Helmut Mogk
Im Gottesringe
Gedichte eines jungen Mystikers

Gesamtinhalt:
Im Gottesringe - Der Schweifende
Im Gottesringe - Der Schaffende
Im Gottesringe - Der Liebende
Im Gottesringe - Der Schauende
Im Gottesringe - Der Geborgene

Der Schweifende
Inhalt: Der Schweifende
Ungesättigtes Herz, stillt denn die Sehnen nichts?
Aus dem Leid geboren
Wenn dir glitzernde  Quellen fließen,
Wohin, Verwegner, lenkst du deine Schritte?
Der Pirat
Schritt ich durch die Mitternacht,
In fremder, sturmdurchheulter Stadt -
Wenn einsam durch die dunklen Nächte
Die größten Wünsche wurden dir zu Lehen,
Früher zog ich in der Streiter Mitten

Ungesättigtes Herz, stillt denn die Sehnen nichts?
Nimmer findest du Ruh´. Gleich ich doch jenem Stern,
den ein ewiges Schicksal zwang,
Gott zu dienen durch stetes Glühen


Aus dem Leid geboren,
In das Licht verloren,
Ende; Sturz und Nacht!
Ein dämonisch Glühen,
Wildes Funkensprühen -
Und es ist vollbracht.


Wenn dir glitzernde  Quellen fließen,
Bunte, duftende Blüten sprießen,
Wenn dir der Himmel geöffnet steht,
Heiß dich der Wonneodem umweht,
Kannst du noch zagen und zögern und schwanken?
Folgen den hindernden, feigen Gedanken?
Öffne die Seele der zehrenden Glut!
Stimm in den Reigen dein jagendes Blut!
Hebe dein Herz durch die dunkelnden Fernen
Jubelnd empor zu den leuchtenden Sternen!


"Wohin, Verwegner, lenkst du deine Schritte?
Was suchst du dort, wo Unheil, Gram und Graus?
Warum entfliehst du aus der Freunde Mitte
Zum sturmgepeitschten, leidensschwangren Meer hinaus?"

"Weil lieber ich im weiten Ozean versinke,
Wo Himmel, Hoheit, Licht und Leben ist,
Als dass ich aus geborgten Bechern wohlsein trinke
Und faule, wo Behagen um sich frisst."


Der Pirat
Nicht länger ertrag ich die Dumpfheit
Was hält mich bei euch noch, ihr Matten,
Denen das Leben zur Fratz wurde
Und die ihr im Trägen vermorschet?

Es dürstet mein Herz nach den Weiten.
Nimmer hält mich die Sehnsucht.
Ich reiße die Bande!
Schreiend springen die Hüllen
Und weithin jauchzet das Meer,

Nun warte ich nur auf den Sturm noch,
Das Schiff liegt zur Abfahrt bereit,
Die Segel sind hoch gehisst,
Da kommt er, der wilde Geselle
Und reißet eines in Fetzen!
Jubeln jage ich über die Wogen.

O du trunkenes Leben!
Noch einmal will ich an deinen Brüsten liegen,
Noch einmal in deinen Wonnen jauchzen
Noch einmal zum Sternenhimmel fliegen!
Und ich sauge den heißen Atem deiner jagenden Brust
O du trunkenes Leben!

Die Sehnen sind gespannt,
Die Muskeln winden sich vor Schmerzen der Unerlöstheit.
Der Bogen biegt sich -
Schwer ist der Pfeil -
Hei, jetzt jagt er fort!
So triff!
Triff den größten Verächter alles Lebens!
Meinen vollen Hass jage ich mit!

Der Himmel, der weite Himmel über mir!
Keine Grenzen der Sehnsucht!
Nur Ferne, duftende, jauchzende Ferne!
Und auf den Wogen tänzelt das Sonnengold -
Meine Freuden, meine Leiden!

Eine Insel in Sicht!
Wie fremd und lieblich die Bäume ragen,
Und Eidechsen spielen im glitzernden Sand.
Nur ein Traum in den Schatten eines blühenden Baumes
Du träumerisches, versonnenes Mädchen - Märchen,
Nicht taugst du zur Seefahrt!

Meine Gespielinnen wollen in Sonnenglut lodern und schmachten
Und nicht im Mondenschein tändeln.
Trotzdem liebe ich dich.

Vergeblich das Ruhen!
Ein Schrei - und ich springe wieder aufs Schiff.
Die Segel schwellen,
Hei, wie der Kiel die Wogen durchfurcht
Und wie sich das Wasser aufbäumt gegen meinen trotzigen Willen!

Wilde Einsamkeit um mich her,
Nur Wasser und brüllende Wogen. -
Und die jagende, rasende, zuckende Sehnsucht.

Heute sind die Wasser stille,
Eine glitzernde, weite Fläche,
Und darüber spannt sich der Himmel
Mit trächtigen, schleichenden, glutweißen Wolken,
Doch in der Tiefe schlummert ein Ungeheuer
Und tückisch lauern die Blicke,
Bis es hervorbrechen kann und die Stille verschlingen.

Was schleicht dort über die Bläue
Wie eine dicke, täppische Dummheit!
Giftig sprühen die Lichter.
Auf, Sturm, jage!
Mitten hinein den Kiel, dass die Bretter splittern
Und die Trägheiten schreien!
Getroffen!
Und gurgelnd schließt sich die Höhle.

Ein Wunsch schrie dir auf
Nach dem Narren, den jämmerlichen Gesellen?
Und du schämst dich nicht
Vor deinen starken Gefährten,
Weil du nicht sprangst und ihn würgtest?

Das Leben verachtet mich,
Es hasst mich und tritt mich mit Füßen,
Es wirft mir im Hohne Brocken hin,
Und ich Narr hebe sie auf!
Glühend lieb ich das Leben!

Es legt sich der Sturm.
Glockentöne dringen herüber vom Lande,
Glockentöne der Heimat?
Träumer, es ist ja nur Lüge,
Du hast keine Heimat!
Verdammt zu rastlosem Jagen!

Endlich wieder das Toben!
Unerträglich schon ward mir die Stille,
Es hämmern die Pulse.
Im Taumel stürzen und bäumen die Wogen.

Überall Schiffe ringsum!
Ist alles zum Kampf bereit?
Allein muss ich herrschen im Meere
Es duldet mein Mut nicht den Anderen.

Sieg! Aber kein fröhlicher Sieg,
Der lachend vom Himmel daherstürmt,
Ein mürrischer, tückischer, grauer,
Der aus den Höhlen sich schleicht -
Es fielen die besten Gefährten.

Was wollt ihr von mir
Mit euren schleimigen Armen und höhnischen Fratzen,
Ihr Ausgeburten der Hölle?
Ich biete euch Trotz
Und lache dem Gott und dem Teufel!

Das war deine letzte Tat, wilder Sturm,
dass du mein Schiff an den ragenden Felsen zerschlugst.
Ich spring in die Fluten und jauchze!

So komm, Tod, und lass dich umarmen!
Du bist der Treuste von allen.


Schritt ich durch die Mitternacht,
Wo die Eulen schreien
Und kein Stern am Himmel wacht',
Bitternisse speien.

Fegt der Höllensturm um mich,
Peitschte mich der Regen,
Grauen heulte fürchterlich,
folgt` mir allerwegen.

Doch voll Trotz das Haupt empor!
"Zwingt! - Doch nur zum Sterben!"
Warf drauf meinen willen vor,
Schellt' mein Glück in Scherben.


In fremder, sturmdurchheulter Stadt -
Kein Mensch, der mit dem meinen schwingt,
Kein Lied, das mit dem meinen klingt,
Kein liebend Herz, das Mitleid hat.

Nur fremdes Wesen überall.
Des Sehnens Not bleibt ungestillt
Es stirbt in Luft und Brachgefild
Der Seele Ruf und Widerhall.


Wenn einsam durch die dunklen Nächte
Die wunde Seele irrend schweift,
Wenn sie das Gute und das Rechte
Gesucht - und müd' ins Dunkel greift,
Da sinkt ins Wesenlose unter
Was Glück und Glanz des Tags erhellt'
Verblasst der Farben holdes Wunder -
Zum bangen Träume wird die Welt.


Die größten Wünsche wurden dir zu Lehen,
Es hungert dir ein Herz, das nimmer satt,
Du kannst nur siegen oder untergehen,
Behaglich Leben hat bei dir nicht Statt.

Als aus der Not des Helden Ruf entbrannte,
Da wuchsen dir die stärksten Stürme auf,
Durch Höllen musstest du, die keiner kannte,
Bis zu den Himmeln eilt' dein heißer Lauf.


Früher zog ich in der Streiter Mitten
Durch die Welt des Schwachen und zerstörte.
Zu der Wahrheit aus dem Schein der Sitten
Heißen Blutes ich mich tief empörte.

Heute steh' ich einsam, denn es hingen
Viele Irren am gegangnen Wege,
Heiter und in strengem Selbstbezwingen
Meiner Worte Macht und Maß ich wäge.



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