesem Geschehen des Meditierens drin, was nicht nur mit dem Verstand, sondern ganzheitlich geschieht. Es lässt mich etwa erkennen, was ich nicht als allgemein gültige, objektive Wahrheit in einem mathematischen Satz niederschreiben kann, sondern ich kann es überhaupt nur erkennen, wenn ich mich ganz persönlich, als Betroffener, dieser Erkenntnis aussetze.

Lassen Sie mich auch dieses an zwei Beispielen verdeutlichen:

Hier mitten in dieser herrlichen Bergwelt 3 möchte ich als erstes Beispiel erzählen, dass ich schon mit vielen unterschiedlichen Gruppen eine Bergwanderung meditiert habe: Die Teilnehmer bekamen die Aufgabe, in einer längeren Zeit der absoluten äußeren Stille in ihrer Vorstellung innerlich eine Wanderung im Gebirge zu erleben. An einigen wichtigen Punkten sollten sie eine Pause machen, sollten da verweilen, ihr Erleben anschauen und warten, ob das, was sie jetzt erlebten, etwa im übertragenen Sinn eine Bedeutung für ihr gesamtes Leben haben könnte. Was ihnen einfiel, war in kurzen Sätzen zu formulieren. Inzwischen habe ich ein kleines Büchlein, in dem alle diese von den Teilnehmern gefundenen Sätze stehen. Es sind Sätze wie etwa: "Wenn ein hohes Ziel lockt, nimmt man alle Anstrengungen in Kauf" oder "Je steiler der Weg ist, desto schneller kommt man in die Höhe". Solche Sätze haben etwas Wesentliches bei einer Bergwanderung herausgefunden und in Worte gebracht - und weil es einfach und wesentlich ist, deshalb ist es auch übertragbar: Wie bei einem Sprichwort kann mir solch eine Erkenntnis echte Hilfe für mein Leben sein. Und damit hängt nun wiederum zusammen, dass ich bei solchem Meditieren unter den Hunderten von Möglichkeiten, die eine Bergwanderung an wesentlichen Wahrheiten in sich trägt - gerade diejenige heraushöre, die für mich in diesem Augenblick wichtig ist.

Oder: Ich meditiere eine Quelle. Dann muss ich das weglassen, was für das Wesen einer Quelle unwichtig ist - zum Beispiel, ob sie in China oder in Deutschland entspringt. Solch eine Quelle ist ein archetypisches Symbol. Es ist wichtig, dass ich das in den Blick bekomme, was die Quelle wesentlich zur Quelle macht - etwa das unaufhörlich immer neu "quellfrisch" sprudelnde Wasser - oder die Klarheit und Sauberkeit, die die Quelle noch hat im Gegensatz zu allen anderen Gewässern.

Wenn ich vor solch einer Quelle - äußerlich oder innerlich - verweile und horche, was sie mir sagen will, dann kann es sein, dass mir bewusst wird, wie wenig echtes, quellfrisches "Wasser" in meinem Leben noch sprudelt, wie alles so sehr verunreinigt, ja vergiftet ist; und es kann eine große Sehnsucht in mir erwachen nach einem Leben an solcher Wasserquelle; oder es kann sein, dass mir Gottes Klage einfällt über die Menschen, die ihn, die lebendige Quelle verlassen, und sich löcherige Zisternen machen, in denen das Wasser verfault (Jer 2,13).

Vielleicht ahne ich auch, dass in mir selbst so eine lebendige Quelle sein könnte, die nur verschüttet ist; und mir kann einfallen, dass Jesus von der Quelle spricht, die im Menschen aufquellen soll, wenn er von dem Wasser trinkt, das Jesus ihm gibt (Joh.4,14). Und damit wären wir schon mitten in der biblischen Meditation.

Vielleicht beginne ich nun, in meinem Leben nach solchen lebendigen Quellen zu suchen; da mag es mir plötzlich wie ein Licht aufleuchten, dass mich irgendwann einmal ein Wort der Bibel so lebendig getroffen hat, dass dieses Erlebens wie Quellwasser war, das mein Leben eine zeitlang neu belebt hat.

Vielleicht ist inzwischen diese Quelle wieder verschüttet. Dann gilt es, sie wieder neu aufzugraben. Und damit sind wir bei unserer zweiten Frage:


2. Worum geht es, wenn ich die Bibel meditiere?
Wenn ich mich darauf einlassen will, nicht irgend ein Symbol, nicht irgend ein Geschehen des Alltags, sondern biblische Texte zu meditieren, dann muss ich mir also zuerst die Frage stellen: Was ist denn für dieses Buch eigentlich wesentlich? Was schließt die 70 unterschiedlichsten Schriften, die in der heutigen Bibel vereinigt sind, so zusammen, dass dieses Buch - trotz aller Unterschiedlichkeit im einzelnen - doch eine Ganzheit, eine Einheit bildet?

Ich möchte hier einfach einiges nennen, das sich für mich in jahrelangem meditativen Umgang mit der Bibel immer wieder als wesentlich herausgestellt hat - ganz gleich, ob ich einen Evangelientext oder einen Psalm, eine Erzählung des Alten Testamentes oder einen Abschnitt aus den Briefen oder der Offenbarung des Johannes meditiert habe. (Sicher könnte dem aus anderer Sicht noch vieles andere hinzugefügt werden.):

a) Gott kann mich durch das biblische Wort unmittelbar anrühren

- Immer wieder neu, wenn auch in unterschiedlicher Weise erfuhr ich es: Wenn ich mich in der Stille des Gebetes dem Worte Gottes öffnete, wurde oft etwas davon spürbar, dass Gott selbst mich irgendwie in und durch dieses Wort anrührte, ansprach. Das kann man nicht genau in Worte fassen. Aber die Bibel selbst sieht sich in dieser Dimension, wenn man so sagen darf: Gott offenbart sich selbst in seinem Wort. Das Wort Gottes ist gewissermaßen das menschlich sichtbare Kleid, die menschlich sichtbare Gestalt, in die sich der unbegreifliche und eigentlich völlig unfassbare Gott selbst hineingibt, damit wir Menschen ihn da finden können. (Ich sage bewusst: "finden" - nicht "erkennen", denn es geht um eine echte Begegnung, nicht nur um ein theoretisches Kennenlernen, was wir heute oft mit dem Wort "erkennen" verbinden.)

- Da ist irgendwo eine echte Parallele: Wie Christus selbst wahrhaft gegenwärtig ist in Brot und Wein der Eucharistie, so ist schon von Anbeginn an Gott selbst - den Sinnen unfassbar und dennoch wirklich - Gott wahrhaft gegenwärtig in seinem Wort. Ich sage auch manchmal: Das Wort Gottes hat sakramentalen Charakter.

Gott eröffnet mir durch sein Wortmanchmal etwas von der "Heilsgeschichte meines Lebens" - Manchmal tat sich für mich in einem einzelnen Wort, in einer einzigen Geschichte plötzlich ein Horizont auf, der diese Geschichte weit überstieg. Ich erinnere mich deutlich, als ich mit 16 Jahren eine erste Kinderrüstzeit zu halten hatte: Wir hatten als Thema den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten gewählt. Da wird von einem merkwürdigen Auftrag Gottes berichtet: In der Nacht, in der alle Erstgeburt der Ägypter vernichtet werden soll, sollen die Israeliten die Pfosten ihrer Türen mit dem Blut des geschlachteten Passahlammes bestreichen, damit der "Würgeengel" an ihren Häusern vorübergehe (Ex 12,7). Während der Meditation dieses Bibeltextes durchzuckte mich mit einem Mal die Erkenntnis: "Das hat etwas zu tun mit der Eucharistie - mit dem Blut, das Jesus für uns vergossen hat - und das uns bewahrt vor der Vernichtung!"

In diesem alttestamentlichen Bild leuchtete für mich mit einem Male etwas vom ganzen Geheimnis unserer Erlösung auf.

Es ist Gottes Liebe, sein Heilswille für alle Menschen, die sich in der Bibel erfahrbar macht - An diesem Beispiel mag deutlich werden, was mir weiter wesentlich erscheint für das Wort Gottes: Es ist Gottes Heilswille, seine unbegreifliche Liebe zu uns Menschen, die sich auf die unterschiedlichste Weise in allen Büchern der Bibel niedergeschlagen hat. So haben die Menschen Gott erfahren - und das haben sie niedergeschrieben für alle kommenden Geschlechter, "denn es ist nicht ein vergebliches Wort an euch, sondern es ist euer Leben" (Dt 32,47).

Die Bibel ist das Buch, in dem sich die Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen in unzähligen menschlichen Erfahrungen niedergeschlagen hat und in menschliches Wort gefasst ist. Wer glaubt, dass in den Geschichten der Bibel dieser Heilswille Gottes, seine Liebe zu uns Menschen, verborgen enthalten ist, den wird diese Liebe im betenden Verweilen über diesem Wort Gottes immer wieder einmal auch spürbar anrühren. Das schließt die Gerichtsworte nicht aus - richten sie sich doch gerade gegen alles, was solch einer Erfahrung entgegensteht, sie verhindert.

Mit manchem Wort der Bibel bin ich ganz persönlich gemeint - Und noch eine Erfahrung möchte ich nennen, die meiner Ansicht nach das Meditieren über der Bibel und mit einem biblischen Text von vielen anderen Möglichkeiten, mit der Bibel umzugehen, radikal unterscheidet. Es ist die Erfahrung: Mit dem, was hier geschrieben steht, bin ich - ganz persönlich - gemeint.

- Es ist die radikale Änderung, die sich für den König David ergab: Das Gleichnis, das ihm der Prophet Nathan erzählte von dem reichen Mann mit seinen 100 Schafen, der zum Schlachten das einzige Schaf seines armen Nachbarn nahm, konnte sich David persönlich unbeteiligt anhören. Nur als König angesprochen. fühlte er sich moralisch entrüstet: "Der Mann ist des Todes"! Aber dann brach das nächste Wort des Propheten seinen Panzer auf: "Du bist der Mann!" (2Sam 12,7) Und David verstand. Ich bin gemeint!

Das Wort der Liebe ist immer persönlich gemeint - Eigentlich ergibt sich das bereits aus dem Vorangegangenen: Wenn ich etwas gespürt habe von der unbegreiflichen Liebe Gottes, dann kann das nicht in einem "objektiven Raum" stehen bleiben. Liebe ist immer personal. Die Liebe Gottes meint mich ganz persönlich. Gott hat in seiner Liebe Großes mit mir vor. Und es ist diese Liebe, dieser Plan Gottes für mein Leben, dem ich mich aussetze, wenn ich die Bibel meditiere. "Herr, was willst du, das ich tun soll?" (Apg. 9,6) fragt Paulus, als ihm Christus persönlich begegnet. Es ist wohl die einzig angemessene Frage in solcher Situation.

- Liebe, die echt ist, ist immer bezogen auf das Du des Geliebten. Sie wartet auf dessen Antwort. Gottes Liebe wartet auf meine Antwort der Liebe - das durchzieht die ganze Bibel als roter Faden.

- Ich selbst kann es also als wesentlich für die Bibel erfahren, dass ich mich von Gott selbst angerührt fühle, dass sie mir den Blick öffnet für das Herzgeheimnis Gottes in seiner Liebe, und dass ich ganz persönlich gemeint bin.

b) Was sagt die Bibel selbst über sich aus?

- Ich möchte mich nicht allein auf das gründen, was ich meine, selbst erfahren zu haben. Vielleicht haben es andere ganz anders erlebt. Fragen wir doch lieber die Bibel selbst, was sie uns sagt über ihr eigenes Wesen, über die ihr innewohnenden Wirkungsmöglichkeiten. Sie reflektiert ja selbst immer neu das Geheimnis des Wortes Gottes, das in ihr anwesend ist. Und es kann schon atemberaubend sein, was da steht, was sie für sich in Anspruch nimmt; zum Beispiel:

"Meine Worte werden nicht vergehen"...

- Haben wir schon einmal in uns eingelassen, was Jesus eigentlich aussagt mit seinem Wort: "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen." (Mk.13,31)? Solch ein Wort kann sich nur entfalten, nur seinen tiefsten Sinn enthüllen, wenn ich mich ihm lange und immer neu aussetze. Der Mensch "lebt" vom Worte Gottes - Oder ein anderes Wort Jesu: "Der Mensch lebt nicht nur vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt." (Mt. 4,4) Immer wieder steht es in der Schrift: Das Wort ist "Nahrung", nicht für den äußeren Menschen, sondern für den inneren, den neuen, den geistlichen Menschen - für den Menschen, der wieder so geworden ist und wird, wie ihn Gott ursprünglich gemeint hat, als er ihn schuf nach seinem Bild (Gen 1,18) Das Wort Gottes als Samenkorn unvergänglichen Lebens - Geradezu unter die Haut geht es, wenn wir in diesem Zusammenhang dem Wort aus dem 2. Petrusbrief (1,23) begegnen: "Ihr seid neu geboren worden, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen: aus Gottes Wort, das lebt und bleibt" Das Wort: der Same des neuen, unvergänglichen Lebens, der in uns eingesät wird, sooft wir uns meditativ dem Wort dieses Lebens aussetzen. Das Wort Gottes als fortwährende Neuschöpfung der Welt - Aber nicht nur das neue, ewige, das "wahre" Leben, wurde und wird noch ständig aus dem Wort Gottes geboren. Die Bibel geht noch viel weiter, wenn sie sagt: Schlechthin alles, was geschaffen ist, wurde durch das Wort Gottes geschaffen: "Gott sprach 'Es werde Licht - und es ward Licht" (Gen 1,3)" Dieses Wort trägt die Macht in sich, zu erschaffen, was es sagt -  Das durchzieht das Alte Testament. Das nimmt dann Jesus ganz neu für sich und sein Wort in Anspruch: "Deine Sünden sind dir vergeben", sagt er zu dem Gelähmten (Mt 9,2). Und eigentlich nur als nachfolgenden Beweis dafür, dass dieses Wort wirklich machtvoll ausrichtet, wenn es sagt, nämlich die Vergebung der Sünden, folgt dann: Damit ihr seht, dass ich diese Macht habe: "Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause". (Mt. 9,6) Und der Gelähmte steht auf. Das Wort Gottes als fortwährender Neubeginn der Heilsgeschichte - Der Macht dieses wirkenden Wortes begegnen wir auch ständig in der Kirche: Ich kann viele Kinder mit Wasser übergießen und es geschieht nichts Entscheidendes. Aber wo dieses Übergießen mit den Worten verbunden wird: "Ich taufe dich im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" wird etwas schlechthin Neues: ein Mensch, der durch Gott wiedergeboren ist zu einem neuen Leben.

- Und wir erleben die Vollmacht des Wortes, das der Priester täglich über Brot und Wein spricht: "Das ist mein Leib, das ist mein Blut - zur Vergebung der Sünden".

Das Wort Gottes hat reinigende Vollmacht - Wir glauben daran, dass es kein leeres Wort, sondern ein von Gott wirksames Wort ist, wenn der Priester im Auftrag des Herrn sein Vergebungswort über den Beichtenden ausspricht: "Dir sind deine Sünden vergeben"

- "Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe" (Joh. 15,3), sagt Jesus seinen Jüngern. Und auch das - nicht etwas, was vergangen ist, an die Person Jesu damals gebunden - nimmt die Kirche in der Liturgie auf, wenn der Priester vor dem Lesen des Evangeliums betet: "per evangelica dicta - deleantur nostra delicta" - durch die Worte des Evangeliums mögen getilgt werden unsere Sünden. Das heißt doch nichts anderes, als dass das Wort Gottes, wenn ich mich ihm aussetze, seine reinigende Kraft an mir ausübt.

- Das kann durchaus auch schmerzlich sein. Der Schreiber des Hebräerbriefs bezeugt es gewiss aus eigener schmerzhafter Erfahrung: "Das Wort Gottes ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens". Dieses Wort ist: "lebendig, kraftvoll, und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens." (H 4,12)

Fassen wir zusammen: Wenn es so ist, dass ich im Wort Gottes Gott selbst finden und seiner Liebe persönlich begegnen kann, wenn dieses Wort an Dimensionen der Ewigkeit rührt, für den Menschen zum Brot werden und wahres Leben zeugen kann, wenn es den Menschen von innen her reinigen kann, dann stellt sich die Frage dringend: Wie gehe ich mit diesem Wort um, dass es die Fülle seiner Möglichkeiten in mir entfalten kann? Was hindert oder erschwert solches Verstehen?

Wenn es so ist, dass ich im Worte Gottes Gott selbst finden kann, seine unergründliche Liebe, seinen Heilswillen für alle Menschen und für mich ganz persönlich, dann macht das die Frage dringend, welcher Umgang mit der Bibel diese Möglichkeiten eröffnet - und welcher Umgang mit der Bibel solche Möglichkeiten erschwert oder gar verhindert.

- Erfahrungen, die weit über die Zeit des Neuen Testamentes in die Geschichte des Volkes Israel zurückreichen und seitdem in der Kirche nun fast 2000 Jahre praktiziert wurden, zeigen:

- Es ist das Hören des Wortes, es ist das Auswendiglernen des Wortes, es ist das Nachsinnen über das Wort, das "Bewegen des Wortes im Herzen", welches die Chance in sich trägt, das Wort in seinem tiefsten Wesen zu erfassen. Wie ein Signal steht zu Beginn der Psalmen, des Gebetbuches des Gottesvolkes der erste Psalm. Er preist den Menschen selig, der das Wort Gottes ständig "vor sich hinmurmelt" - wie die wörtliche Übersetzung sagt. Und er vergleicht ihn mit dem "Baum, an Wasserbächen gepflanzt, dessen Blätter nicht welken, der Frucht bringt zur rechten Zeit." Und ebenso programmatisch erscheint mir im Neuen Testament das Wort über Maria, das Luther so geglückt übersetzt: "Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen" (Lk. 2,19)
Genau das meint das Meditieren der Bibel.

c) Es gibt auch andere Weisen, mit der Bibel umzugehen. - Abgrenzungen sind hier nötig: Das, was wir hier das Meditieren der Bibel nennen, das Umgehen mit dem Wort Gottes in der Art, die das eigentliche Anliegen, das Wesentliche dieses Gotteswortes im Blick hat, ist nur möglich für den glaubenden Christen. Meditieren kann jeder Mensch. Die Bibel zu meditieren, setzt ein Stück Glauben voraus - und gleichzeitig wächst der Glaube gerade durch solches Tun. Es ist eine Wechselwirkung. Vielleicht sollte ich vorsichtiger sagen: Es setzt voraus, dass sich ein Mensch, der sich auf die Bibel meditierend einlässt, nicht bewusst davor verschließt, dass ihn der lebendige Gott hier anrühren kann.

- Auf der anderen Seite ist auch eine Abgrenzung nötig gegen den rein wissenschaftlichen Umgang mit der Bibel, wie ihn die historisch-kritische Exegese betreibt. Diese Arbeit, der sich seit dem letzten Jahrhundert die Exegeten unterziehen, hat viele entscheidend wichtige Erkenntnisse gebracht. Es ist wichtig, zu erforschen, wie die einzelnen Schriften entstanden sind, an welchen Leserkreis sie sich wenden, welche Situation der Gemeinde sich darin spiegelt. Gerade weil das Wort Gottes so kostbar ist, müssen auch diese Fragen ganz ernst genommen werden. Die Arbeit daran erwuchs ja auch aus tiefer Liebe zu diesem Wort. Aber dennoch ist diese Weise des Umgangs mit der Bibel "nicht das Ein und Alles", wie der Alttestamentler G. Lohfink sagt 1.

- Die Meditation eröffnet einen anderen Zugang zum Wort Gottes als die wissenschaftliche Forschung. Das Heil Gottes hat sich in dieses Wort eingebunden. Um mich dem auszusetzen, muss ich das Wort in mich einlassen, es in mich aufnehmen, wie der umgepflügte gute Acker den Samen aufnimmt: Nicht der Same, der auf den Weg fällt, nicht der Same, der unter die Dornen fällt, nicht der Same, der auf felsigen, harten Boden fällt, sondern der Same, der in gutes, lockeres Erdreich fällt, bringt allein Frucht. (Mt. 13,3-8;18-23)

Wir kennen dieses Gleichnis Jesu - so wichtig ist es ihm, dass er es als einziges seiner Gleichnisse selbst deutet: "Der Same ist das Wort Gottes." Die das Wort aufnehmen, die es "hören und behalten in einem feinen, guten Herzen" und "in Geduld Frucht bringen" (Lk.8,15) das sind die Menschen, deren Herz dem guten Land gleicht. Was hier umschrieben wird, ist aber nichts anderes, als was wir meinen, wenn wir vom Meditieren des Wortes sprechen. Es gibt also verschiedene Weisen, mit dem Worte Gottes umzugehen

3. Welche Möglichkeiten bieten sich an, die Bibel zu meditieren?

Das Meditieren des Wortes ist aber nun in sehr verschiedenen Weisen möglich. Es gibt althergebrachte Formen, und es gibt heute scheinbar ganz moderne Formen solcher Meditation über einen biblischen Text. Es ist immer gut, sich dem, was neu auf uns zukommt, weder einfach blindlings zu verschreiben noch es einfach ungeprüft abzulehnen, sondern zu prüfen, ob es echte Wurzeln hat in der christlichen spirituellen Tradition - und ob es Weisen sind, die sich bewährt haben. Beides sollte im Blick sein: Sowohl das, was heute angeboten wird, und bei vielen Menschen auf ein echtes, tiefes Bedürfnis trifft und ihnen helfen kann - als auch das, was unsere "Väter" im christlichen Glauben praktiziert und als hilfreich für ihr geistliches Leben erfahren haben.

Ich möchte mich in diesem dritten Teil, wo es um praktische Möglichkeiten des biblischen Meditierens geht, an einen der geistlichen Väter unserer westlichen Mönchstradition anlehnen: Johannes Cassian - wahrscheinlich den wenigsten unter uns bekannt - hat die reichen Erfahrungen des ägyptischen Mönchtums für das westliche Christentum erschlossen. Er hat um das Jahr 400 gelebt und sich lange bei den Menschen aufgehalten, die wir heute sicher als "Fachleute für biblische Meditation" bezeichnen würden: Es waren die Mönche, die in der Wüste lebten, und ihr ganzes Dasein darauf gründeten, allein von der Nahrung des Wortes Gottes zu leben. Dieses war ihnen so wichtig, dass sie alles andere zurückließen, alle anderen Lebensmöglichkeiten, um allein mit Gott und seinem Wort zu leben. Sie taten das in Gemeinschaften oder allein - in einer letzten Radikalität. Viele von ihnen kannten das ganze Neue Testament und alle Psalmen auswendig, oft auch noch weite Teile des Alten Testamentes. Und sie ließen von diesem Wort ihr ganzes Leben zutiefst durchdringen. Nicht nur beim Beten, auch während ihrer Arbeit - eintöniger Handarbeit - wiederholten sie die Worte der Schrift ständig mit ihren Lippen, damit das Wort das ganze Leben durchformen sollte. 5

Johannes Cassian sammelt nun bei solchen Vätern deren lebenslange Erfahrungen auf ihrem geistlichen Weg, schreibt diese nieder für das aufkommende abendländische Mönchtum. Er lässt den Strom dieser Erfahrungen damit in die westliche Kirche hineinströmen. Benedikt, der Vater des abendländischen Mönchtums, zitiert in seiner Regel keinen der Väter so häufig wie Johannes Cassian.

Lassen wir uns von Cassian sagen, was er über den geistlichen Umgang mit dem Wort der Bibel zusammenträgt aus diesen lebendigen Erfahrungen der Mönche - und schauen wir gleichzeitig auf Angebote, wie sie heute gemacht und von vielen Menschen dankbar aufgenommen werden. Mich hat es geradezu überwältigt, als ich entdeckte, wie viel Parallelen da zu finden sind.

Johannes Cassian geht davon aus, dass eine jede Wissenschaft eine eigene, ihr angemessene Methode braucht, um sie zu erlernen. Wenn das schon für alle weltlichen Künste und Wissenschaften gilt, wie viel mehr dann den Quellen der Bibel bezeichnet, das geistliche Leben. Und er nennt fünf Wege, wie der Mensch die 'Geistliche Wissenschaft' erlernen kann, sein Leben vom Wort Gottes prägen lassen kann:

1. Es geht darum, ein Leben nach dem Willen Gottes zu führen

- Das mag überraschen, dass er mit etwas einsetzt, was auf den ersten Blick anscheinend sehr wenig mit biblischen Meditieren zu tun hat: Er fragt nach dem Kontext des gesamten Lebens. Nur der, der sich in seinem Leben bemüht, den erkannten Willen Gottes auch wirklich zu tun, ist fähig, tiefer in das Geheimnis der Schrift einzudringen.

- Mit Gott kann ich nicht spielen - er ist ein verzehrendes Feuer, wie die Schrift sagt. Wenn mir - was in der Begegnung mit seinem Wort oft geschieht - plötzlich bewusst wird, was ich tun sollte, und ich verweigere mich, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn ich mich das nächste Mal weniger deutlich angesprochen fühle.

- In einem modernen Buch über Meditation, wo es um die allgemeine Öffnung für die eigene Tiefe ging, wurde die gleiche Forderung aufgestellt: Nur wenn das ganze Leben in den Meditationsvorgang einbezogen wird, bleibt die Meditation gesund. Und es wurde ein Vergleich gebraucht: "Wenn ein Brief an den Absender zurückgeht mit den Worten "Annahme verweigert", dann wird der Schreiber des Briefes nicht so schnell wieder einen neuen Brief schicken!"

- Es geht also um die christliche Praxis, um das Tun des Willen Gottes als unbedingt notwendige Voraussetzung fruchtbarer biblischer Meditation. Meditation hindert also nicht die Praxis, wie es oft gefürchtet wird, sie ist keine Weltflucht, in der ich mich in die Innenwelt zurückziehe, weil ich von der Außenwelt frustriert bin, sondern sie kann überhaupt nur gedeihen in einem Leben, das sich im Angesicht Gottes ganz der Wirklichkeit mit ihren Aufgaben stellt. Jesus sagt dazu ein entscheidendes Wort: "Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob diese Lehre von Gott ist." (Joh. 7,17E). Tun - als Voraussetzung des Erkennens!

- Aber das ist dennoch nur das Umfeld, die Grundlage - noch nicht die Meditation selbst. Für diese nennt Cassian vier mögliche Weisen; Indem wir uns seinen Überlegungen anschließen, versuchen wir, eine Schneise durch die schier unübersehbare Fülle von Möglichkeiten zu schlagen.

2. Es geht darum, das Geschehen selbst sorgfältig zu betrachten - Das unterscheidet ja die biblischen Religionen von allen anderen, mögen sie noch so hochstehend sein, der Glaube, dass Gott sich offenbart hat, dass Gott selbst wahrhaft und wirklich in unsere Welt hereingekommen ist. Von diesem Kommen geben die Bücher der Schrift Zeugnis, sie bezeugen, was geschehen ist. Und mag das, was da bezeugt wird, noch so sehr über sich hinausweisen - davon wird dann die Rede sein - zuerst geht es darum, das Geschehen selbst, so genau als möglich in den Blick zu bekommen. Um den "Wortsinn" der Schrift geht es, um das, was wirklich und wahrhaft geschehen ist - und sich im Zeugnis derer, die es erlebt haben, niedergeschlagen hat. Cassian spricht vom 'historischen' Schriftsinn.

- Was das für die Meditation des Wortes bis heute bedeutet, habe ich in der Schule des Ignatius, bei den Jesuiten gelernt: Was kann eine biblische Geschichte für mich hergeben, wie lebendig wird mir das Wort, wenn ich mir die Zeit nehme, Wort für Wort auf mich wirken zu lassen, mit allen Sinnen innerlich mitzuerleben, was damals geschehen ist!

- Meine ganze Phantasie ist hier gefragt und wird in den Dienst des Meditierens gestellt: Ich sehe innerlich vor mir, was die Worte berichten - und verweile dabei. Ich höre die Stimmen, mit denen die Worte gesprochen werden. Ich fühle mich ein in die einzelnen Personen, von denen berichtet wird, identifiziere mich mit jeder von ihnen. Ich "wittere" das Geheimnis, das sich in diesem Geschehen verbirgt - und bleibe bei dem, was mich anrührt, "verkoste" es: "Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist" (Ps. 34,9) - dieser Aufforderung komme ich nach, wenn ich eine biblische Geschichte in dieser Weise meditiere.

- Vielleicht wird mir ein kleiner Nebensatz plötzlich ganz wichtig - ich hatte ihn bisher immer überlesen. Auch das Umfeld des Geschehens ist wichtig. Nicht zufällig ist es die Wüste, in der Jesu versucht wird. Und ich sollte etwas Wüstenluft innerlich atmen, um die Versuchungsgeschichte ganz zu verstehen. Und wir lesen, wie oft Jesus auf einen Berg steigt, wenn er beten will - nachts. Um mich in sein Beten einzufühlen, kann es gut sein, zuerst einmal mit ihm nachts auf den Berg zu steigen.

- Wer in dieser Weise regelmäßig biblische Geschichten meditiert, wird sehr bald selbst spüren, dass alles, was da erzählt wird, über sich hinausweist; dass da mehr drin steckt, als mit den Sinnen fassbar ist und vor Augen liegt. Cassian geht von dem Verstehen des Wortsinnes weiter zum "geistigen Verstehen" der Schrift, und nennt hier die Allegorese.

3. Es geht darum, das Geheimnis hinter dem Geschehen zu erspüren - In unserer gesamten geistlichen Tradition war es üblich, die Bibel "allegorisch" zu deuten. Das finden wir bereits im Neuen Testament. "allegorisch" ist ein griechisches Wort, in dem zwei Worte stecken: 'allos' - das andere und 'agoreo' - ich rede. Grob übersetzen könnte man es etwa: in dem, was ich sage, steckt noch etwas anderes, Tieferes drin. Die "allegorische Bibelauslegung" früherer Generationen wird von der heutigen Bibelwissenschaft nicht mehr beachtet - sie gilt einfach als unwissenschaftlich, dem heutigen Denken nicht mehr angemessen.

- Nun geschieht aber etwas Merkwürdiges: In neuer Zeit tauchen immer mehr Vorträge, Zeitschriftenartikel, ja Bücher auf über das symbolische Denken. Das Bild und das Symbol ist in dem ihm eigenen Wert ganz neu entdeckt worden. Und ich meine, dass das, was man als so überholt abgetan hat, sich auf diesem neuen Wege selbst wieder ins Bewusstsein der Menschen heute bringt. Denn es geht um etwas, das man nicht einfach ungestraft als überholt und unwissenschaftlich abtun darf, sonst verliert man etwas ganz Entscheidendes völlig aus dem Blick. Hans Urs von Balthasar sagt es einmal so: "Alle Dinge kann man doppelt betrachten - als Faktum und als Geheimnis."

- Und Paul Tillich, ein in der Nazizeit nach den USA emigrierter evangelischer Theologe, wagte es als einer der ersten Wissenschaftler unserer Zeit, die entscheidende Wichtigkeit des symbolischen Denkens für den glaubenden Christen neu zu entfalten. Er schreibt ein Buch: "Die verlorene Dimension". Und er meint damit: Ein Mensch, der nur die Fakten betrachten würde, der nicht mehr die symbolische Tiefe spürt, die den Dingen eigen ist, der hat eine wesentliche Dimension seines Menschseins verloren. Denn über das Geheimnis Gottes kann der Mensch überhaupt nicht anders reden, als mit Bildern - im weitesten Sinne - welche über sich hinausweisen. Es gibt Wirklichkeiten, die sich der exakten Sprache der Wissenschaft entziehen, hier brauchen wir die offene Sprache der Bilder: die Symbolsprache. 1957 kann dann Erich Fromm - ein bedeutender Psychologe - schreiben: "Ich halte die Symbolsprache für die einzige Sprache, die jeder von uns lernen sollte"  6

- Vielleicht kann der Unterschied an einem Beispiel deutlich werden. Johannes vom Kreuz hat eine ganz eigene Weise, mit Worten der Schrift umzugehen. Er kann etwa von Gebetserfahrungen schreiben, in denen die Zeit des Betens dem Beter überaus kurz vorkommt, obwohl objektiv eine lange Zeit vergangen ist. Dann schreibt er: "So ist es auch David geschehen. Aus der Versunkenheit wieder zu sich gekommen, sagt er: 'Ich erwachte und fand mich dem einsamen Sperling auf dem Dach gleich. 'Einsam' sagt er, nämlich allen Dingen entfremdet und fern; 'auf dem Dache', nämlich erhobenen Gemütes ..." (S. 2/14/11)

- Wissenschaftliches Denken untersucht diesen Psalmvers im Zusammenhang des gesamten Psalms. Und es wird sofort registrieren: Hier geht es dem Beter doch gar nicht um die Beschreibung eines Gebetszustandes, sondern um schlimme Krankheitserfahrung! Da es aber in der Kategorie dieses Denkens nur ein 'richtig' oder ein 'falsch' gibt, kann das Ergebnis nur rein negativ sein.

- Johannes vom Kreuz aber hat einen ganz anderen Ansatz: Er betet und macht dabei bestimmte Erfahrungen. Plötzlich steht da ein Bild in ihm auf, das er schon unzählige Male beim Beten des Psalms vor sich gesehen hat. Jetzt erlebt er seine eigene Erfahrung, wie sie gewissermaßen von diesem Bild gedeutet, ins Bewusstsein gebracht wird. Im Suchen nach Bildern, die das eigentlich Unaussprechbare in eine Form fassen, dass es sprachlich ausgedrückt und weitergegeben werden kann, stellen sich ihm biblische Bilder als Symbole zur Verfügung. Solch ein Bild ist in sich offen, man kann es ebenso für andere Erfahrungen verwenden, wie es der Beter des Psalms sicher getan hat. Selbst Johannes vom Kreuz kann die gleichen Bilder für verschiedene Erfahrungen benutzen. Es gibt nicht nur eine Situation, die er sich von einem bestimmten Bibelwort deuten und bestätigen lässt - denn Bilder sind offen. Sie können unterschiedliches Erleben anschaulich machen.

- Wer regelmäßig die Psalmen betet, wer regelmäßig biblische Worte und Geschichten meditiert, der weiß aus eigener Erfahrung, wie das gleiche Wort, die gleiche Geschichte, plötzlich ganz neu aufleuchten kann, wenn ich in einer neuen Lebenssituation stehe.

- Das hat mit Wissenschaftlichkeit in unserem heutigen Verständnis nichts zu tun, aber es hat um so mehr mit den Gesetzmäßigkeiten unserer Seele zu tun, der diese Art des Sprechens gemäß ist (wie jeder erfährt, der träumt). Und es hat ebensoviel mit dem Geheimnis des Wirkens Gottes zu tun, der uns in seinem Wort solche Bilder und Symbol anbietet, damit in ihnen sein Geheimnis aufleuchten kann.

- Noch einmal Erich Fromm: "Die Symbolsprache ist eine Sprache, in der die Außenwelt ein Symbol der Innenwelt, ein Symbol unserer Seele und unseres Geistes ist" (S.18)

- Diese Art des Meditierens finden wir schon im Neuen Testament selbst: Da heilt Jesus einen Blindgeborenen (Joh 9,1ff) Die Heilung wird als Faktum beschrieben. Aber dahinter leuchtet das Geheimnis auf: Jesus hat dieses getan, um zu bezeugen, dass Er das Licht der Welt ist. Und er weist darauf hin, dass wir alle - eben im symbolischen Sinn - "Blinde" sind, die Er sehend machen will. Wenn ich nun meditierend vor diesem Text verweile, dann geht es darum, dass ich den 'Raum betrete', in dem das Licht Gottes meine Finsternis berührt.

- Immer geht es im biblischen Meditieren um diese geheimnisvolle Berührung: Mein eigenes Geheimnis, das ich nicht in Worte fassen kann, wird berührt vom Geheimnis Gottes, das sich noch weniger in Worte fassen lässt. Aber die Bilder der Bibel - gerade in ihrer Offenheit - bilden den "Raum", in dem solche Begegnung, solche innerste Berührung stattfinden kann. Deshalb haben die Menschen, die um diese Möglichkeit wussten, immer die Bibel so über alles andere hochgeachtet. Wo ich in dieser offenen Weise dem Wort der Bibel begegne, dann mag sich mir nicht nur das Geheimnis erschließen, das den Dingen überhaupt innewohnt, sondern dann trete ich vielleicht in den Raum ein, wo mich das Geheimnis Gottes berühren kann. Das dieses geschieht, liegt nicht in meiner Macht - ich kann nur dafür offen sein und warten. Aber in zweitausend Jahren haben Christen überall auf der Welt immer wieder erfahren, dass solches Warten nicht umsonst geschieht.

4. Es geht darum, mich selbst mit meiner ganzen Existenz diesem Worte auszusetzen - Johannes Cassian spricht auch von dem "tropologischen Schriftverständnis" oder dem "moralischen Sinn der Schrift". Wenn wir dieses Wort hören, geht bei uns zuerst innerlich etwas zu. Versuchen wir, zu verstehen, was er damit meint: "Tropologie" heißt wörtlich die Lehre von der Prägung der Sinnesart, des Charakters, der Art und Weise des Betragens. Es geht also genau um das, was wir bereits im ersten Punkt ansprachen und vertieft es: Es geht um das Umsetzen des Wortes in die Wurzeln meines ganz konkretes Lebens und Handelns, um das Hineinwirken des Wortes in meinen Alltag, in alle Entscheidungen, die ich zu fällen und alle Widerwärtigkeiten, die ich als Christ vor Gott durchzustehen habe.

- Wie wenig sich ein Christ in seinem Tun oft von einem Nichtchristen unterscheidet, wie wenig unser christlicher Glaube wahrhaft auch unser Sein und unser Tun so prägt, dass wir uns positiv von anderen Menschen unterscheiden - das mag wohl einem jeden von uns schon einmal schmerzlich bewusst geworden sein. Je ernster er es meint, desto tiefer leidet er unter dieser Erfahrung. Und mancher hat schon schmerzhaft erlebt, wie wenig eigentlich sein Wille - mag er noch so gut sein - wirklich vermag, wenn er einen Fehler ablegen will, der sich bereits ganz tief eingefressen hat in sein Leben. Und doch ist da ein ganz tiefes und unüberhörbares Wissen in uns da, dass es irgendwie entscheidend auf dieses Tun, auf die Verwirklichung im Alltag ankommt.

- Und inzwischen ist auch vieles von dem, was die Psychologen erkannt haben, schon in das allgemeine Bewusstsein eingedrungen: Wie viele unserer Fehlhaltungen sind bereits in Erlebnissen unserer frühesten Kindheit verwurzelt. Die Wurzeln sitzen so tief in uns drin, dass wir lediglich die Blätter es Unkrautes abreißen können, die über der Erde wachsen. Aber aus den Wurzeln treibt das Unkraut neu nach, immer und immer wieder. Was geben uns die Psychologen für einen Rat, wenn sich wirklich etwas Entscheidendes ändern soll? Es geht darum, die Wurzeln aufzudecken, die ganz tief in uns drin stecken - die wir als Kinder nicht ins Bewusstsein lassen konnten, weil wir diesen Schmerzen nicht gewachsen wären. Allein der zugelassene Schmerz verwandelt uns wirklich.

- Was hat das mit biblischer Meditation zu tun? Ich denke, sehr viel. Wenn die frühen Mönche in der Weise, wie ich es oben geschildert habe, mit dem Worte Gottes gelebt haben, dann war es für sie nicht nur ein moralischer Appell an den Willen, wie wir dieses Wort heute so gern verstehen. Indem sie bei dem Wort aushielten, bei dem Wort 'wachten', oft über Jahre hin bei einem bestimmten Wort, gaben sie diesem Wort Gelegenheit, sich zu entfalten, wirksam zu werden tief von innen her. Da konnten sie etwas erleben von dem, was wir oben sagten, dass das Wort die Vollmacht in sich trägt, das zu bewirken, was es sagt. Und es gibt unter diesen Mönchen eine Reihe von geistlichen Vätern, aus deren kurzen Worten man einen tiefen, in einem langen Leben gereiften Verwandlungsprozess erspüren kann. Ich denke da beispielsweise an einen Väterspruch: "Einige von den Alten kamen zum Altvater Poimen und sagten zu ihm: 'Wenn wir beim Gottesdienst Brüder einnicken sehen, willst du, dass wir ihnen einen Stoß geben, damit sie in der Vigile (dem Nachtgottesdienst) wachen?' Er erwiderte: 'Wahrlich, wenn ich einen Bruder einnicken sehe, dann leg ich seinen Kopf auf meine Knie und lasse ihn ruhen." In diesem kurzen Spruch, gesprochen in einer harten, rauen Umwelt, wie wir sie uns kaum mehr vorstellen können, leuchtet etwas von einer Güte auf, die Frucht solch einer tiefen Verwandlung sein muss.

- Seit einigen Jahren begegnet uns nun eine völlig neue Form der Bibelauslegung, des persönlichen Umgangs mit der Schrift, die meiner Ansicht nach das hier ausgesprochene Anliegen aufnimmt. Man spricht von der tiefenpsychologischen Bibelauslegung - und es ist ein heißer Kampf darum entbrannt. Der soll uns hier nicht interessieren. Auch wenn etwas gut und fruchtbar ist, braucht man es nicht als die alleinseligmachende Methode anzupreisen, die alle anderen Wege ausschließt. Und man braucht diesen Weg ebenso wenig in Bausch und Bogen abzulehnen, nur weil er an einer anderen Stelle einsetzt, als das bisher bei der Bibelauslegung üblich war.

- Worum geht es? Letztlich geht es um das Sich-Herantasten an die unendlich vielen Möglichkeiten, die jeder Mensch unerkannt in sich trägt - aber auch um verdrängte Seiten unseres Wesens - auch wenn wir sie eigentlich nicht sehen möchten - dann hilft dieser Vorgang dazu, dass wir ein Stück heiler, nämlich ganzheitlicher werden. Was wir von der Quelle sagten, dass sie nicht nur vor unseren Augen, sondern auch in uns selbst 'quellen' möchte, das gilt nicht nur von einzelnen Symbolen, sondern von der Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen. Sie hat sich im Verlauf von tausend Jahren in und um das Land Palästina abgespielt, bis sie sich zur letzten Vollendung im Leben, im Tod und der Auferstehung Jesu Christi verdichtete.

- Aber - wie sich im Spiegel die Sonne spiegelt - so spiegelt sich die weltweite Heilsgeschichte auch in mir, in den Bereichen meiner Seele. Und vielleicht kann ich sogar die mir von außen begegnende Heilsgeschichte, wie sie im Wort der Bibel festgehalten ist, erst dann ganz 'richtig', existentiell, verstehen, wenn ich sie im Spiegelbild meines Innenlebens erfahre. Was sich aber in mir abspielt, braucht die Begegnung mit dem äußeren Bild, um erkennbar zu werden. Denn angesichts des äußeren, sichtbaren Bildes, gestaltet, formt sich die innere Wirklichkeit.

- Und darin sehe ich die große Chance der tiefenpsychologischen Bibelauslegung. Sie ist eine uns heute angemessene Möglichkeit der meditativen Begegnung mit der Bibel: Alles, was mir da begegnet in Bildern, Personen oder auch Worten, bringt etwas in mir selbst zum Mitschwingen. Denn ich trage alle Möglichkeiten in mir, die hellen, aber auch die dunklen. Und nur, wenn ich sie erkenne, ans Licht des Bewusstseins kommen lasse, können sie geformt, und damit in neuer Weise fruchtbar für meinen menschlichen und meinen geistlichen Weg.

- Dazu brauche ich keine ins einzelne gehenden psychologischen Vorkenntnisse. Wer gewöhnt ist, meditativ mit der Bibel umzugehen, wird selbst oft schon ähnliche Wege beschritten haben, ohne sie so zu nennen. Und wer sich auf diese Möglichkeiten einlässt, dem können sich neue Horizonte eröffnen, die seinen bisherigen Umgang mit der Schrift ganz neu vertiefen können.

- Ich kenne ganz einfache Menschen, die ein Leben lang mit ihrer Bibel gelebt haben, so dass die Bilder der Bibel ganz tief in ihnen 'drin' sind. Mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit finden sie für bestimmte Situationen ihres Lebens - oder des Lebens anderer Menschen - unwillkürlich ein biblisches Bild, das diese Situation nicht nur von Gott her deutet, sondern auch Lösungen zeigt.

- Ich schaue auf die Bilder einer Geschichte: Wenn ich mich in einzelne Personen in innerer Ruhe und Offenheit einfühle, wenn ich auf die Bilder und Symbole schaue und davor verweile, dann können unerwartete Dinge in mir ans Licht kommen. Sie können ein Stück der Heilsgeschichte in mir geschehen lassen. An zwei Beispielen will ich es verdeutlichen:

Da ist zum Beispiel das Schifflein mit den Jüngern mitten im Sturm. Alles das ist in mir vorhanden: Kenne ich nicht den tobenden Sturm in mir, dass die Wellen über mir zusammenschlagen? Dass das kleine Boot, auf dem ich mich gerade noch halte, zu versinken droht, dass ich nichts bin als ein solcher Jünger, gepackt von Todesangst, wie es weitergehen soll? Und dass es dabei tiefste Nacht in mir ist? Aber noch mehr: Auch in mir selbst ist mitten in diesen tobenden Gewalten Jesus lebendig anwesend - das sagt mir mein Glaube - eigentlich müsste ich es wissen - aber nichts in mir erkennt ihn - außer dem 'Petrus' in mir, der zaghaft, hoffend und zweifelnd fragt: "Herr, wenn du es bist, dann befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme." (Mt. 14,28E)

Alles ist in mir vorhanden. Und dort geschieht Heilsgeschichte in mir, wo der 'Petrus in mir' den Sprung aus dem rettenden Boot wagt - auf das Wort des Herrn hin, auch da, wo der Petrus in mir vor den tobenden Gewalten verzagt und zu versinken beginnt - und wo dann aus der letzten Tiefe die rettende Hand Jesu erscheint und mich vor dem Untergang rettet. Ich brauche die Hilfe nicht nur außer mir zu suchen, wenn die Fluten mich zu verschlingen drohen. Ohne äußeren Anlas bricht manchmal gerade in der letzten Not ganz von tief innen her in mir etwas durch, das die Wogen besänftigt und mich wieder ins rettende Boot hineinbringt. Und die geistlichen Meister sagen, gerade dort, wo der Trost ohne äußeren Anlas von innen her die Dunkelheiten besiegt, dort kann ich fast zweifelsfrei Gott selbst am Werke sehen. Denn es ist nur Gott, nicht der widergöttlichen Macht eigen, aus dem 'Nichts' - also ohne äußeren Anlas - etwas zu schaffen.

Oder nehmen wir die bekannte Erzählung von Maria und Martha. (Luk 10,38ff)

Wenn in mir selbst sowohl 'Maria' als auch 'Martha' als Möglichkeiten meines inneren Lebens vorhanden sind, dann geschieht dort ein Stück Heilsgeschichte, wo 'Maria' sich erlaubt, ihrem innersten Bedürfnis nachzugehen und einfach still vor Gott zu verweilen, mag die Martha mit ihren Vorwürfen noch so sehr diese Ruhe zu stören versuchen. Wie manches Mal habe ich es schon erlebt, dass ich mir die Zeit zum Beten und Meditieren genommen habe, obwohl die 'Martha in mir' ständig vorwurfsvoll funkte: "Du musst jetzt unbedingt dies oder jenes tun, jetzt hast du wirklich keine Zeit zum Beten." Und wenn ich es dennoch getan habe, der Maria freien Raum geschenkt habe, so 'wusste' ich nach kurzer Zeit, dass es so richtig war, dass die anderen Aufgaben durchaus warten konnten.

- Das kann ich mit fast allen biblischen Geschichten tun - es erschließt eine Fülle bisher ungeahnter Möglichkeiten. Die 'objektive Heilsgeschichte', die in der Bibel bezeugt wird, kommt erst da an ihr Ziel bei mir, wo sie in meine 'subjektive Heilsgeschichte' einmündet. Diesem Prozess setze ich mich in der biblischen Meditation aus, wenn ich von den Worten, Bildern und Gestalten der Bibel mein inneres Leben ausleuchten lasse - in immer neuen Varianten. (Mich erinnert das an Johannes vom Kreuz, der von den tiefen, dunklen Höhlen in der menschlichen Seele spricht, die mehr und mehr befähigt werden, die Fülle des göttlichen Lichtes in sich aufzunehmen.)

- Aber es gibt noch einen letzten Weg, den Cassian nennt, welcher noch radikaler in das allerletzte Geheimnis hineinzuführen vermag: er nennt es die anagogische Weise, die Bibel zu verstehen. Wir würden heute entsprechend von einer eschatologischen Auslegung sprechen.

5. Es geht darum, mich dem 'unbegreiflichen' Gott zu nahen, der alle menschlichen Möglichkeiten transzendiert. - Wenn die Bibel immer wieder über sich selbst hinausweist, über alles, was menschliche Erfahrung in dieser Zeit zu erkennen vermag, wenn sie von der letzten Erfüllung spricht, die der Ewigkeit Gottes vorbehalten ist, dann ist das nicht ein Nebengleis biblischer Botschaft, sondern die Hoffnung auf diese letzte Erfüllung bahnt sich bereits im Alten Testament an und bestimmt das Denken und Fühlen aller neutestamentlichen Schriften. Wenn irgendwo, dann kann man über dieses Allerletzte überhaupt nicht anders reden als in schwachen Bildern, die dieses Geheimnis berühren und doch nie ganz aussagen können. Wir stehen hier an der äußersten Grenze dessen (eschaton = das Letzte, Äußerste), was Menschen erahnen können, eine Wirklichkeit, die alles menschliche Erfassen weit übersteigt.

- Das gilt aber nun nicht nur zeitlich gesehen für die Zukunft, die Gott uns bereiten will, auf die wir als Christen hoffen. Sondern es ist gerade das Johannesevangelium, das immer wieder durchscheinen lässt, dass es sich bei dieser Zukunft Gottes um etwas handelt, das in Jesus bereits begonnen hat: "Die Stunde kommt und sie ist schon da" (Joh. 4,23) sagt Jesus im Gespräch mit der samaritanischen Frau.

- Und immer wieder hat es in der Geschichte der Kirche ernstzunehmende Stimmen gegeben, die sagten, da Gott - wie er wahrhaft in sich ist - über alles Begreifen und Erkennen erhaben sei, sei es viel besser, vor Gott zu schweigen, als über ihn zu reden. Denn alles, was man immer von ihm aussagen oder bildlich darstellen könne, sei ihm unendlich viel ungleicher als es auf ihn hinweisen könne.

- Und so ist es keine dem Christlichen Glauben widersprechende Übung, wenn in Kontemplationskurs geübt wird, einfach zu schweigen vor dem unbegreiflichen göttlichen Geheimnis. Völlig leer zu werden, damit ich in einer verborgenen, nicht mit Sinnen greifbaren Weise, von Gott erfüllt werde.

- Lange Zeit habe ich diese Übung so gemacht, dass ich mich über Tage oder Wochen hin auf ein einziges Bibelwort eingelassen habe, um mich von diesem Wort an die Grenze mitnehmen zu lassen, wo menschliches Denken an ein Ende gekommen ist - an die äußerste Grenze - den Bereich Gottes. Ob diese Grenze für mein menschliches Vorstellungsvermögen am Ende der Zeit liegt (wer kann sich "Ende der Zeit" eigentlich vorstellen?) oder in der letzten Tiefe meiner Seele, im tiefsten Grunde, wo Gott selbst wohnt, wie Tauler sagt - oder in der Seelenspitze, wo Gott als lebendige Kraft in mir wohnt, wie Meister Eckhart sagt: das sind keine Gegensätze, die einander ausschließen. Sondern es ist das ehrliche Bekenntnis, dass wir Menschen dort, wo wir es mit dem wahrhaftigen Gott zu tun bekommen, nicht mehr mit unseren menschlichen Denkungsweisen weiterkommen.

- Es gibt bei diesen Übungen auch selten besondere Erfahrungen, die sich in Worte fassen ließen. Aber es gibt etwas, das diese Erfahrungen hinter sich zurücklässt: Es gibt wahrhaftige Verwandlung eines Menschen, seines Aussehens, seines Denkens und seines Tuns. Das kann er selbst eines Tages merken, dass da etwas mit ihm geschehen - das können andere manchmal noch eher spüren als er selbst.

- Über diese Dinge kann man nicht viel Worte machen, der einzige Zugang dazu liegt im eigenen Üben und Versuchen.

Zusammenfassung

Meditieren mit der Bibel - einige Methoden haben wir angesprochen, die in die Mitte dessen führen können, was Gott uns durch sein Wort anbietet. Als ich mir um dieses Thema Gedanken machte, mir überlegte, wie ich diesen Vortrag konzipieren könne, da durchzuckte mich plötzlich der Gedanke: Die Bibel zu meditieren kann ein Spiel mit dem Feuer sein. Denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.

Am Ende dessen, was ich nun zu sagen versucht habe, steht dieser Gedanke noch unübersehbarer vor mir: Wer sich regelmäßig auf den meditierenden Umgang mit dem Wort Gottes einlässt, der lässt sich mit Gott ein. "Unser Gott (aber) ist ein verzehrendes Feuer", sagt der Hebräerbrief (12,29) und nimmt damit ein Wort aus dem Deuteronomium auf.

Soll ich also lieber die Hände davon lassen? Meister Eckehart weiß einen anderen, besseren Weg: Das Feuer brennt und schmerzt uns nur deshalb, weil wir selbst nicht Feuersnatur haben, sondern kalt und lau sind. Wenn wir innerlich brennen, brauchen wir keine Angst mehr zu haben vor dem verzehrenden Feuer Gottes. Das Meditieren der Bibel kann uns ein Stück dazu helfen.


Anmerkungen:
1 Vortrag, gehalten in Salzburg 1989
2  vgl dazu K.Johne, Wortgebet und Schweigegebet, Münsterschwarzach 1996

3  Der Vortrag wurde in Österreich gehalten

4  Geist und Leben, 1988/2: "Vieles, was sonst an Möglichkeiten biblischer Auslegung bekannt ist, ist der christlichen Auslegung nicht fremd und findet in ihr einen eigenen, angemessenen Ort. Das gilt gerade auch von der historisch-kritischen Auslegung. Die christliche Auslegung  muss sie von Anfang bis Ende integrieren. Sie ist nur in ihr nicht das Ein und Alles."

5  Dass es dabei auch Verirrungen, fehlgeleitete Radikalismen gegeben hat, soll uns hier nicht interessieren. Gefahren gibt es auf jedem geistlichen Weg, und nicht jeder ist ihnen gewachsen!

6  Erich Fromm, Märchen, Mythen und Legenden

7  "Weisung der Väter, Leipzig 1984, Nr.666