11. 1. Deine Geburt in mir lässt mich etwas davon ahnen,
dass es in meinem Leben keine verlorene Zeit zu geben braucht

Hinführung:
In einer langanhaltenden Krise meines Lebens stellte sich mir immer neu die Frage: War denn vielleicht mein ganzes bisheriges Leben umsonst? Ich versuchte, diese Frage als eine Versuchung zu überwinden, aber sie war immer wieder da - mit aller Not, die sie in sich schloss. Da kam mir eines Tages die Erkenntnis: Ob mein Leben sinnvoll oder umsonst gewesen ist, kann ich niemals ein für allemal endgültig klären, sondern es entscheidet sich jeweils neu in diesem Augenblick! Jetzt - in diesem "Nun" - habe ich es in der Hand, zu entscheiden, ob über meinem ganzen Leben ein Ja oder ein Nein steht!

"In diesem Augenblick wird alle verlorene Zeit wieder eingebracht", sagt Meister Eckehart von einem Menschen, der sich Gott ganz zukehrt. Für mich hätte es vielleicht nur dieses eine Wort gebraucht, um mich für einen Mann zu interessieren, der so etwas sagen kann! (Wenn solch ein tiefgläubiger, hochgebildeter Mann so etwas sagt, kann es doch kein Unsinn sein! Wenn er so etwas sagt, so muss diese Möglichkeit existieren! Auch für mich und für alle gehetzten Menschen unserer hektischen Zeit!) Wenn ich mich Gott nahe, dann bekomme ich Anteil an Gottes "gegenwärtigem Nun", in dem "alle Zeit ist". Deshalb sind "die Tage, die da waren vor sechstausend Jahren, ...dem heutigen Tage so nahe wie der Tag, der gestern war" (203,34ff). Das hat eine seelsorgerliche Dimension für Menschen, die eine Zeit ihres Lebens in der Abwendung von Gott und damit vom wahren Leben verbracht haben. Wenn sie sich von ihren "Sünden" abkehren - was wird dann mit der Zeit ihres Lebens, die sie Gott vorenthalten haben? Eckehart antwortet: Irgend etwas Gutes ist in allem, was ist, sonst könnte es nicht bestehen. Deshalb erwacht in dem Augenblick der Reue auch alles Gute wieder, was gewesen ist - und bekommt neu seinen Wert vor Gott.

Meditationsworte:
"Dem rechten Menschen kann keine Zeit zu kurz sein." (s.u.)

"Mit Gott kann man nichts versäumen" (92,25f).

Lebensmeditation:
Bedaure ich "verlorene Zeit" in meinem Leben? Wie gehe ich damit um?...
Biblische Grundlage:
"Tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist" (Ps 90,4).
(Übersetzung: "Gute Nachricht")
Wiederholungsgebet:
- Mein Gott, dessen Ewigkeit mich berührt, wo ich erfahre, dass ich viel Zeit habe -
Kontemplation:
"Jetzt" - Ich versuche, mich im jetzigen Augenblick zu spüren mit allem, wodurch mich mein bisheriges Leben geprägt hat zu dem, der ich heute bin...
Vollständiger Text - Weitere Textstelle:
"Wenn immer sich dieser Wille von sich selbst und aller Geschaffenheit (nur) einen Augenblick zurück in seinen ersten Ursprung kehrt, so steht der Wille (wieder) in seiner rechten freien Art und ist frei; und in diesem Augenblick wird alle verlorene Zeit wieder eingebracht" (181,20ff).
"Dem rechten Menschen in solch vollkommen gutem Willen kann denn auch keine Zeit zu kurz sein. Denn, wo es um den Willen so steht, dass er vollends alles will, was er vermag - nicht nur jetzt, sondern, sollte er tausend Jahre leben, er wollte alles tun, was er vermöchte, ein solcher Wille trägt soviel ein, wie man in tausend Jahren mit Werken leisten könnte: vor Gott hat er alles getan" (91,20ff).

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