Lukas 14, 25 - 33
Thema:

Sein und Bleiben in der Nähe Jesu
Bibeltext:  Lukas 14, 25 - 33
14:25 Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte:
14:26 Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.
14:27 Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.
14:28 Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?
14:29 Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten
14:30 und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen.
14:31 Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt?
14:32 Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden.
14:33 Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.


Meditative Besinnung

Was mag in Jesus vorgegangen sein, ehe er diese Worte sprach? Wir sehen vor uns viele Menschen, die mit Jesus "mit-gehen".(Das Wort ist im Urtext ebenso wie im Deutschen ein zusammengesetztes Verb) Sie haben den Wunsch, bei ihm zu sein, noch näher zu ihm zu kommen. Obwohl sie schon mit ihm gehen, spricht er diejenigen an, die "zu ihm kommen wollen". So mag er sie alle angeschaut haben mit der brennenden Frage seines Herzens: Wer von diesen vielen wird wohl standhalten, wenn es ernst wird, wenn mein Leben nicht mehr von Erfolg zu Erfolg voranschreitet, sondern den Weg "nach unten", ins Leiden und zum Sterben hin nimmt?

Was für Fragen mag der Auferstandenen wohl heute in seinem Herzen bewegen, wenn er auf die schaut, die auch heute meinen, mit ihm zu gehen und dabei doch in der Unverbindlichkeit bleiben? Was sich damals um Jesus herum abspielte, ist heute hoch aktuell: Wer von uns allen hält stand, wenn von uns Entscheidungen gefordert werden - wer von uns wird bei ihm bleiben, wenn dunkle Wegstrecken zu bestehen sind? Jeder von uns wird hier gefragt nach seiner Verbindlichkeit, seiner Bereitschaft, was er es sich kosten lassen will, Jesus nachzufolgen - oder, mit den Worten des Paulus gesagt: eine neue Kreatur, ein neuer Mensch, eine neue Schöpfung zu werden. Und dazu werden uns einige Bilder vor Augen gemalt, die wir in der Stille meditieren sollten:

a) Wer in der Nähe Jesu sein und bleiben will, muß sich befreien lassen von hindernden Bindungen.
Zum Meditieren bietet uns der Text in seiner alttestamentlichen Grundlage das Urbild des Priestertums an.(Gertrud von Le Fort beschreibt einmal das Wesen der Frau in den Alternativen der Priesterin, der Schauspielerin oder der Mutter - drei archetypischen Möglichkeiten, Frausein zu leben.) Horchen gerade wir evangelischen Christen einmal in uns hinein, um zu spüren, ob nicht eine verborgene Sehnsucht nach dem "Priester", nach einem "Mittler" zu Gott in uns ist. Und wir können auch dem einmal nachspüren, ob wir in unserem Leben nicht schon "Mittlergestalten" erlebt haben - Menschen, welche uns an irgendeiner Stelle und in irgendeiner Weise den Zugang zu Gott erleichtert haben... Wenn wir davon etwas spüren, dann erfahren wir die Aufforderung Jesu vielleicht auch in einem neuen Licht: Wer mein Jünger sein will und anderen Menschen den Zugang zu mir erleichtern will, der werde frei von Bindungen, die ihn daran hindern, verfügbar zu sein."

Wer nähere Berührung mit Ausländern hat, die aus dem Mittelmeerraum kommen, wird vielleicht davon schon etwas gespürt haben, wieviel enger dort die Familienbindungen noch sind, als das bei unseren Kleinfamilien oft der Fall ist. Solche Familienbindungen bieten zwar ein Stück Geborgenheit an, aber sie können auch eigene Lebensentwürfe und -wünsche zu Fall bringen. Jesus selbst mußte sich erst einmal befreien aus seinen familiären Bindungen, ehe er sein Werk beginnen konnte.

Weshalb aber gebraucht Jesus das harte Wort vom "Hassen" (Luther)? Jörg Zink übersetzt dieses Wort mit: "Wer keinen entschiedenen Abstand schafft zu allen anderen Menschen, auf die er Rücksicht nehmen oder denen er Zeit und Gedanken widmen muss." Ich glaube, wenn wir ehrlich und offen in uns hineinzuhorchen versuchen, werden wir spüren, ob da irgendwelche menschlichen Bindungen sind, die uns unfrei machen, auf den jeweiligen Willen Gottes in unserem Leben zu horchen und ihn zu erkennen. Das können Bindungen sein, die ich dort aufbaue, wo ich einen äußeren Halt in meinem Leben suche ("Vater") oder andere, wo ich Geborgenheit ("Mutter") suche oder einfach nur Verstehen ("Geschwister") oder auch Schüler, die meine Arbeit weiterführen ("Kinder"). Denn manche Bindungen tragen es in sich, daß ich mich gegenüber bestimmten leisen Impulsen meines Gewissens abschirme - weil sie mir unbequem sind. Was ich nicht hören will - das werde ich wohl auch nicht hören. Unser geistliches Leben wird jedoch davon bestimmt, daß wir gerade auf die leisen Impulse des Heilgen Geistes warten und ihnen dann auch gehorchen. Das erst macht unser Leben weit und reich. Meister Eckehart kann sogar sagen, daß mir nach solchem Loslassen auch meine Familienglieder ungleich viel näher stehen werden als vorher, da ich sie nur auf menschlicher Ebene liebte.

b) Wer in der Nähe Jesu sein und bleiben will, muß Bereitschaft zum Leiden mitbringen.
Neben der Herausforderung, mich frei zu machen für das neue Leben, steht die weitere, die uns noch härter klingen mag: dass ich mit meinem Kreuz hinter dem Herrn hergehen möge. In der Parallelstelle bei Lukas ist sogar die Rede von dem täglichen Aufnehmen des Kreuzes - was deutlich zeigt, dass das "Kreuz" hier schon ein Symbol geworden ist. Nur wer es schon erlebt hat, dass Schmerz und Leiden zu neuer, tieferer Liebe führen können, - nur, wer es schon erfahren hat, dass in der Tiefe der Dunkelheit ein neues, ja neuartiges Licht aufleuchten kann, mag auch einen ersten, vorsichtigen Zugang zu dem geheinnisvollen christlichen Ursymbol des "Kreuzes" finden. Dieses Symbol trägt das ganze Karfreitags- und Ostergeschehen in sich wie eine mathematischen Kurzformel. Wir brauchen solche Kurzformeln, um damit zu arbeiten, aber hin und wieder müssen wir solch eine Formel selbst einmal wieder neu entwickeln, damit sie nicht verblasst und damit wir sie auch im konkreten Falle abwandeln können.

So darf ich die "Kurzformel" "Kreuz" meditieren: - Das Kreuz hat eine "archetypische" Gestalt, ein Querbalken durchschneidet einen Längsbalken. Als Mensch mit ausgebreiteten Armen kann ich meine eigene Kreuzgestalt erkennen: Ich bin sowohl im Boden verwurzelt als auch in die Höhe strebend. Der Querbalken durchkreuzt diesen Längsbalken - hält ihn aber zugleich auch im Gleichgewicht... (vgl. dazu Johne, Karin, Kreuz als Erlösung, Berlin 2000).

In einer weiteren Meditation kann ich das Kreuz Jesu meditieren: Das Kreuz Jesu ist nicht Ende, sondern Beginn von etwas schlechthin Neuem. Der Weg zum qualitativ neuen Leben des Auferstandenen führt nicht am Kreuz und Sterben vorbei, sondern gerade hindurch - und damit in ein Leben hinein, das nicht mehr von Schmerz und Tod bedroht ist. Wirklichkeit wird das für mich nur dort werden, wo ich ein wenig davon schon wie in kleiner Münze erlebt habe. Wenn ich dieses Erleben "er- innere", es in mein Inneres zurückrufe und dort leben lasse, werde ich eine Ahnung davon bekommen, wozu uns Jesus einlädt, wenn er uns aufruft, mit unserem Kreuz zu ihm zu kommen und ihm zu folgen.

c) Wer in der Nähe Jesu sein und bleiben will, muß die Fähigkeit haben, seine eigenen Grenzen zu akzeptieren.
Bisher haben wir die beiden so eindrücklichen Bilder vom unbebauten Fundament und dem abgesagten Kriegszug noch gar nicht berührt. Sie stellen mich vor die Frage, ob ich mich fähig fühle, diese Herausforderungen anzunehmen - oder ob ich lieber gleich von vornherein um Frieden bitten sollte. Werde ich fähig sein, die Verbindlichkeiten eines Lebens in der Nachfolge Jesu zu ertragen - oder traue ich es mir nicht zu? Kann ich mich lösen von den Dingen, die mich binden und unfrei machen? Werde ich das "Kreuz" was Gott mir irgendwann zumutet, auf mich nehmen und tragen können? Wenn wir diese Fragen ehrlich hören und beantworten, kann ich mir vorstellen, dass fast ein jeder sagen muß: "Dafür kann ich nicht garantieren!". Also soll ich doch lieber gleich aufgeben?

Damit nehmen wir die Frage auf, die sich zu Beginn stellte: Wie passt dieser anspruchsvolle Text zu der Botschaft von der freien und unverdienten Gnade Gottes, von der unser Wochenspruch spricht? Hier begegnet uns wieder etwas vom Paradox des Evangeliums: Nicht derjenige, der meint, er könne es schaffen, hat das Geld, um den Turm aufzubauen oder die Soldaten, um den Krieg siegreich zu beenden - sondern gerade derjenige, der um seine Grenzen, um seine Schwachheiten und sein Unvermögen weiß - gerade derjenige wird nicht aus sich selbst, sondern aus Gnade von Gott die Kraft und die Fähigkeiten bekommen, die er braucht, um den Turm zu bauen, zu dem er bereits das Fundament gelegt hat. Denn das Wort, das den Apostel Paulus traf, gilt auch jedem, der den Weg der Nachfolge ernsthaft gehen möchte: "Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung"(2 Kor 12,9). Früher nannte man diese Erkenntnis "Demut" - und die geistlichen Väter sind dich darüber einig, daß allein die Demut das Fundament sein kann, auf dem sich ein Leben der Nachfolge aufbauen kann, ohne unvollendet stehen zu bleiben.


Liturgische Einbindung (im evangelischen Gottesdienst)
Katholische Predigtreihe: Jahreskreis C: 23. Sonntag im Jahreskreis
Evangelische Predigtreihe V: 5. Sonntag nach Trinitatis
Exegetische Anmerkungen
Veröffentlichung

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