1. Petrusbrief 1, V. 8 - 12
Thema:

Geheimnis unserer Taufe
Bibeltext:  1. Petrus 1, 8 - 12
1:8 Ihn habt ihr nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht; aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude,
1:9 da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil.
1:10 Nach diesem Heil haben die Propheten gesucht und geforscht, und sie haben über die Gnade geweissagt, die für euch bestimmt ist.
1:11 Sie haben nachgeforscht, auf welche Zeit und welche Umstände der in ihnen wirkende Geist Christi hindeute, der die Leiden Christi und die darauf folgende Herrlichkeit im voraus bezeugte.
1:12 Den Propheten wurde offenbart, dass sie damit nicht sich selbst, sondern euch dienten; und jetzt ist euch dies alles von denen verkündet worden, die euch in der Kraft des vom Himmel gesandten Heiligen Geistes das Evangelium gebracht haben. Das alles zu sehen ist sogar das Verlangen der Engel.


Meditative Besinnung:

Was sagt uns dieser frühchristliche Brief über das Geheimnis unseres Getauftseins?

1. Wir werden auf eine merkwürdige Erfahrung hin angesprochen: "Jesus Christus habt Ihr nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn". Das bedeutet doch: Wir haben wahrhaften Anteil an einer Wirklichkeit, die wir nicht sinnenhaft oder aus einer Erfahrung heraus beweisen können. Wir haben den Herrn ebenso wenig leiblich gesehen wie die Empfänger dieses 1. Petrusbriefes. Aber spricht die Wirklichkeit Jesu Christi dennoch etwas in uns an? Haben wir vielleicht irgendwann einmal beim Beten, Beim Hören des Gotteswortes, beim Lesen der Bibel etwas davon gespürt, dass das "Herz in uns brannte" - wie es den Emmausjüngern erging? Die Erfahrung eines brennenden Herzens gibt es auch heute noch - und wir sollten solchen Erfahrungen in unserem Leben nachspüren. Hier bezeugt uns der Heilige Geist, dass wir nicht nur die "Johannestaufe", sondern die "Christustaufe" empfangen haben. ER bezeugt in solchen Erfahrungen, dass die gleiche Wirklichkeit, die diese Taufe den Menschen damals vermittelte, auch uns heute noch vermittelt wird.

Johannes sah "den Himmel offen", als er Jesus taufen durfte. Ich darf einmal ganz still darüber werden und mich dieser Wahrheit bis in die Tiefe öffnen, dass sich bei der Taufe auch über meinem Leben "der Himmel geöffnet hat" - wie die Bibel diese Wirklichkeit in ihrer bildhaften Sprache beschreibt...

2. Wir werden auf eine kostbare Erfüllung hin angesprochen: Wonach sich seit Urzeiten die Väter sehnten, das dürfen wir im Glauben schon als unser Eigentum erleben. Diese Predigt setzt bei den Täuflingen mit einfacher Selbstverständlichkeit voraus, dass sie "in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude jubeln", weil ihnen durch die Taufe ihr "Heil", das Gelingen ihres Lebens, die wahre Erfüllung ihres menschlichen Lebens gewiss geworden ist. Das griechische Wort, was hier steht, meint das allerletzte Ziel menschlichen Daseins, wonach sich seit Urzeiten bis heute jeder Mensch sehnt - bewusst oder auch meistens unbewusst .

Wir sehen den Täufer vor uns, wie er auf Jesus schaut, sich mit dem Freund des Bräutigams vergleicht, der dabei steht und sich über die Stimme des Bräutigams freut: "Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden". (Joh 3,29). Und wir dürfen uns in den Täufer hineinversetzen - dürfen wie er auf Jesus Christus schauen - vielleicht mit den im Atemrhythmus wiederholten Worten: "Du - Herr - die Erfüllung meiner tiefsten Sehnsucht!" Und wer mag, kann noch einmal ein Stück tiefer gehen und ganz still darüber werden, dass Christus durch die Taufe in mir wohnt, dass ich in Ihm die letzte und tiefste Erfüllung meines Lebens in mir trage...

3. Wir werden auf ein unergründliches Geheimnis hin angesprochen. Mysterien - auf deutsch "Geheimnisse" - öffnen sich nicht dem Nachdenken, sondern sie werden geschenkweise verständlich, wenn jemand sich auf den Weg begibt, der in das Geheimnis hineinführt. "Einübung in das Mysterium" nannte die frühe christliche Kirche den Taufunterricht. Wenn die Taufe uns wahrhaft Anteil vermittelt am göttlichen Mysterium, dann verstehe ich es nicht intellektuell, sondern durch "Anteilnahme", durch Teilhabe am Geheimnis Christi. Und dieses unergründliche Geheimnis bezeugt uns nun die Bibel als das Geheimnis des Kreuzes und der Auferstehung, des Todes und des Lebens, unlöslich miteinander verbunden, ineinander verwoben.

Johannes stand noch "vor der Tür" dieses Geheimnisses: Als er im Gefängnis lag, konnte er nicht begreifen, wie dieses Schicksal mit seiner Sendung als Vorläufer der Herrn übereinstimmte: "Bist du, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?" (Mt 11,3). So fragt derjenige, der noch außerhalb des Geheimnisses steht. Und wie oft finden wir uns neben ihm stehen und fragen wie er: "Wie kann Gott das zulassen?" "Gibt es einen Gott, der solches mit anschauen kann?" "Ist die Welt durch Christus wirklich erlöster geworden?" Gerade heute mag diese Frage immer neu in uns aufbrechen, angesichts der unlösbaren Menschheitsfragen, denen wir täglich begegnen.

Aber vielleicht stehen wir doch nicht immer nur "vor der Tür", auf der Stufe der Johannestaufe? Vielleicht schauen wir auf unser eigenes Leben zurück - und stellen hier und da plötzlich erstaunt fest, dass sich da eine schwere Wegstrecke im Nachhinein gerade als besonders fruchtbar für unsere Entwicklung, für unser inneres Reifen erwiesen hat? Und wir ahnen etwas davon, ohne es beweisen zu können, dass da vielleicht doch ein ganz tiefer Zusammenhang besteht zwischen Schmerz und Reife, zwischen Leid und Liebe? Wenn wir es fassen und beweisen wollen, entzieht es sich uns, wenn wir es als Geheimnis ahnen und stehen lassen, kann sich eine neue innere Ruhe in uns ausbreiten. Wir blieben "draußen", wenn wir das Erahnte in eine allgemeingültige Erkenntnis fassen wollten, wenn wir meinten, wir könnten die Fragen nach dem Menschheitsleid gedanklich einleuchtend klären... Weit, weit entfernt!

Der Weg in das Mysterium des "Leidens Christi und der darauf folgenden Herrlichkeit" führt allein über meine eigenen Erfahrungen, niemals über allgemeingültige Thesen, die alle angesichts wahren Leidens für alle Zeit verstummen sollten. Wie aber bekomme ich dennoch Zugang zum Leiden anderer Menschen? Allein durch die Öffnung meines Herzens für das mir im Mitmenschen begegnende Leid führt der Weg an die Schwelle des Mysteriums Christi, wie er auch heute noch in den leidenden Menschen weiterleidet...

Und dann darf ich vielleicht - ahnungshaft, wie durch einen kurzen Blick in etwas Unaussprechliches - in einem besonders begnadeten Augenblick meines Lebens etwas davon spüren, welch unergründliche Liebe unseren Gott dazu gebracht haben mag, nicht den Leid und den Schmerz zu vernichten - woraus nur immer wieder neues Leid entstehen müsste - sondern ihn von innen her zu verwandeln, dass der Tod seinen Stachel verlieren darf. Seit zweitausend Jahren gab es immer wieder Christen, die aus diesem Geheimnis heraus lebten. Sie wussten in ihrem tiefsten Herzen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass der Tod seinen Stachel und die Hölle ihren Sieg verloren hat (1 Kor 15,55). Diese Menschen waren niemals dicht gesät, aber es gab sie: Christen, die aus dem Geheimnis der Christustaufe wirklich und wahrhaft leben konnten, weil sie nicht mehr wie Johannes "vor der Tür" stehen mussten.

Und auch in uns selbst gibt es neben den weiten Bereichen, die "nur von der Johannestaufe" etwas wissen, neue Bereiche, in denen ich bereites ein Stück des Weges in das unergründliche Geheimnis der "Christustaufe" geführt worden bin. Wir sollten wahrzunehmen versuchen, wo sich dieses Neue in uns meldet und ihm Raum geben, dass es mehr und mehr unser ganzes Christenleben durchwachsen möchte...


Liturgische Einbindung:
Katholische Predigtreihe: 24. Juni Geburt des hl. Johannes des Täufers
Evangelische Predigtreihe II: 24. Juni, Tag der Geburt Johannes des Täufers
Exegetisch-spirituelle Aspekte
Veröffentlichung

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