10.3. Wenn ich deine Geburt in mir geschehen lasse,
warte ich auf nichts Hinzukommendes mehr

Hinführung:
Es gibt eine Predigt Meister Eckeharts, in der es ihm buchstäblich die Sprache verschlägt - er kommt zum Schluss dieser Predigt ins Stammeln, weil ihm die Worte versagen. Nachdem er von Gedanken erzählt hat, die ihm beim Beten des Vaterunsers gekommen sind, schließt er seine Predigt: "Von dem dritten Wörtlein will ich nun gar nicht mehr sprechen, da er sagt: 'Ich habe euch auserwählt - gesättigt, gesättigt - gestillt, gestillt - gefestigt, gefestigt -, auf dass ihr gehet und Frucht bringet und eure Frucht bleibe' (Joh 15,16)" (391,17ff). Es wäre gut, sich da ein wenig hineinzufühlen und zwischen den Zeilen zu lesen: Was mag an Erlebnissen dahinterstehen, wenn ein Mensch so ins Stammeln kommt? Wenn es ihm so buchstäblich die Sprache verschlägt und er uns - wie es bei Meister Eckehart ganz selten geschieht - so tief in sein Herz blicken lässt?
Kennen wir etwa auch Augenblicke in unserem Leben, wo wir uns "wunschlos glücklich" fühlten - in denen wir "auf nichts Hinzukommendesmehr warteten"? Nicht jedem von uns werden solche Erfahrungen geschenkt, doch die Sehnsucht danach lebt in uns. Wir treffen bei Meister Eckehart auf einen philosophisch untermauerten Lehrsatz: Alle Bewegung strebt danach, in der Ruhe zu ihrem Ziel zu kommen. Gemeint ist damit die Ruhe der Vollendung: Ruhe, Freude, Friede, Heil - was die Hebräer mit dem unübersetzbaren Wort "Schalom" meinten. Dieses Wort hat heute gerade unter jungen Menschen wieder eine große Bedeutung bekommen: Es ist Inhalt ihrer Sehnsucht!
Meditationswort:
"Es gibt ein Etwas in der Seele, das wartet auf nichts Hinzukommendes mehr."
Lebensmeditation:
Wo waren die "Ziele" meines bisherigen Lebens, denen ich nachjagte? Konnten sie mich wahrhaft "sättigen", "stillen"?

Wann habe ich mich einmal "wunschlos glücklich" gefühlt?...

Biblische Grundlage:
- "Ich aber will... mich satt sehen an deiner Gestalt" (Ps 17,15).
- "Friede sei mit euch"(das erste Wort des Auferstandenen an seine Jünger...).
Wiederholungsgebet:
- Mein Gott, in dem meine Sehnsucht die Möglichkeit berührt, augenblicksweise wunschlos glücklich zu sein -
Kontemplation:
Ich lasse mir vom Auferstandenen sagen: "Friede" - "sei mit dir"...
Vollständiger Text - Weitere Textstelle:
"Es gibt... ein Etwas in der Seele, aus dem Erkenntnis und Liebe ausfließen; ...Wer dieses (Etwas) kennen lernt, der erkennt, worin die Seligkeit liegt. Es hat weder Vor noch Nach, und es wartet auf nichts Hinzukommendes, denn es kann weder gewinnen noch verlieren" (306,9ff).

"Ein gerechter Mensch bedarf Gottes nicht. Was ich habe, dessen bedarf ich nicht" (381,21f).
(Dieser Satz gehörte zu den beanstandeten Sätzen Meister Eckeharts. Das ist verständlich, wenn man den ersten Teil losgelöst nimmt!).


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