Helmut Mogk 
Im Gottesringe 
Gedichte eines jungen Mystikers

Gesamtinhalt:
Im Gottesringe - Der Schweifende
Im Gottesringe - Der Schaffende
Im Gottesringe - Der Liebende
Im Gottesringe - Der Schauende
Im Gottesringe - Der Geborgene

Der Schauende
Inhalt: Der Schauende

Wenn mein Auge in die Ferne schweift
Auf Wissen wollt ihr euer Leben bauen?
Die ihr mit lügnerischem, frechem Mund entweiht,
Ihr Wahnumfangnen sonder Fug und Recht
Vergaßet ihr, dass euch nur mitgegeben
Stets habt ihr Gott und gute Lehren feil
Du wandelst hin auf menschenferner Fährte,
Ihr Notbesessnen aus dem schwächlichen Geschlecht,
Ihr habt das Leben nie in euren Arm genommen,
Mit der Sonne Morgengruß
Nie werde ich von deiner Schönheit satt,
Immer wieder muss ich durch die engen Tore wandern,
Ihr müsst an Fest und Jubel euch berauschen,
Dein Gott wohnt nicht im lauten Schwall der Gäste,
Ihr fürchtet des Propheten tiefe Glut,
Wer gibt dir Recht, als Richter aufzutreten?
Wenn du nicht ganz in Wort und Tat dem Gotte lebst,
Ihr Wartenden, die ihr am fernen Strand
Einst schritt ich durch die finstre Nacht.
Ihr suchtet Gott in den Begriff zu legen,
Gott ward noch nie im gleichen Klange Bild
Gott ist Anfang, Gott ist Ende,
Der Gott, der dir so wandelhaft erscheint
Einst warf ich in meinem Zorn empor:
Jeder wandle seine Straße
Die Größe schreitet jederzeit durch diese Welt



Wenn mein Auge in die Ferne schweift,
Um der Dinge Sinn-Bild zu erschauen
Und die Welt, die glaubensstark umgreift
Aller Formen Reichtum. Aufzubauen,
Ahne ich der Kräfte strenges Spiel
Und des Gottes ewiges Gestalten.
Doch verhüllt bleibt mir das letzte Ziel
Und das Urbild aller Weltgewalten.
 


Auf Wissen wollt ihr euer Leben bauen?
Und schamlos reißt ihr letzte Hüllen fort!
Doch in die Irre tappt ihr mit dem Wort,
Und nie vermögt ihr, letzten Sinn zu schauen.

Ihr könnt nur eins: Der Teile Bann zerstören!
Nun treibt ein jeder hilflos durch das All.
Euch wurde tiefst Geheimnis weher Schall,
Da ihr nicht wusstet, auf den Klang zu hören.
 


Die ihr mit lügnerischem, frechem Mund entweiht,
Was andre still und stumm im Busen wahren,
Die ihr als Höchstes achtet, nur was ihr erkennt
Und heiliger Gesetze höhnend spottet -
Sprecht mir von Gott nicht, der ein Götze wurde,
Und nicht von Ehre, die das Schandmal trägt.
 


Ihr Wahnumfangnen sonder Fug und Recht
Vermesst ihr euch, den heil´gen Kreis zu sprengen:
So wie die Seele aus dem Leib entstieg.
Kein fremdes Wesen, nur ein Teil von ihm,
So wurdet ihr aus Tier und Stoff zum Menschen.

In langer Not umdämmert euch der Wahn,
Dass Gott euch Sich zum Ebenbilde schuf.
Der Rufer naht! - Noch   hören wen´ge ihn! -
Jahrtausendalte Krankheit auszutilgen.
 


Vergaßet ihr, dass euch nur mitgegeben
Des Menschen Auge und des Menschen Geist,
Untrennbar beide von des Leibes Grenzen?
Ihr standet an dem Markte lauten Schreis,
Dass ihr die Wahrheit in den Händen hieltet.
Doch eurer Worte Klang ward Spiel und Spuk,
Als erster Lebenshauch vom Ufer wehte,
Und eure Bauten waren unbeachtet,
Als neue Künder neue Wahrheit brachten,
Geglaubte gleich wie ihr von falschem Wahn.
 


Stets habt ihr Gott und gute Lehren feil
Doch eure Stirne prägt der Toren Stempel,
Zur Fratze ward euch Gott und Gottes Tempel,
Seit ihr in fremdem Wesen suchtet Heil.

Euch ward geschrieb´nes Wort zum höchsten Gut,
Da euch verließ das wahre, eigne Leben,
Und ihr verrietet, was euch mitgegeben
An Gotteskraft in Sinn und Geist und Blut.
 


Du wandelst hin auf menschenferner Fährte,
Wenn du des Körpers Wunsch ins Dunkel drängst,
Wenn du erstickst die liebende Gebärde
Und deine Nöte in Kasteiung engst.

Du wirst zum Ärmsten, wenn du nicht begreifst
Die Kraft, die dich allein zum Licht hebt,
So lang du nicht aus der Vernichtung reifst,
Ist tot die Glut, die hin zu Gotte strebt.
 


Ihr Notbesessnen aus dem schwächlichen Geschlecht,
Ihr sprecht von Gott, und wisst nicht ein noch aus.
Um ihm zu dienen, braucht ihr Pfaffenknechte,
Um ihn zu lieben, braucht ihr Schirm und Haus.

Ihr fürchtet nur der Sonne heißes Brennen
Und baut vor ihre Strahlen Werk und Wort.
Um Gott zu zwingen, wolltet ihr ihn nennen.
Er wich schon lang aus eurem Leben fort.
 


Ihr habt das Leben nie in euren Arm genommen,
Ihr habt es nie geküsst aus Herzenslust,
Euch sind die Tage ohne Glut verglommen,
Von tiefer Liebe habt ihr nichts gewusst.

Ihr richtetet aus Wissen arme Bauten,
Und Namen häuftet ihr an Lebens Statt,
Ihr gingt vorüber, wo die Himmel blauten,
Und wo die Speise harrte, wart ihr satt.

Euch bleibt versagt, was in den Tiefen lauert
Des Menschen, den die Wahrheit und der Mut erkürt;
Und nie erfahrt ihr, wie in Wonnen schauert
Das Leben, wenn befruchtend es den Odem spürt.
 


Mit der Sonne Morgengruß
Segnet mich das Leben,
Tauscht Umarmung mir und Kuss,
Nie erschöpft im Geben.

Immer neue Wonnen glüh´n
Heiß aus seinem Schoße:
Wo es weilet, Blumen blüh´n
Über jedem Lose.
 


Nie werde ich von deiner Schönheit satt,
Du Farbenhimmel und geborgnes Meer!
Du schenkst die Freuden einer Gottesstadt,
Und nie wird deines Reichtums Füllhorn leer.

Schon bin ich fest mit meinem ganzen Sein
Geknüpft an deine tiefe, stille Glut,
Und brennend küsst mich deiner Sonne Schein,
Die segnend in den Feuerwolken ruht.
 


Immer wieder muss ich durch die engen Tore wandern,
Die mir stets von neuem Qual und Wehe sind,
Muss durchschreiten jede Not und jeden Schmerz des andern,
Bis ich Lösung für die eignen Fragen find!

Doch im gleichen Wechselsange atmet alles Leben,
Nie gelöst vom Sein der heiligen Natur.
Jedes ist im Grunde nur ein Zu-dem-Frieden-Streben,
Ob es schweigt, ob leuchtend zieht die Gottesspur.
 


Ihr müsst an Fest und Jubel euch berauschen,
Um eure Seele aus der Not zu finden,
Müsst lauten Glanz mit eurem Alltag tauschen,
Um sie von seiner Dumpfheit zu entbinden.

Ich schritt seit früher Jugend andre Wege
Und trennte nicht, was niemand durfte trennen,
So spürt´ ich Gottes Kraft in allem rege
Und seine Glut in jeder Stunde brennen.
 


Dein Gott wohnt nicht im lauten Schwall der Gäste,
Wo man mit wilder Lust die Freude tauscht.
Er ruft dich in die Berge zu dem Feste.
Auf Höhen lebt er, die das Licht umrauscht.

Um mit der Hoheit Zwiegespräch zu halten,
Die seine stolze Herrscherstirn umfließt,
Musst du für jenen Götzendienst erkalten
Und alle Lust vermeiden, die dem Zwang entsprießt.

Es wird dich stets das Himmelslicht umgürten,
Wenn du mit allem auf zur Sonne tagst,
Und leicht erscheinen dir des Gottes Bürden,
Wenn du als Sturm der Feigen Haupt umjagst.
 


Ihr fürchtet des Propheten tiefe Glut,
Weil schonungslos sie euren Traum zerreißt
Und nicht die Götzen eurer Wünsche preist,
Weil Gottes Kraft durchlodert wild sein Blut.

Des Sehers Wort ist immer streng und hart
Nur falsche Priester formten es zu mild;
Da flammt von neuem auf das neue Bild
Und der Prophet stieg in die Gegenwart.
 


„Wer gibt dir Recht, als Richter aufzutreten?“
Schrie es in einer stillen Stunde auf.
Ich wusste keine Antwort drauf
Als die: „Einst lag ich heiß im Beten,
Da sah ein Bildnis ich aus meinem Innern steigen,
Das strahlte wie die Himmelssonne schön
Und seine Rede klang wie Lichtgetön.
Da muss´t ich liebend mich zum Dienste neigen.
 


Wenn du nicht ganz in Wort und Tat dem Gotte lebst,
Nicht all dein Sein und Fühlen ihm verschwendest,
Ein Glaubender, dich nicht zum Himmel wendest,
Ein Unvollendeter, nicht nach Vollendung strebst,
Entbehrt dein Schreiten und dein Suchen letzten Sinn,
Denn nur, wer ganz dem All sich hingegeben,
Empfängt in der Befruchtung Licht und Leben
Und wandert wissend durch die Welten hin.
 


Ihr Wartenden, die ihr am fernen Strand
Den Traum des ewig - nahen Friedens spinnt
Und eure Seele schickt ins Sonnenland,
Um zu begrüßen still das Gotteskind,
Ihr wurdet mir in Sinn und Ton zu mild,
Ich wandte mich aus eurer Mitte fort
Da stieg aus Not und Nacht des Helden Bild
Und sieghaft grüßte mich ein starkes Wort.
 


Einst schritt ich durch die finstre Nacht.
Kein Licht erglüht, kein Stern erwacht!
Unsagbar war des Schmerzes Qual,
Nur Dunkel rings - kein Hoffnungsstrahl.

Da griff ich in die eigne Brust
Und schuf in Not und weher Lust
Den Gott mir, der mein Leben krönt
Und mich mit Welt und Tod versöhnt.

Nach einer Zeit erlosch sein Schein.
Von neuem wandert´ ich allein.
Die Finsternis mir wehe tat,
Ich fühlte Leid, wohin ich trat.

Und quälend schien der Weltensang.
Da rauschte des Erlösers Gang
Und durch die Nacht kam Gott daher
In einem lichten Feuermeer.
 


Ihr suchtet Gott in den Begriff zu legen,
Da sprengt´ er zornig euer Wortgespiel
Und suchte sich ein neues, fern´res Ziel
Und wanderte auf nie geahnten Wegen.
 


Gott ward noch nie im gleichen Klange Bild
In stetem Wandel kreist sein irdisch Sein.
Noch nie ward seine Sehnsucht je gestillt,
Die ihn zur Erde zwang aus Sternenschein.
Oft ward Er Form, von Seherblick geschaut,
Der Ihn in Tor und Tempel bannt`,
Aus seinen Gluten Dome Ihm erbaut` -
Doch stets entwich Er, wo Gesetz Er fand.
 


Gott ist Anfang, Gott ist Ende,
Gott ist Leben, Gott ist Tod,
Gott ist Vorwärts, Gott ist Wende,
Gott ist Frieden, Gott ist Not,
Gott ist Suchen, Gott ist Finden,
Gott ist Glut und Gott ist Schein,
Gott ist Lösen, Gott ist Binden,
Gott ist Werden, Gott ist Sein.
 


Der Gott, der dir so wandelhaft erscheint
Und oft in Form gebannt;
Der, allumfassend, liebend schafft
Und stets sich deinem Blick entwandt,
Ist doch seit Anbeginn der Welt
Der gleiche, jeden Wandels frei,
Und was dir alle Not enthält
Ist nur der Unvollendung Schrei.
 


Einst warf ich in meinem Zorn empor:
 „Dich, Gott muss ich erschauen!
Nicht länger bleib ich Tand und Tor!
Nun komme, Gram und Grauen!“

Ich legte von mir Glück und Glanz
Um Gottes Klang zu lauschen,
In Krone sucht´ ich ihn und Kranz,
In Lust und Sturmesrauschen.

Nun stehe ich am Wegesrand,
Bin langsam still geworden:
Seit auch im Wurme Gott ich fand,
Schau´ ich ihn allerorten.
 


Jeder wandle seine Straße
Jeder ziehe seine Bahn.
Warum legt ihr eigne Maße
Auch an fremdes Wesen an?

Meint ihr, dass der Teile Klingen
Hilflos in das All zerstiebt.
Weil ihr nicht vermögt, zu zwingen
Ihn, der euch und alles liebt?

Die Verschiedenheit der Dinge
Kündet seine Allgewalt:
Auch das Kleinste gibt im Ringe
Letztern Sinne die Gestalt.
 


Die Größe schreitet jederzeit durch diese Welt
Und zwiefach ist das Bild, geformt aus Leib und Seele.
Das eine neigt sich liebend zu der Erde hin,
Und in den stillen Augen leuchtet der Verzicht.
Das andre strebt in stetem Wachsen hoch und höher,
Bis es mit Himmel und mit Sonne sich vereint.
Und beides strömet aus der gleichen Quelle.
Doch eures Geistes Blicke wurden trüb und flach.
Dass in der Gegenwart nur Staub und Dunst ihr seht,
Und Kindertorheit dünkt euch Gott und aufrecht Menschenwesen,
Weil höchste Freuden euch und tiefste Leiden fehlen,
Die heil´gen Tore, die der Weg zur Weihe sind.



[zurück: Der Liebende] [weiter: Der Geborgene] [zum Gesamtinhalt: Im Gottesringe]