Genesis 2, V. 4b - 9;15

Thema:
Sehnsucht nach einer heilen Welt
Bibeltext: Genesis 2, V. 4b - 9; 15
2:4b Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte,
2:5 gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen; denn Gott, der Herr, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen, und es gab noch keinen Menschen, der den Ackerboden bestellte;
2:6 aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und tränkte die ganze Fläche des Ackerbodens.
2:7 Da formte Gott, der Herr, den M
enschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.
2:8 Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte.
2:9 Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse
2:15 Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte.


Meditative Besinnung:

Unsere Geschichte spricht in mythologischen Bildern, die allen Urgeschichten der Menschheit eigen sind, von dem "Garten des Paradieses". Gott legt ihn fürsorglich für den Menschen an, damit sich der Mensch darin wohlfühle. Das Wort "Paradies" kommt in unserer Geschichte selbst zwar nicht vor, aber spätere Generationen erinnern sich an diese Urbilder einer heilen Schöpfung und nennen diesen Ort Paradies. Ein tiefes Wissen lebt im Menschen: Diese Welt, wie wir sie vorfinden, kann nicht die Welt sein, wie Gott sie ursprünglich gewollt hat. Wir spüren, dass etwas kaputt ist - eine tiefe Ahnung lebt in jedem von uns - eine tiefe Sehnsucht nach einer heilen Welt.

So tief ist dieses sehnende Wissen in jedem Menschen lebendig, dass bereits im Volke Israel etwas davon geahnt wurde: Dieses Sehnen trägt der Mensch als verborgene Erinnerung an etwas längst Vergangenes in sich. So entstanden die Schöpfungsgeschichten aus einer "Prophetie, die in die Vergangenheit schaut". Dabei geht es um letzte Urfragen eines jedes Menschen. Über diese kann man nur in symbolischen Bildern, niemals in Lehrsätzen angemessen sprechen. Und diese Bilder werden weniger mit dem Verstand, als mit dem Herzen aufgenommen, wo sie jeden von uns ansprechen können.

a) Das Bild des Gartens für den Menschen.

Wie in einem Märchen wird hier erzählt, wie Gott einen Garten pflanzt und schön vorbereitet, damit der Mensch, wenn er dann geschaffen ist, sich auch richtig darin wohlfühlen kann. Sind das nur Wunschbilder vergangener Zeiten, die nicht wieder zurückkehren werden? Es mag zuerst so scheinen, aber hat nicht mancher von uns schon Stunden in der Natur - vielleicht im Urlaub - verbracht, die etwas von "paradiesischer Schönheit" in sich trugen? Wo er einfach auf die Blumen, die Berge oder das Meer schaute, "lieblich anzusehen" und sich die Beeren schmecken ließ, die da am Wegrand wuchsen, als warteten sie auf ihn?

Und ein weiteres: Gott hat ja nicht nur in die Natur so vieles hineingelegt, was dem Menschen wohltun kann. Er hat auch dem Menschen die Möglichkeit gegeben, solche Schönheit zu sehen, sich im tiefsten Herzen daran erfreuen zu können. Was sieht eine Katze - so lieb sie uns sein mag - in einer gerade erblühten Rosenknospe? Was sind wir Menschen, dass die Schönheit der Dinge von unsere Seele wahrgenommen werden kann? Ahnen wir etwas von der bleibenden Wahrheit des biblischen Paradiesbildes, dass Gott Mensch und Natur füreinander geschaffen hat? Dass es so sein sollte - wer von uns trägt nicht einen Ahnung davon tief in sich?...

b) Das Bild der Bäume.

In diesem Garten stehen viele Bäume, aber zwei haben ihre eigene, besondere Bestimmung. Da ist der "Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen" und da ist "der Baum des Lebens", mitten im Garten. (Beim letzten Kirchentag in Hamburg gab es eine gutbesuchte Abendveranstaltung, in der die Frage gestellt wurde, ob der Mensch aus dem Paradies "ausgewiesen" wurde, nachdem er vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, oder ob es nötig war, den Menschen aus der Geborgenheit in die eigene Verantwortung freizugeben. Immerhin gehört der Baum der Erkenntnis zu den Bäumen, die im Paradiesgarten wachsen - er steht nicht jenseits des Zaunes...)

Zuerst wollen wir unseren Blick einmal auf den "Baum des Lebens" richten. Was wären die tiefsten Urbilder einer heilen Welt wert, wenn nicht der Baum des Lebens mitten in diesem Garten stünde? Ist nicht unsere Sehnsucht nach dem Paradies, nach einer heilen Welt, immer zugleich auch Sehnsucht nach wahrem Leben, nach "Leben in Überfülle" (Joh 10,10)? Und ist nicht jede tiefe Sehnsucht ein Hinweis darauf, dass es irgendwo und irgendwie eine Erfüllung geben muss?...

c) Das Bild des Wassers.

Aus der Mitte des Garten quillt Wasser auf und verteilt sich auf vier Ströme, die in die vier Himmelsrichtungen fließen: Die Wasser des Paradieses wollen den ganzen Erdkreis bewässern.

So wichtig ist der Bibel dieses Bild des strömenden, heilenden Wassers, dass sie es noch an zwei anderen Stellen aufnimmt. Beim Propheten Hesekiel finden wir das grandiose Bild des Wassers, das unter dem heiligen Tempelbereich entspringt und sich nach den vier Himmelsrichtungen verströmt. Horchen wir einmal genau hin, was von diesem Wasser gesagt wird: "Und wenn das Wasser ins Meer kommt, sollen die Wasser des Meeres gesund werden"... Und gleich danach steht: "Alles, dahin diese Ströme kommen, das soll leben und gesund werden"... Und: "Die Bäume am Ufer... sollen alle Monate neue Früchte bringen, denn ihr Wasser fließt aus dem Heiligtum - ihre Frucht wird Speise sein, ihre Blätter Arznei"... Sprechen nicht gerade heute die Bilder Wünsche an, die ganz, ganz tief in uns liegen?

Und dann nimmt das letzte Kapitel der Bibel das gleiche Bild noch einmal auf: "Die Blätter der Bäume (die getränkt werden aus den Strömen, die vom Tempel aus das Land bewässern) dienen zur Gesundheit der Heiden"...

Aber: Wie weit entfernt ist unsere heutige Wirklichkeit von diesen paradiesischen Bildern - wie weit entfernt sind wir von dem, was wir im tiefsten Herzen als eine heile Welt ahnen und ersehnen!

Gott setzte Adam in diesen paradiesischen Garten hinein, "damit er ihn baute und bewahre". Weltweit entdeckt sich heute die Menschheit in einer tiefen Krise: Wie schlecht haben wir Menschen unsere Verantwortung für die Schöpfung Gottes wahrgenommen! Wie weit ist es schon gekommen, dass wir als einzelne kaum mehr einen Weg sehen, wie wir selbst noch verantwortlich handeln können! Wir brauchen es uns nicht durch die Bilder der Schöpfungsgeschichte sagen zu lassen, wir spüren es selbst fraglos: Wir haben vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen gegessen - und trotz unseres Wissens um das Gute haben wir uns tief in das Böse, in die Vernichtung der guten Schöpfung Gottes verstrickt! Aber die Ahnung, dass es nicht so sein sollte, die Sehnsucht nach dem "Paradies", liegt ebenso fraglos in uns. Ist aber nicht vielleicht diese Sehnsucht unseres Herzens das Heiligtum, unter dem das neue, lebensschenkende Wasser hervorquellen und Land und Meer wieder heilen könnten??..

Doch es geht in der Schöpfung nicht nur um die äußere Welt. Jedem von uns hat Gott persönlich seinen ganz eigenen Lebensraum geschenkt. Ist etwa auch gerade mein Lebens-Umfeld mir zugedacht als der Garten, den ich nach Gottes Willen "bebauen und bewahren" soll? Angesichts der Bilder des Paradieses mag es mir plötzlich unter die Haut gehen: "Wie schlecht habe ich bisher manche Bereiche meines Lebens versorgt, wie sorglos bin ich etwa mit meiner Gesundheit, mit mir anvertrauten Aufgaben oder gar mit kostbaren Menschen meiner Umgebung umgegangen! Und ich mag mich fragen, wie ich wieder Zugang finden möge zu dem allem, was so gut sein könnte, und was durch meine Schuld, durch mein Versagen verdorben ist...

Seit Christus in diese Welt kam, hat sich manches geändert: Wir leben nicht mehr in der Zeit, wo die Menschen sich für alle Zeit aus dem Garten des Paradieses ausgeschlossen fühlen mussten. Wir dürfen jedes Jahr zu Weihnachten neu singen: "Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis - der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis."(EG 27,6 - Gotteslob 134,4))

Wir dürfen wissen, dass unser Gott in seiner Liebe nicht nur in uns das Wissen um das verlorene Paradies gelegt hat, sondern dass er uns immer wieder neu an sein Herz zieht, auch gerade dann, wenn wir schuldig geworden sind.

Neulich sagte jemand: "Eines Tages wurde mir schlagartig bewusst, wie ich mein Leben lang in einer schwerwiegenden Fehlhaltung einem Mitmenschen gegenüber gelebt hatte, ohne es selbst zu merken. Ich erschrak bis in Innerste hinein. Aber fast gleichzeitig wurde mir überwältigend bewusst, dass Gott ja um diese Fehlhaltung immer schon gewusst hatte, viel genauer als ich selbst - und dass er mich dennoch nicht abgeschrieben hat. Im Gegenteil: Immer wieder ließ er mich erfahren, dass er mir nahe ist! Trotz dieses Versagens! Fassungslos erlebte ich neu seine große Liebe!"

Johannes Tauler braucht für eine ähnliche Erfahrung ein drastisches Bild: Das Pferd macht viel Mist im Stall. Dann aber zieht es den Wagen mit diesem gleichen Mist voll Mühe auf den Acker, damit der Acker gedüngt werde und gute Frucht trage.

Mögen uns einige der Bilder des Paradieses dazu helfen, in uns die Sehnsucht nach der von Gott gewollten heilen Schöpfung wach zu halten - und aus dieser Sehnsucht heraus das zu tun, was in unseren Kräften steht - in unserem persönlichen Leben und als Glieder der Menschheitsfamilie, die sich mit recht um die gefährdete Erde sorgt. Gott schenkt uns unsere Erde auch heute noch als den "Garten", den er für uns bereitet hat, "dass wir ihn bauen und bewahren" sollen.


Liturgische Einbindung:
Katholische Predigtreihe: A - 1.Fastensonntag (2, 7-9;3,1-7)
Evangelische Predigtreihe: Reihe VI: 15.n.Trinitatis
Veröffentlichung und Lizenz

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