9.4. Wo ich mein Leiden aus deiner Hand annehme,
stelle ich mich deiner Frage,
wie es um meine Liebe zu dir bestellt ist

Hinführung:
Ich möchte hier wieder auf das Bild zurückkommen, in dem Meister Eckehart aufzeigt, wie unmittelbar wahre Liebe alles Denken, Handeln und Erleben eines Menschen beeinflusst (vgl. in Woche 1 Tag 7). In der Radikalität, in welcher Meister Eckehart alles in das umfassende Eine einbezieht, kann er auch Schmerz und Leid nicht ausnehmen. Unter diesem neuen Aspekt möchte ich diese Stelle noch einmal in Erinnerung rufen: "Wer da etwas heiß mit ganzer Inbrunst so liebt, dass ihm nichts anderes gefällt und zu Herzen geht als (eben) dies, und er nur nach diesem verlangt und nach sonst gar nichts: ganz gewiss, wo immer ein solcher Mensch sein mag oder bei wem oder was er auch beginnt oder was er tut, nimmer erlischt doch in ihm das, was er so sehr liebt, und in allen Dingen findet er (eben) dieses Dinges Bild, und dies ist ihm um so stärker gegenwärtig, je mehr die Liebe stärker und stärker wird" (61,2ff). Gewiss dürfen wir in diesen Worten ein Selbstzeugnis des Meisters sehen: So tief ist seine Liebe zu Gott, dass er in allem, was er sieht, erlebt oder tut, das Bild dessen vor Augen hat, den seine Seele liebt. Nur so findet er auch in Schmerz und Leid das Bild seines geliebten Gottes.
Um Meister Eckehart ganz zu verstehen, müssen wir uns noch einmal deutlich machen, dass für den mittelalterlichen Menschen die Begriffe "Liebe" und "Wille" fast austauschbar sind. Erst wir modernen Menschen verbinden mit dem Willen die "Stirn", das "Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Wollen", während früher "Wille" das Personzentrum des Menschen ansprach, das seine innerste Ausrichtung bewirkte. Entsprechend war auch der Begriff der Liebe weitaus nicht so vordergründig im Gefühl und Empfinden beheimatet, wie wir es heute erleben, sondern "Liebe" meinte ebenso diesen innersten, bewegten und dynamischen Personkern des Menschen.
Meditationswort:
"Prüfet euch selbst daraufhin, wie es mit eurer Liebe bestellt ist" (169,6f).
Bildhafte Hinführung:
"Wollte ich einem Menschen mit allem Fleiß gefallen und wüsste ich dann für gewiss, dass ich diesem Menschen besser gefiele in einem grauen Kleide als in irgendeinem andern, wie gut es auch wäre, so gibt es drüber keinen Zweifel, dass mir dieses Kleid wohlgefälliger und lieber wäre als irgendein anderes, wär's auch noch so gut" (168,33ff).
Biblische Grundlage:
"Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm" (1 Joh 4,16).
Wiederholungsgebet:
- Mein Gott, den meine Liebe sogar im Schmerz finden kann -
Kontemplation:
"Dein Wille" - "meine Liebe"...
Vollständiger Text - Weitere Textstelle:
"Wär's denn, dass ich einem jeden gefallen wollte: wovon ich dann wüsste, dass es einer gern hätte, an Worten und an Werken, das täte ich und nichts anderes" (168,33ff).
"Wohlan, prüfet euch selbst daraufhin, wie es mit eurer Liebe bestellt ist! Liebtet ihr Gott, so könnte euch nichts lustvoller sein, als was ihm am allerbesten gefiele und dass sein Wille am allermeisten an uns vollbracht würde" (169,6ff).

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