HAUPTTEIL II:
"DER WEG": Gelassenheit

MEIN GOTT, WIE KANN ICH DEINER LIEBE IMMER TIEFER EMPFANGEN UND IHR ENTSPRECHEN?

Einführung in den zweiten Hauptteil:
Überblick:

Das Bild des Weges bei einer Bergwanderung
Möglichkeiten und Grenzen auf diesem Weg
Gelassenheit als Grundübung geistlichen Lebens
Gelassenheit als Alltagsübung


Das Bild des Weges bei einer Bergwanderung
Auch an den Beginn des zweiten Hauptteiles möchte ich wieder einige Symbolworte stellen, die in gemeinsamen Meditationsübungen gefunden wurden. Und es wäre auch hier gut, wenn Sie diese Worte durch eigene ergänzen oder auch ersetzen würden: Das können Sie entweder als Einstimmung in diesen neuen Hauptteil tun - oder auch während des Weges. Es kann hilfreich sein, wenn sich Hindernisse oder Blockaden einstellen, diese in solch einem Symbolbild anschaulich werden zu lassen. Von diesen Worten ist vieles unmittelbar übertragbar auf den geistlichen Weg, wie ihn uns Meister Eckehart anbietet. Die Bildworte können sich im Verlauf dieses Übungsweges mehr und mehr in ihrer Gleichnishaftigkeit erschließen. Den einen wird mehr das eine, den anderen mehr etwas anderes ansprechen. Das ist normal - ebenso wie nicht jeder eine wirkliche Gebirgswanderung in der gleichen Weise erlebt und vollzieht.

Möglichkeiten und Grenzen auf diesem Weg

Ähnlich wie eine Hochgebirgstour kein Spaziergang ist, sondern oft letzte Kräfte und Möglichkeiten eines Bergsteigers herausfordert, so kann man bleibende Gott-Nähe und unzerstörbare Freude auf dem spirituellen Weg normalerweise nicht zum "Nulltarif" haben. Das bezeugen uns unsere Mystiker einhellig. Jedoch sind - und hier wird das Bild der Bergwanderung gesprengt - im geistlichen Leben "Höhen- und Gipfelerfahrungen" niemals allein durch menschliche Anstrengungen zu erreichen. Sie bleiben, ungeachtet aller Bemühungen des Menschen, immer freies Geschenk der göttlichen Liebe, sie bleiben jeder menschlichen Verfügbarkeit entzogen.
Wenn wir es bisher noch nicht gespürt haben sollten, so wird es uns in den nächsten Wochen ganz deutlich werden, wieviel Meister Eckehart vom Menschen einfordern kann. Er will uns zu "Höchstleistungen" herausfordern, durch welche wir uns mehr und mehr der Fülle Gottes öffnen können. Er lockt uns, nicht nur etwas von außen zu übernehmen, sondern es von innen her wachsen zu lassen. Und in dem Maße, wie ich mich vor Gott bis in mein innerstes Zentrum hinein öffne und alle Hindernisse beseitige, kann er mich von innen her mehr und mehr durchdringen und verwandeln.
Doch ist das nicht das einzige, was uns dieser Mystiker zu sagen hat. Er weiß nicht nur um die menschlichen Möglichkeiten, sondern er kennt auch die Schwächen des Menschen. An einer Stelle wird dies besonders deutlich, wo er sagt: "...es ist (zwar) unvollkommen. Doch muß man's hinnehmen, so wie manche Leute übers Meer fahren mit halbem Winde und auch hinüberkommen" (214,15ff).Das ist einfach unsere menschliche Wirklichkeit - es bewahrt uns vor jeder Überheblichkeit anderen Menschen gegenüber, aber vor allem auch vor allen Minderwertigkeitsgefühlen, die in uns selbst aufwachen können: Haben wir doch immer wieder das Bedürfnis, "vollkommen zu sein". Ich möchte Sie herzlich darum bitten, das Bild vom "halben Wind" während der Arbeit in den nächsten Wochen ständig im Auge zu behalten, wenn in Ihnen das Gefühl aufkommt, nicht die gleichen "Höhen" ersteigen zu können wie ein anderer.
Aber es mag dennoch sein, dass uns manches, was Meister Eckehart von "einem Menschen, um den es recht steht," erwartet, doch als "zu steil" erscheint. Dann gäbe es eine Möglichkeit, durch das eine oder andere Wort Meister Eckeharts "hindurchzubrechen" mit der Frage, unmittelbar an Gott gerichtet: "Mein Gott, bist vielleicht du selbst es, der sich mehr von mir wünscht, als ich mir selbst zutraue - weil du mir zum vollenLeben verhelfen willst?"

Gelassenheit als Grundübung geistlichen Lebens
Damit der Mensch fähig wird, des ganzen Reichtums teilhaft zu werden, den Gott ihm schenken möchte, muß er sich mehr und mehr für Gottes Liebe öffnen und bereiten. Denn: Nur was leer ist, kann neu gefüllt werden. Es ist schon im menschlichen Bereich eine bekannte Erfahrung: Das Gefäß, in das ich etwas Kostbares füllen will, muß ich vorher gründlich reinigen und entleeren. Nun geht es aber hier um Gott selbst, der sich dem Menschen schenken will. Sicher gilt es, dass wir solchen Schatz in irdenen Gefäßen haben (2 Kor 4,7) - aber gerade dieser Schatz wertet das Gefäß in höchster Weise auf (vgl. Woche 2). Nur ein Mensch, der in sich weit und offen ist, ist wahrhaft empfangsbereit für Gott. Meister Eckehart gebraucht für diese Aufgabe des Menschen auf seinem Weg mit Gott das so verheißungsvolle und gleichzeitig so oft mißverstandene Wort: "Gelassenheit". Wenn wir uns darauf einlassen, werden wir es spüren: Gelassenheit im Sinne der christlichen Mystiker ist alles andere als ein einfaches Laufenlassen der Dinge. Es ist kein Sich-zur-Ruhe-Setzen, weil alles schon irgendwie von allein wird. Im Gegenteil: Gelassenheit im Sinne Meister Eckeharts ist die höchste Aufgabe, die ein Mensch überhaupt angreifen kann. Gelassenheit ist für ihn kein Zustand, den ich einmal erreichen und dann erreicht haben könnte, sondern es ist ein Weg mit einer einzigartigen inneren Dynamik. Es gibt hier kein anderes Ziel, als auf dem Weg zu bleiben. Mit der Übung der Gelassenheit kommt der Mensch in diesem Leben an kein Ende: "Du mußt wissen, dass sich noch nie ein Mensch in diesem Leben so weitgehend gelassen hat, dass er nicht gefunden hätte, er müsse sich noch mehr lassen" (57,3ff). Die Dynamik des Weges selbst ist die Erfüllung. Das schließt nicht aus, dass sich der Blick auf das letzte Ziel immer schon einmal augenblicksweise auftut, das schließt auch nicht aus, dass allein das Gehen dieses Weges oft bereits schon so etwas wie eine letzte und tiefste Erfüllung aller Sehnsucht in sich birgt. Und es schließt auch nicht aus, dass es verschiedene Stadien auf diesem Wege gibt, die sich voneinander unterscheiden. Meister Eckehart spricht von "geübten" und von "anhebenden" Menschen auf diesem Wege. Doch er stellt keine Stufenleiter des geistlichen Lebens auf, wie das zu seiner Zeit und auch später üblich war und wurde.

Gelassenheit als Alltagsübung
Mit jedem Schritt, den ich gehe, verliert das, was ich zurücklasse, an Gewicht und Bedeutung - wenn ich beim Weitergehen das Zurückbleibende wirklich loslasse. Dabei geht es sowohl um ein freiwilliges Mich-Lösen von einer bestimmten Sache oder einem Menschen - als auch um die Vollendung dieser Ansätze, wo Gott eingreift: Eines Tages wird er mir das nehmen, woran ich mein Herz in falscher Weise gehängt habe. Mir scheint es sogar so zu sein, als ob jedes freiwillige Loslassen - wo immer es auch geschieht - vor Gott wie eine "Bereitschaftserklärung" angesehen wird, mir von ihm - wenn es nottut - auch das nehmen zu lassen, was freiwillig zu lassen über meine Kräfte ginge. Und das alles vollzieht sich mitten im Alltag. Für den Menschen, der sich im Blick auf den einen Gott selbst um immer größere Einheit bemüht, kann es  letztlich auch keine Trennung mehr geben zwischen "profanem Alltagsleben" und "geistlichem Leben". So geht es in den folgenden Wochen um das ganz konkrete Einüben des Loslassens, wie es mir mein alltägliches Leben anbietet und ermöglicht. "Der Alltag als Übung" heißt ein Buch von Karlfried Graf Dürckheim - er geht darin vor allem auf bestimmte Körperhaltungen ein, in denen und durch die ich üben kann, in meiner Mitte zu bleiben. Das Anliegen Meister Eckeharts ist es, dieses Thema für das gesamte konkrete Leben durchzuspielen.

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