8.1. Wo ich mein Leiden aus deiner Hand annehme, kannst du mir sagen:
Gedenke des Guten, das du noch hast

Hinführung:
Nach den grundsätzlichen Überlegungen geht es nun um ganz konkrete Hilfen, mit denen "sich der Mensch trösten kann in allem seinem Ungemach, Trübsal und Leid" (101,13f). Das schreibt Meister Eckehart zu Beginn seines Traktates "Buch der göttlichen Tröstung", den man als die reifste und tiefste seiner Schriften bezeichnet hat. Manche der Gedanken, die er dort äußert - etwa die, welche heute im Mittelpunkt stehen werden - sind in sich selbst so einsichtig, dass man sie auch Menschen anbieten kann, die dem Glauben fern stehen. Und es überrascht immer neu, wie viele Menschen außerhalb der Kirche sich mit Meister Eckehart befassen. Andere Gedankengänge dieser Leidensmystik dagegen sind nur dem Menschen verstehbar, der sich bereits irgendwie schon "dieser Wahrheit angeglichen hat" (vgl. Woche 1, Tag 2).

Meister Eckehart war sich bewusst, dass er seinen Lesern viel zumutet: Er schließt seine Überlegungen, indem er auf diejenigen eingeht, die ihn nicht verstehen werden: "Mir genügt's, dass in mir und in Gott wahr sei, was ich spreche und schreibe. Wer einen Stab in Wasser getaucht sieht, den dünkt der Stab krumm, wenngleich er ganz gerade ist, und das kommt daher, dass das Wasser gröber ist als die Luft; gleichviel ist der Stab sowohl an sich wie auch in den Augen dessen, der ihn nur in der Lauterkeit der Luft sieht, gerade und nicht krumm" (138,22f). Und er fährt dann fort: "Wer aber davon nichts weiß, der lacht und spottet meiner; mich aber erbarmt es seiner. Indessen, solche Leute wollen ewige Dinge schauen und empfinden und göttliche Werke und im Lichte der Ewigkeit stehen, und dabei flattert ihr Herz noch im Gestern und noch im Morgen" (138,33ff).

Meditationswort:
"Gedenke des Guten, das du noch hast und behältst."
Bildhafte Hinführung:
"Nun setze ich den Fall, ein Mensch habe hundert Mark; davon verliert er vierzig und behält sechzig. Will der Mensch nun immerfort an die vierzig denken, die er verloren hat, so bleibt er ungetröstet und bekümmert. Wie könnte auch der getröstet sein und ohne Leid, der sich dem Schaden zukehrt und dem Leid und das in sich und sich in es einprägt und es anblickt, und es schaut wiederum ihn an, und er plaudert mit ihm... und beide schauen sich an von Angesicht zu Angesicht? Wäre es aber so, dass er sich den sechzig Mark zukehrte, die er noch hat... und sich in die sechzig versenkte und die von Antlitz zu Antlitz anschaute und mit ihnen plauderte, so würde er sicherlich getröstet" (106,27ff).
Lebensmeditation:
Ich mache mir einen konkreten Verlust deutlich, an dem ich leide oder gelitten habe - und schaue bewusst auf das, was mir geblieben ist und "plaudere mit ihm", danke dafür...
Biblischer Hintergrund:
Jesus weint über Jerusalem - und geht weiter (Lk 19,41-48).
Wiederholungsgebet:
- Mein Gott, der mich bittet, loszulassen, was mir versagt ist, um mich an dem freuen zu können, was mir geschenkt ist -
Kontemplation
"Danke" - "für"...
Vollständiger Text:
"Wenn du im Leid und Ungemach bist, so gedenke des Guten und des Gemachs, das du noch hast und behältst" (107,12ff).

[weiter] [zurück zum Anfang] [Gesamtinhalt] [Inhalt Woche 8]
[zur Autobahnkirche]