Johannes 6,  55 - 65
Thema:

Wahres Lebensbrot
Bibeltext: Johannes 6, 55 - 65
6:55 Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank.
6:56 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm.
6:57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben.
6:58 Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.
6:59 Diese Worte sprach Jesus, als er in der Synagoge von Kafarnaum lehrte.
6:60 Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?
6:61 Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß?
6:62 Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht,
dorthin, wo er vorher war?
6:63 Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.
6:64 Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde.
6:65 Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.


Meditative Besinnung

Welcher Jugendliche steht nicht manchmal vor der Frage: Was ist denn nun wirklich der Sinn meines Lebens? Und welcher älter werdende Mensch kennt nicht den blitzartigen Gedanken im Blick auf sein bisheriges Leben: Sollte das wirklich schon alles gewesen sein?

Wir sollten einmal einen Augenblick still sein und in uns hineinhorchen: Gab es in meinem Leben Augenblicke, in denen ich mich wahrhaft "lebendig" gefühlt habe ... anders als sonst? Es gibt Situationen, die sich in ihrer Lebensqualität erheblich von dem unterscheiden, was wir normalerweise als unser Leben betrachten.

In jedem von uns lebt eine tiefe, verborgene Sehnsucht nach diesem wahren Leben, und wir sollten sie uns bewusst machen, ehe wir uns auf diesen Text einlassen. Um uns dieses "Leben in Überfülle" (Joh.10,10) zu bringen, ist Jesus gekommen.

In den Bildern, die hier vor uns stehen, geht es um Möglichkeiten, wie wir dieses Leben empfangen können. Alles, was dieses qualitativ neue Leben nährt, fließt zusammen in dem Symbolbild des Brotes. Es muss gegessen werden, um dieses Leben zu zeugen und es zu ernähren, damit es wachsen und uns durchdringen kann. Wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit - das heißt gleichzeitig: er wird schon jetzt und hier angeldhaft etwas von diesem wahren Leben schmecken. Denn wenn wir nicht hier und jetzt schon ahnungshaft etwas von dieser Lebensqualität erfahren, könnte in keinem von uns der Glaube an ein "ewiges Leben" wirklich lebendig sein. Wie können wir uns dieser Verheißung öffnen?
1. Brot muss ich essen.
Wenn ich diese einfache Wahrheit auf das neue Leben übertrage, stoße ich auf den Satz: "Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen" (V.57) Hier öffnet sich der Blick auf eine geheimnisvolle Wirklichkeit: Gott ist der "Vater", Ursymbol des Lebens. Er allein trägt dieses wahre, qualitativ andere Leben in sich. Doch er vermittelt es seinem Sohn - nicht von außen (als "Regen"), sondern von innen (als "Quelle"). Und der Sohn gibt es weiter an uns, damit es auch in uns selbst zur lebendigen Quelle werde. So entspringt es nicht mehr außerhalb von uns, sondern in unserer eigenen Tiefe - wenn wir Christus, das "Brot", in uns aufgenommen, gegessen haben.
2. Brot muss für mich verdaulich sein.
Ein Sprichwort sagt: "Der Mensch lebt nicht von dem, was er isst, sondern von dem, was er verdaut." Was unverdaulich in meinem Magen verbleibt, ist mir nicht von Nutzen, sondern von Schaden. Das Wort ist Träger einer geheimnisvollen Gabe, die denjenigen mit dem "wahren Brot" nährt, der die Worte "isst". Wenn wir die Menschen vor uns sehen, denen die Rede Jesu "hart" vorkommt, denen die Worte ein Ärgernis sind, dann ist diese Speise "unverdaulich" für sie. Was aber macht das "Wort", in dem sich Jesus mir schenken will, für mich unverdaulich?
 
  • Die Gabe, die das Wort in sich trägt, bleibt unverdaulich für mich, wenn mir der "Hunger" fehlt, wenn ich keine Sehnsucht nach diesem wahren Leben in mir spüre. Wo ich diese Sehnsucht verdrängt habe, wo ich mich abgefunden habe mit dem vordergründigen Leben, das ich führe, bleibt das Wort der Verheißung des wahren Lebens ein "unverdaulicher" Fremdkörper für mich. Es kann nicht in mein Leben hineinwirken, hineinwachsen - wie es der Sinn jeder Nahrung ist. Wo ich diese Sehnsucht jedoch wahrnehme und zulasse, nimmt sie das Wort auf, verdaut es: Das Wort wird ins eigene, konkrete Leben aufgenommen und macht dieses wahrhaft "lebendig".
  • Die Gabe, die das Wort in sich trägt, bleibt auch dann unverdaulich für mich, wenn ich mich nicht dort öffne, wo in den tiefsten Bereichen meiner Seele etwas "mitschwingt" beim Hören des Wortes. Etwas ganz tief in mir sagt "ja", wenn mich die Worte Jesu treffen - und aus diesem innersten Bereich heraus quillt die Quelle in mein Leben hinein und nährt es. Unser Text nennt dieses innere "Ja" glauben. Doch damit dieses Mitschwingen geschehen kann, dürfen meine inneren Bereiche nicht verschüttet sein. Sie dürfen nicht durch festgefahrene Meinungen, durch "Vor - Urteile" (wie bei einigen der Zuhörenden) am freien Mitschwingen, an echter Resonanz gehindert werden. Sonst geschieht kein Glauben, sondern ein Sich-Ärgern, oder das Murren, welches Gift ist für alles geistliche Leben.
  • 3. Brot verwandelt sich in mein eigenes Leben
    Wie es an diesen zwei Beispielen deutlich geworden sein mag, kann ich in dieser Weise mit jeder Geschichte des Wortes Gottes die frohe Botschaft, das Evangelium, ja, das Leben schlechthin, in mich auf nehmen, in mich hineinnehmen, es "kauen" und es "verdauen", damit es sich in mein eigenes Leben hinein verwandelt - wie sich Brot durch das Essen und Verdauen in mein Leben verwandelt. Jede biblische Geschichte kann mir so zum Brot, zur Nahrung für das qualitativ neue, wahre Leben werden, für das Leben, das in Gott selbst ist und an dem er uns in Jesus Anteil geben will.

    Indem dieses wahre Leben - im Schauen und Meditieren des äußeren Bildes - das wahre Leben in mir selbst aufwachen lässt, kann es nun von innen her auch mein eigenes, unaustauschbares Leben durchwachsen und nähren - dieses ureigene Leben mit meinen eigenen Möglichkeiten und Gefährdungen. Und so kann ich mit jedem "Wort" die frohe Botschaft, das Evangelium, ja, Jesus selbst, in mich aufnehmen, es (oder Ihn) "kauend und verdauend" in mich verwandeln.

    Wenn ich dann im Empfang des eucharistischen Leibes und Blutes Jesu Christi dieses Geschehen mit meinem Leibe vollziehe, dann rundet sich der Kreis:
    - dann verwandle ich nicht mehr Christus in mich, sondern lasse mich in ihn hinein verwandeln, dann lasse ich mich seinem Leibe neu eingliedern - und Christus lebt in mir in einer Gestalt, die meinem Leben entspricht.
    Vielleicht ahne ich so immer tiefer, welche Verheißung in dem Worte liegt: "Wer mich isst, der wird leben um meinetwillen".

    Liturgische Einbindung:
    Katholische Predigtreihe: Jahreskreis B - 21. Sonntag im Jahreskreis
    Evangelische Predigtreihe III: Sonntag Lätare
    Exegetische Anmerkungen - Literatur
    Veröffentlichung

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