2. Korinther 1, V. 18 - 22
Thema:

Das Geheimnis des "Ja"
Bibeltext:  2. Korinther 1, 18 - 22
1:18 Gott ist treu, er bürgt dafür, dass unser Wort euch gegenüber nicht Ja und Nein zugleich ist.
1:19 Denn Gottes Sohn Jesus Christus, der euch durch uns verkündigt wurde - durch mich, Silvanus und Timotheus -, ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht.
1:20 Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum rufen wir durch ihn zu Gottes Lobpreis auch das Amen.
1:21 Gott aber, der uns und euch in der Treue zu Christus festigt und der uns alle gesalbt hat,
1:22 er ist es auch, der uns sein Siegel aufgedrückt und als ersten Anteil (am verheißenen Heil) den Geist in unser Herz gegeben hat.


Meditative Besinnung:

Zu Beginn der eigenen stillen Besinnung könnte die Einladung stehen, einmal während einer Zeit von etwa fünf Minuten in der Stille darüber nachzusinnen, was das kleine Wörtlein "Ja" in ihrem Leben alles schon bewirkt hat. Als Fragen könnten die Zeit der Stille begleiten: - Was ruft dieses "Ja" an Erinnerungen in mir wach? - Welche Weichenstellungen in meinem Leben geschahen durch dieses Wort? - Spricht dieses Wort etwa eine tiefe Sehnsucht in mir an?...

Oder ich kann versuchen, mich oder auch in einer Predigt die Gemeinde (wenn sie dazu bereit ist), mit einer Metaphermeditation in diese Thematik einzustimmen mit der Frage: Wenn Gott Ja zu mir sagt, ist das für mich wie...

In Christus begegnet mir das Ja Gottes ohne Vorbehalt. Wie ein roter Faden durchzieht diese Gewissheit die Worte des Paulus: In Gott ist nichts anderes als ein ganzes, vorbehaltloses "Ja". Ein Ja ohne Rest - ein Ja ohne ein unterdrücktes "Nein". Und dieses Ja hat sich zu Weihnachten eindeutig erwiesen - seitdem gilt es uns allen, und es gilt mir ganz persönlich: "Wie Gott dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, (oder was du einmal zu sein hoffst), sondern als das, was du jetzt bist!" - Das sagt Meister Eckehart (Deutsche Predigten und Traktate, Diogenes Taschenbuch, S.72).

Wie aber kann Gott ja sagen zu mir, wenn in mir soviel Ungutes, soviel Dunkles ist? Er tut es, wie es Jesus zu seinen Lebzeiten getan hat: Gerade mit den Sündern und Kranken setzt er sich zu Tisch, isst mit ihnen - schenkt ihnen so sein "Ja". Und dadurch geschah HeiIung. Das Dunkle wird nicht ausgeklammert, sondern in Liebe einbezogen - so kann es sich verwandeln und geheilt werden. So muß es nicht verdrängt werden.

Es ist faszinierend, wie selbstverständlich Paulus Gott zum Zeugen dafür anruft, dass er im Dienst dieses Gottes, in dem nur ein Ja ist, einfach nicht doppelzüngig sein kann. So gewiss ist er sich, dass sein ganzes Leben Zeugnis dieses Gottes darstellt, dass dies auch die Korinther überzeugen muss. Wer lebendiger Zeuge dieses ja-sagenden Gottes ist, kann auch die Welt und die Menschen nur von der positiven Seite, von der "Ja-Seite" her sehen, seine Pläne allein durch dieses Ja bestimmen lassen, - auch wenn es einmal anders scheint.

Wie aber sollen die Korinther ihm das abnehmen? Vielleicht hilft ein kleiner Hinweis: Von der 'Treue Gottes hier wird gesprochen. Dieses Wort "pistos" - hat den gleichen Wortstamm wie das Wort 'Glauben': "pisteuein" Diese beiden Wirklichkeiten gehören unmittelbar zusammen: Die Treue Gottes, sein Ja, schenkt sich dem glaubend geöffneten Herzen des Menschen, und dieses Herz empfängt das Ja Gottes - bis heute. Nur wer sich in diese bejahende Sicht Gottes hineinziehen lässt, wird auch fähig, einem andern Menschen sein Ja zu glauben.

Ich frage mich angesichts dieses Textes, ob und wieweit ich mich selbst schon habe einbeziehen lassen in diese bejahende Sicht anderer Menschen, in dieses "Ja ohne Nein". Gott will sich dadurch in mir spiegeln, um für andere Menschen sichtbar zu werden ... Müssen wir es uns als Christen heute wirklich erst von Psychologen sagen lassen, welch unersetzliche Rolle das totale und fraglose Akzeptieren eines Menschen für diesen spielt? Dass erst dieses Ja-sagen überhaupt eine Voraussetzung schafft, die es ihm ermöglicht, sich wirklich zu ändern? Jesus würde vielleicht sagen: "Sehet diese Psychologen - und lernet von ihnen" ...

Vielleicht ist noch ein weiterer Schritt unerlässlich, der in einer tiefen Wechselwirkung mit den beiden genannten Möglichkeiten steht: Wahrscheinlich kann ich an das vorbehaltlose Ja Gottes zu mir überhaupt erst dann glauben, wenn ich lerne, dieses Ja auch zu mir selbst zu sagen. Wie viele Menschen gibt es, die sich selbst absolut nicht annehmen können, sondern ihre dunklen Seiten immer wieder aus ihrem Selbstbild ausblenden, - gerade dann, wenn sie meinen, gute Christen zu sein! Wie viele Religionsstreitigkeiten hätten sich die Christen ersparen können - und könnten sie sich bis heute ersparen -, wenn jeder bereit wäre, auch seine unerfreulichen Seiten anzunehmen und sich selbst so zu akzeptieren, wie Gott ihn auch akzeptiert. Denn es ist eine immer wieder zu beobachtende, erschreckende Tatsache: Wer sich selbst nicht annehmen kann, wer noch kein Ja zu sich selbst gefunden hat, für den verschiebt sich - völlig unbewusst - auch sein Gottesbild. Und er findet sich einem harten, einem richtenden und einem strafenden Gott gegenüber. Jeder möge sich selbst einmal prüfen, ob er nicht auch Strecken in seinem Leben kennt, wo ihm Gott als der Ferne, als der Strafende und Zornige vorgekommen ist; und dann kann er sich einmal fragen, wie es zu diesem Zeitpunkt mit seiner Selbstannahme gewesen ist. Luther erfuhr den strafenden, zornigen Gott, solange er sich selbst quälte, weil er meinte, unbedingt eine moralische Vollkommenheit erreichen zu müssen! Und erst als dieser Teufelskreis durchbrochen war und er Gottes Ja unbegreiflich erlebte, konnte er auch damit leben, daß er bleibend ständig sowohl Gerechter als auch Sünder war: "simul iustus et peccator".
Und damit hängt unmittelbar das andere zusammen: Nur wer sich selbst gegenüber barmherzig ist, vermag es auch anderen Menschen gegenüber zu sein. Nur wer sich mit allem, was und wie er ist, bejahen kann, wer sich so täglich aus Gottes Hand neu empfangen darf, kann auch andere Menschen so bejahen, wie sie sind, ohne zu meinen, er müsse sie ständig ändern. Und dann kann er ihnen mit und durch diese Bejahung auch die Quellen erschließen, aus denen in ihnen selbst eine echte und bleibende Änderung eintreten mag. Wer aber brächte das fertig, ohne sich selbst von dem treuen Gott als ganz angenommen, als bejaht zu erleben und zu glauben (Lk 10.27)?
Mit einem in der Weise der Taizé-Gottesdienste häufig wiederholten Verse - etwa dem "Jubilate Deo" - können sich Liturg und Gemeinde meditativ in diesen Jubel hineinnehmen lassen. Dazu braucht es aber ein häufiges Wiederholen, bis "es von selbst in mir singt":"Jubilate, jubilate, jubilate Deo, Alleluja." In Taizé spürt wohl jeder etwas von der Wirklichkeit eines Geistes der Liebe, der Versöhnung und der vorbehaltlosen Bejahung. Ein junger Mensch berichtete, daß er dadurch wieder zum Glauben gefunden habe, weil er in Taizé alle seine Zweifel, Fragen und Dunkelheiten habe aussprechen dürfen, ohne verurteilt zu werden. Wenn die Kirche in allen ihren Gliedern zu diesem Ja aufbrechen könnte, dann hätte sie eine Chance für die Zukunft, für das neue Jahrtausend. Diese Kirche aber - das sind wir, das bin ich, das ist jeder von uns.

Liturgische Einbindung:
Katholische Predigtreihe: Jahreskreis B - 7. Sonntag im Jahreskreis
Evangelische Predigtreihe IV: 4. Sonntag im Advent
Exegetische Anmerkungen
Veröffentlichung

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