12. 6. Wenn ich deine Geburt in mir geschehen lasse,
laufe ich dir überall in den Schoß

Hinführung:

Wo Gott mir "ein und alles" geworden ist, gibt es keinen "Raum" mehr, wohin ich fliehen könnte, ohne dass er mich dort bereits erwartete. Diesem Gott, der mich gleichzeitig umgibt und durchdringt, kann ich nicht mehr ausweichen. Je mehr er mich durchdringt, desto unmittelbarer finde ich ihn in allem, was "außen" ist. Und je mehr ich "die (äußeren) Dinge durchbreche und ihn darin ergreife", desto mehr nimmt er mich von "innen" her in Besitz: "So auch geht es dem Menschen, der da wähnt, Gott zu entfliehen, und er kann ihm doch nicht entfliehen; alle Winkel offenbaren ihn. Er wähnt, Gott zu entfliehen und läuft ihm in den Schoß" (259,36ff).

Immer wieder greifen die Mystiker zu Bildern menschlicher Erotik, um auf das Geheimnis der gott-menschlichen Liebe hinzuweisen. Neben dem Bild der "Gottesgeburt" im Menschen gebraucht Meister Eckehart das Bildwort von der "vermögenden Empfänglichkeit". Dabei ringt er um Worte: "(Jeder Mensch hat) eine Empfänglichkeitsanlage, die (indessen) durchaus nicht des Seins ermangelt..., sondern eine vermögende Empfänglichkeit, worin du vollendet werden sollst" (434,3ff). Der Mensch ist dafür geschaffen, Gott in sich "empfangen" zu können. In gleiche Richtung geht das Bild vom "Schoß" Gottes, in den ich laufe: Geburt hängt mir dem Mutterschoß unlöslich zusammen. Wo ich Gottes Geburt in mir geschehen lasse, wird die Trennung zwischen Gott und mir überstiegen, wird "Einheit" zwischen außen und innen verwirklicht: Indem ich Gott in mir "gebäre", laufe ich ihm zugleich in seinen "gebärenden Schoß": Es gibt da keine Unterscheidung mehr zwischen "außen" und "innen"!

Meditationswort:

"Der Mensch wähnt, Gott zu entfliehen und läuft ihm in den Schoß."
Bildhafte Verdeutlichung:
Die Märchen gebrauchen häufig das Bild der "heiligen Hochzeit", um das letzte Ziel des Menschen aufscheinen zu lassen: die Vereinigung, das Heilwerden in der Liebe.
Biblische Grundlage:
"Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist?" (Ps 139,7).
"Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an" (Offb 3,20).
Wiederholungsgebet:
- Mein Gott, der mich liebt und sich danach sehnt, mich vor jeder "Tür" in Empfang zu nehmen -
Kontemplation:
"Wohin ich gehe" - "Du"... (M. Buber).
Vollständiger Text - Weitere Textstellen:
"Darin liegt ein großes Übel, dass der Mensch sich Gott in die Ferne rückt; denn ob der Mensch nun in der Ferne oder in der Nähe wandele: Gott geht nimmer in die Ferne, er bleibt beständig in der Nähe; und kann er nicht drinnen bleiben, so entfernt er sich doch nicht weiter als bis vor die Tür" (78,5ff).

"Lausche (denn) auf das Wunder! Wie wunderbar: draußen stehen wie drinnen, begreifen und umgriffen werden, schauen und (zugleich) das Geschaute selbst sein, halten und gehalten werden - das ist das Ziel, wo der Geist in Ruhe verharrt, der lieben Ewigkeit vereint" (285,13ff).

(Aus der "vermögenden Empfänglichkeitsanlage)" gibt es kein Zurückkehren, sondern nur ein beständiges Vorwärtsdrängen und ein Erreichen und Erfüllen der Anlage, worin du vollendet werden sollst" (434,12f).

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