Markus 1, 32 - 39
Thema:

Was fehlt uns?
Äußere und innere Behinderungen
Bibeltext  Markus 1, 32 - 39
1:32 Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus.
1:33 Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt,
1:34 und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu reden; denn sie wussten, wer er war.
1:35 In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.
1:36 Simon und seine Begleiter eilten ihm nach,
1:37 und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich.
1:38 Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
1:39 Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.


Meditative Besinnung:

Was erwarte ich von einem guten Arzt, dem ich mein Vertrauen schenke? Es kann sein, dass es einem Schwerkranken schon in dem Augenblick etwas besser geht, in dem der Arzt das Krankenzimmer betritt. Steckt nicht ganz tief in jedem von uns Menschen der Wunsch, heil und gesund zu sein? Wir dürfen diesen Wunsch wahrnehmen, ohne uns dafür schämen zu müssen.  Aber  wenn wir dann eines Tages zu der Erkenntnis kommen, dass es auch oft andere Wege für den Menschen gibt - Wege, die er mit einer Behinderung zu gehen hat, ein Leben, das von nun an durch solche Behinderung bestimmt ist? - Wir mögen wohl ahnen, welchen langen inneren Weg es bedeuten kann, eine schwere Krankheit oder eine Behinderung  wirklich anzunehmen, damit in Zukunft leben zu müssen. Aber manchem gelingt es - und es gibt wahrhaftig Menschen, welcher ehrlich sagen können, dass sie durch eine Krankheit oder eine Behinderung innerlich gewachsen und gereift sind, auch in ihrem Glauben. Wenn man einem solchen Menschen begegnen darf, ist das oft ein großes Geschenk!.

Versuchen wir, den biblischen Text, der uns Jesus als den Heilenden vor Augen malt, in allen Einzelheiten lebendig vor uns zu sehen und mit allen inneren Sinnen mitzuerleben..

In unserem biblischen Abschnitt erleben wir eine abendliche Szene, wie sie uns bildhaft vor Augen gestellt wird: Die Sonne ist untergegangen - und mit ihr die unerträgliche Hitze eines glühenden Sonnentages in Palästina. Es ist schon spät geworden. Da öffnen sich Haustüren der kleinen orientalischen Häuser. Eines nach dem anderen gibt an die Abendluft frei, was es tagsüber an Schmerz und menschlichem Leid hinter seinen abweisenden Mauern verborgen hatte: Kranke Menschen werden von ihren Angehörigen auf Betten oder Behelfsbahren auf die Straße getragen. Ein Zug, dem sich immer neue Teilnehmer anschließen, bewegt sich auf ein Haus zu, in dem ein Mensch zu Gast ist, der niemals Medizin studiert hat. Und dennoch ahnen die Leute in diesem Menschen einen wahren Arzt, jemanden, der ihnen in ihren mannigfachen Nöten und Gebrechen helfen kann. Der Zug strömt auf das Haus zu, in dem Jesus weilt, und findet dort Einlass.

Wenn ein Mensch krank ist, sagen wir selbstverständlich: "Es fehlt ihm etwas". Nicht nur die körperlich Kranken leiden unter diesem Fehlen ihrer Gesundheit, und damit der Möglichkeit eines vollen und umfassenden Lebens. Gerade heute begegnen uns zunehmend Menschen, denen noch viel mehr "fehlt" als ein normal funktionierender Körper: Wie viele Menschen sind krank an ihrer Seele - tragen tiefe Verwundungen in sich, die sie oft verbergen - und die sie doch hindern, ein ganzes, erfülltes Leben zu führen. Unser biblischer Text sagt uns, dass "die ganze Stadt" auf den Beinen ist - dass sich alle, die an etwas Bösem - so die wörtliche Übersetzung - zu tragen haben - in diesem Zug einreihen. Sie brechen auf zu dem, von dem sie hoffen, dass er vielleicht helfen kann, wo bisher alle Hilfe vergeblich und aussichtslos war. Und dann steht da ganz schlicht und einfach, dass er vielen half - in ihren inneren und äußeren Nöten.

Es gibt glaubhafte Berichte, dass auch heute noch Menschen in der Nachfolge Christi fähig sind, körperliche Krankheiten durch Beten und Handauflegung zu heilen. Schauen wir dankbar auf solche Gaben, wo sie uns begegnen mögen. Aber vergessen wir darüber anderes, vielleicht noch viel Wichtigeres nicht: Wie viel verborgene Heilung von inneren, seelischen Nöten geschieht tagtäglich an Menschen, die sich vertrauensvoll mit ihren Nöten an Gott wenden! Wie manches Mal geht jemand mit neuen Lebenskräften aus einem Gottesdienst heraus, welcher vorher nicht mehr wusste, wie sein Leben weitergehen sollte. Und mancher von uns könnte gewiss selbst davon Zeugnis ablegen, dass er gebetet hat - vielleicht lange und oft scheinbar ins Leere hinein - und eines Tages stand er innerlich befreit oder gestärkt aus seinem Gebet auf! Spüren wir doch selbst einmal in unserem Leben nach, ob uns solche Erfahrungen nicht auch wenigstens das eine oder das andere Mal geschenkt wurden... Ich glaube, Gott würde sich darüber freuen, wenn wir ihm einmal bewusst dafür dankten, wo er uns ein kleines Stück heil gemacht hat. Wir sprechen so selten über solche Erfahrungen - und so verbergen sie sich im Dunkel des Abends, wie die Heilungen, die damals durch die Hand Jesu geschahen - an den Menschen "mit vielerlei Gebrechen".

Aber damit haben wir erst auf den ersten Teil unseres Bildes geschaut.

Daneben malt uns unser Text ein neues, geradezu entgegengesetztes Bild vor  Augen: Jetzt ist es nicht mehr Abend, sondern ganz früher Morgen. Jeder Morgen ist ja ein Zeichen dafür, dass etwas Neues beginnen darf! Das Neue beginnt ebenso im Geheimen wie das Heilen in der Dunkelheit des Abends: Frühzeitig am Morgen sind bereits wieder einige Menschen unterwegs zu dem Hause, in dem am vergangenen Abend so viel Gutes und Heilendes durch Jesus geschehen ist. Doch derjenige, den die Menschen suchen, ist nicht da.

Die Jünger ahnen, wo sie ihn finden können - und ihre Ahnung trügt sie nicht: Fern von der Stadt, fern von den Menschen finden sie Jesus an einem wüsten Ort - er betet. Ganz früh, vor allen anderen, war er aufgebrochen, um hier - ungestört von den vielen Menschen, ungestört selbst von seinen Jüngern, zu beten - Gott zu begegnen. Weshalb tat er das?

Wir können nur ahnen, wie nötig er selbst neue Kraft brauchte, nachdem seine Kräfte in die leidenden Menschen hinein verströmt waren. Aus dem, was dann folgt, können wir vermuten, dass er in der Stille des frühen Morgen noch einmal über seine Sendung nachdenken wollte. In der Nähe Gottes wollte er für sich klären, worin nun wirklich seine eigentliche Aufgabe in dieser Welt läge. Er wollte erfahren, was Gott von ihm wollte, angesichts dieser Flut von Leid und Not, die ihm begegnet war. Vielleicht mag ihm auch bewusst geworden sein, welch geringen Kreis er nur erreichen konnte. War und ist doch bis heute die Fülle menschlicher Not, innerer und äußerer, unübersehbar - sie übersteigt weit unsere Kräfte und Möglichkeiten zur Hilfe

Die Jünger begreifen es nicht: Wie kannst du dich zurückziehen, wo du so dringend von den Menschen gebraucht wirst? Wir gut können wir diesen Vorwurf der Jünger verstehen, wie vieles klingt da in uns mit: Gott, wie kannst du das alles, was heute geschieht, so einfach ansehen, dich zurückziehen oder auch abwarten, ohne sofort einzugreifen und der menschlichen Not ein baldiges Ende zu bereiten? Gott, warum bist du so fern - weshalb schweigst du?

Die Frage sitzt tief, tief in unserem Herzen drin, und deshalb können wir eine Antwort wohl auch nicht nur mit unseren Ohren hören. Sie würde uns unbefriedigt lassen. Aber wenn wir uns dem neuen Bild aussetzen und es auf uns wirken lassen, da kann vielleicht auch in uns eine Ahnung erwachen: Die Jünger hatten nur menschliche Lösungsversuche vor Augen - Jesus aber, Auge in Auge mit seinem himmlischen Vater, begriff Neues in dieser Gebetsstunde: Souverän steht er vor seinen aufgeregten Jüngern, die ihn aufgespürt haben. Er scheint überhaupt nicht auf ihren Wunsch einzugehen, wenn sie ihn bitten: "Komm zurück - noch viele brauchen dich!" - "Kehre um - setze das Werk des vergangenen Abends fort"... Souverän klingen seinen Worte, mit denen er zu den Jüngern spricht: "Lasst uns aufbrechen - lasst uns weitergehen - denn dazu bin ich gekommen!" Wir sollten vielleicht einmal versuchen, uns innerlich vorzustellen, mit welcher Stimme Jesus gesprochen haben mag, als dieses seinen Jüngern sagt. Er wusste: Meine Aufgabe ist es nicht, umzukehren, sondern weiterzugehen, neu aufzubrechen. Die Zahl der Menschen ist unübersehbar, die noch auf meine Botschaft wartet - auf die Botschaft, die die Kraft in sich trägt, zu heilen, Böses aufzudecken und zu überwinden.

Dazu war er gekommen - diese Gewissheit spricht aus ihm: nicht umzukehren, sondern weiterzugehen, neu aufzubrechen - zuerst nach Galiläa - dann nach Jerusalem. Doch dann wird er noch einmal aufbrechen, um auch diese Grenzen, die ja auch immer menschliche Begrenzungen sind, in ganz neue Dimensionen hinein zu überschreiten: Das wird dann die Botschaft von Himmelfahrt sein, dass seine Sendung zur Heilung dieser Welt nicht mehr begrenzt ist auf eine kleine galiläische Stadt, auch nicht auf das kleine Land Galiläa - sondern dass er gekommen ist, das Heil allen Menschen zu bringen - dass seine Sendung selbst den Kosmos mit einschließt.

Dies hat begonnen, aber noch steht die Vollendung aus. Doch bevor dieses offenbar wird, leben wir noch wie in der Zeit des abendlichen Suchens, kommen wir uns alle noch vor wie die Bewohner dieser kleinen Stadt - unterwegs mit unseren Kranken und unseren Krankheiten zu dem, der sie als einziger heilen kann. Und wo solche Heilung geschieht - und wenn es nur ein kleiner Strahl der Hoffnung wäre, der sich beim Beten wieder in ein resigniertes oder verzweifeltes Herz hineinsenkt - dort wird dieses Heilung zum Zeichen, zum Hinweis auf den, dessen Heilswerk für die gesamte Welt bereits im Gange ist - wenn auch unseren Augen noch verborgen...

Weitere Meditationsanregungen.
  • Ich spüre meinem tiefen Wunsch nach Heilsein nach...
  • Ich stelle mir vor, in einem der palästinensischen Häuser zu wohnen und zu hören, dass der Mensch in der Nähe ist, der Krankheiten heilen kann... Verlasse ich mein Haus? Mit welchem Anliegen gehe ich zu ihm...
  • Spüre ich in mir innere Verletzungen, die ich oft nicht wahrhaben möchte - und mit denen ich doch "mein Haus verlassen und mit ihnen zu dem gehen möchte, der heilen kann?...
  • Kenne ich die Frage selbst: "Gott, weshalb lässt Du das alles geschehen ohne einzugreifen? Weshalb schweigst Du?...
  • Wie höre ich die Worte Jesu: "Lasst uns weitergehen - damit ich auch an anderer Stelle predige - denn dazu bin ich gekommen"?...
  • Ahne ich etwas von der   heilenden Kraft, die auch heute noch von Jesus Christus, dem Lebendigen ausgeht?...

  • Liturgische Einbindung und Veröffentlichung

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