Johannes 3,  V. 31 - 36
Thema:

Das Geheimnis des göttlichen Kindes
Bibeltext: Johannes 3, 31 - 36
3:31 Er, der von oben kommt, steht über allen; wer von der Erde stammt, ist irdisch und redet irdisch. Er, der aus dem Himmel kommt, steht über allen.
3:32 Was er gesehen und gehört hat, bezeugt er, doch niemand nimmt sein Zeugnis an.
3:33 Wer sein Zeugnis annimmt, beglaubigt, dass Gott wahrhaftig ist.
3:34 Denn der, den Gott gesandt hat, verkündet die Worte Gottes; denn er gibt den Geist unbegrenzt.
3:35 Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben.
3:36 Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm.


Meditative Besinnung

Vor unseren Augen steht die Krippe mit dem Kind. Fast 2000 Jahre ist es her, seit diese Geschichte geschehen ist. Und noch heute zieht dieses Bild, diese Botschaft, so viele Menschen zum Heiligabend in die Kirche, wie keines der anderen christlichen Feste.

Die Weihnachtsbotschaft, die Kunde von diesem neugeborenen Kind, muss etwas ganz Tiefes im Menschen ansprechen und zum Klingen bringen: Sehnsucht nach Liebe, nach Freude, nach wahrem Frieden; sagen wir es in einem Wort: Sehnsucht nach wahrem, erfülltem Leben.

Das alles sammelt sich in der Botschaft von diesem Kinde. Mit diesem neuen, jungen Leben kommt etwas schlechthin Neues - eine neue Möglichkeit des Lebens - in diese Welt. Später, als erwachsener Mensch, wird dieses Kind selbst sagen: Ich bin gekommen, dass sie das Leben in Fülle, in Überfluss haben" (Joh 10,10).

Die Worte, die wir gehört haben, sagt Johannes, der Täufer über Jesus über den Menschen, der sich von ihm im Jordan taufen ließ; über dem sich der Himmel öffnete und die Stimme Gottes sprach: "Dies ist mein lieber Sohn". Johannes sagt diese Worte, als ihn seine Jünger darauf aufmerksam machen, daß die Menschen von ihm weg zu diesem Jesus laufen. Doch Johannes wird nicht eifersüchtig - er weiß, daß es so sein muss. Ist er doch mit seinem ganzen Leben nichts anderes als einer, der auf Jesus hinweist. Matthias Grünewald stellt auf dem Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars Johannes den Täufer unter das Kreuz und lässt ihn mit einem überlangen Zeigefinger auf den Gekreuzigten hinweisen. So symbolisiert dieser zeigende Finger den ganzen Menschen mit seiner Lebensaufgabe: Er will aufzeigen, aufleuchten lassen, wer Jesus wirklich ist.

Und dieses Zeugnis des Täufers gipfelt in den Worten: "Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben" - das wahre Leben. Wir dürfen heute zu Weihnachten die Worte des Täufers wie einen Scheinwerfer auf das Kind in der Krippe richten. Seine Worte beleuchten etwas von dem Geheimnis, das dieses Kind umgibt.
1. Wer vor dem Kind in der Krippe verweilt, wird vom Geheimnis des Lebens berührt
Die Bibel erzählt uns, daß die Hirten und die Weisen zur Krippe kamen: Kein Krippenspiel hat es je unterlassen, diese Menschen vor dem Kind in die Knie sinken und anbetend verweilen zu lassen. Anders ist es gar nicht möglich, wenn man sich wirklich in das Geschehen hineinfühlt.
Hatjemand von Ihnen schon einmal ein neugeborenes Kind in den Armen gehalten? Es ist etwas Geheimnisvolles, ganz Besonderes um jedes neugeborene Leben - so, als leuchte hier etwas davon auf, was "Leben" ursprünglich sein könnte, sein sollte.

Eine Mutter sagte nach der Geburt ihres fünften Kindes: "Je größer die .anderen Kinder werden, desto tiefer begreife ich, welche Kostbarkeit solch ein neues Leben ist!"

Da kommt sie wieder ans Licht, diese tiefe, verborgene Sehnsucht, die angesichts solch eines Kindes ans Licht drängt: Irgend etwas ist in mir, das möchte auch noch einmal so taufrisch und neu, so unbelastet von aller Vergangenheit, ganz neu anfangen dürfen, So allgegenwärtig ist dieser innere Wunsch im Menschen, dass er sich in der Redensart niederschlägt: "Ich fühle mich wie neugeboren!"

Doch - selbst wenn jemand so etwas nach einem bestimmten Ereignis in seinem Leben sagen kann - wie lange dauert es, bis doch wieder alles beim Alten ist, bis das Leben wieder in seinem alten Gleise läuft! Was nützt mir ein Neubeginn, wenn ich doch früher oder später wieder in die alten Fehler zurückfalle, wenn die gleichen Nöte in neuer Auflage wieder nach mir greifen?

Es müsste wirklich etwas schlechthin Neues beginnen, etwas, das nicht nur eine Neuauflage des Alten wäre. Das Neue müßte sich auf einer anderen, einer höheren und besseren Ebene abspielen! Wenn ich so vor der Krippe verweile, in dieser Sehnsucht auf das Kind schaue - dann höre ich vielleicht das Wort des Täufers als ein Wort, das mitten in mein Herz hineinspricht: Das Kind kommt "von oben her". Mit ihm beginnt wirklich etwas schlechthin Neues!

"Von oben" - das meint nicht den Himmel der Kosmonauten. "Von oben" - das meint: Hier beginnt etwas, was unser Verstehen übersteigt; was unsere Grenzen sprengt - und was gerade darin zeigt, dass wahres, erfülltes Leben, nach dem wir uns alle sehnen, viel weiter, viel größer ist, als wir gemeinhin annehmen.

Der Täufer spricht auch von Menschen, die "von der Erde sind". Für sie existiert nichts anderes als das, was greifbar und sichtbar vor Augen liegt. Über solche Menschen, für die nur das Wirklichkeit ist, was man zählen und messen kann, gibt er dieses Urteil ab: Sie sehen, sie kennen das wahre Leben nicht; sie wissen gar nicht, was wirkliches Leben ist.

Das klingt hart - aber die, Sehnsucht in uns selbst spricht die gleiche Sprache: Was das Leben sinnvoll und lebenswert macht - nämlich Freude, Glück, Erfüllung - das kann man nicht für Geld kaufen. Es muss von anderswoher - von "oben her" (wie unser Text sagt) - kommen. Und das ist "über allem", das ist mehr wert als alles irdische Geld und Gut.

2. Wer das Kind in sein Herz einlässt, öffnet sich der Fülle des Lebens.
"Der Vater hat den Sohn lieb, und alle seine Fülle gab er in seine Hand", übersetzt Jörg Zink den vorletzten Vers. Sollte das wirklich so sein: die ganze "Fülle", nach der wir uns in der Tiefe unseres Herzens so sehr sehnen, die bietet uns Gott an in diesem kleinen Kind? Ahnt etwa auch unser .Herz etwas von solcher Fülle? Ist auch in einem jeden von uns etwas, das von innen her Grenzen sprengen möchte - etwas, das zur Fülle drängt, wenn wir es nur zulassen?

Angelus Silesius singt: "Wär Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir, du gingst in Ewigkeit verloren."

Was wir im Kind in der Krippe anschauen, soll in uns selbst zur Wirklichkeit werden. Jesus Christus will in jedem von uns ein Stück s e i n e s Lebens weiterführen.

Die Hirten erlebten es in der Weihnachtsnacht, dass sich bei der Geburt des Kindes "der Himmel öffnet". Vielleicht kann mancher mit solch einem Bild kaum etwas anfangen bis er es eines Tages selbst erlebt daß er sich plötzlich "selig' fühlt oder dass er meint, für eine kurze Zeit "den Himmel auf Erden" zu erleben.

Eine tiefe Liebe, eine große Freude kann manchen etwas davon ahnen lassen, was Menschen erlebt haben mögen, die dann im Bild sagen, dass sich für sie für eine kurze Zeit "der Himmel geöffnet habe". Wenn schon menschliche Liebe solches bewirken kann - wie muss es dann erst sein, wenn einMensch sich eines Tages von der Liebe G o t t e s erfasst weiß? Im Lichte solch eines Erlebens mag es deutlich werden, wie arm und leer bis dahin das Leben gewesen war.

Franziskus von Assisi muss so etwas erlebt haben, weil er vor Freude jubelnd und tanzend all sein Geld und Gut weggeben konnte. Alles, was bisher für ihn Wert hatte, verblasste vor dein unglaublichen Geschenk der Liebe Gottes. Und so ansteckend war diese Freude, daß sich ihm in wenigen Jahren Tausende von Menschen anschlossen - wie ein- brennendes Feuer breitete sich diese Freude unter den Menschen aus, endlich - glückliches, tief erfülltes Leben gefunden zu haben; Leben ohne Sicherung aber voller Jubel! Und es war der heilige Franz, der die erste Weihnachtskrippe aufbaute.

Aber das gab es nicht nur im frühen Mittelalter. Mutter Teresa von Kalkutta ist für unsere Zeit zu einem Symbol geworden - man nennt sie den Engel der Armen. Über die ganze Erde hat sich bereits diese Schwesternschaft verbreitet, Menschen, die ein Stück Liebe dahin bringen wollen, wo die Dunkelheit ganz dicht ist. Und immer wieder wird es geschehen, dass dort, wo diese Schwestern auftauchen, sich für manchen einen Moment langein Stück Himmel öffnet.

Welche Fülle wahren Lebens geht hier von einem einzigen Menschen aus, der Christus in seinem Leben neu lebendig werden läßt! Gott gibt den Geist nicht nach Maß, sagt unser Text. Wo Gott ins Leben tritt, dort ist Fülle - Überfülle!
3. Wer sich dem Kind anvertraut, wird zum Zeugen des Lebens
Es gibt keine Beweise für die Wahrheit des bisher Gesagten, wie man etwa eine mathematische Formel beweisen kann. Es gibt keine Tonbänder, die denLobgesang der Engel hätten aufnehmen können, und keinen Film, der den Heiligenschein des Christuskindes für alle Zeiten in den Akten bewahren könnte. Und das nicht nur deshalb, weil es damals noch keine Tonbänder und Filme gab; sondern deshalb, weil das Geheimnis des göttlichen Lebens für das äußere Auge und Ohr des Menschen - unsichtbar und unhörbar bleibt - nicht aber dem lauschenden Herzen.

Wo sich das Herz eines Menschen dem heiligen Geheimnis des wirklichen, göttlichen Lebens öffnet, dort vernimmt er Unaussprechliches - und er mag dann versuchen, was er erfahren hat, in armen menschlichen Worte wiederzugeben. So erlebte es bereits Jesus selbst: Wie kein anderer Mensch hatte er sein Herz für die Botschaft des Vaters geöffnet, aber von dem, was er "gehört und gesehen hat", kann er nur Zeugnis geben - wie unser Text sagt.

Ein Zeugnis aber kann ich annehmen oder auch nicht; denn, der Verstand kann es nicht nachprüfen. Und weil die meisten Menschen nur darauf ihr Leben gründen wollen, was sie mit dem Verstand nachprüfen können, deshalb ist es eigentlich logisch, daß unser Text sagt: "Sein Zeugnis nimmt niemand an."

Doch seltsamer Weise hat das Herz des Menschen eine andere Logik als der Verstand. Und so gibt es bis heute immer wieder Menschen, deren Herz die Melodie des wahren neuen Lebens, das in diesem Kinde anbricht, vernimmt. Und diese Melodie wird so stark, daß sie alle Hemmnisse des Verstandes übertönt. Wo die Liebe, mit der der Vater den Sohn liebt, in ein Menschenleben einbricht, dort stellt sie alles andere in den Schatten: Der Vater liebt den Sohn, und alles hat er in seine Hände gegeben!

Trauen wir doch der Stimme unseres Herzens! Nehmen wir doch das Zeugnis der Menschen an, die in der Liebe zu diesem Kinde ein Leben fanden, das sich als wert erwies, wahrhaft Leben genannt zu werden. "Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben" - schon hier und jetzt.

Wir alle sind in die Entscheidung gestellt: Wollen wir weiter in der Begrenztheit und scheinbaren Sicherheit eines Lebens verbleiben, das sich nur auf das gründet, was der Mensch beweisen und festhalten kann? Es wird ein armes Leben bleiben.

Oder wollen wir uns auf das Wagnis eines größeren, reicheren, wenn auch nie abgesicherten Lebens einlassen? Unserer heutigen Generation wird immer bewusster, daß wahre Erfüllung eines Lebens mehr braucht als einen gescheiten Arzt und ein gefülltes Sparbuch: Unsere Zeit liegt in Geburtswehen eines neuen Zeitalters.

Wie alles junge Leben, wie auch das Leben des Kindes in der Krippe, ist dieses neue Leben zutiefst bedroht und gefährdet. Niemand weiß, ob, wie und wann es sich in dieser Welt durchsetzen wird. Aber unsere Haltung zu diesem Kind in Bethlehem, in dem bereits dieses wahre, neue Leben für uns alle aufscheint, ist nicht unwichtig.

An unserer Offenheit für oder gegen solche neue, unser Begreifen übersteigende Dimension wirklichen Lebens entscheidet sich unser eigenes Schicksal - fürZeit und Ewigkeit. Aber es entscheidet sich noch viel mehr: Unsere Entscheidung wird an dieser kleinen Stelle zu einem Baustein für das weitere Schicksal unserer Welt.



Liturgische Einbindung:
Katholische Predigtreihe: kein verordneter Text
Evangelische Predigtreihe V: 1. Christtag
Veröffentlichung


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