7.6. Wo ich mein Leiden aus deiner Hand annehme, ändert es seine Qualität

Hinführung:

"Not lehrt beten" und "Not lehrt fluchen": Diese beiden Sprichwörter sagen Entgegengesetztes aus. Jeder von uns kennt wohl alte Menschen, welche verhärtet und verbittert sind, und andere, welche ihr Alter gütig und weit gemacht hat. Worin liegt dieser Unterschied? Ich glaube, er liegt nicht zuletzt darin, wie diese Menschen jeweils in ihrem Leben mit Not und Schmerz umgegangen sind: Ob sie an einen Sinn darin glauben konnten oder ob diese Strecken für sie absolute Sinnlosigkeit und Absurdität beinhalteten. Der Psychologe Viktor Frankl hat bei seinen Erfahrungen im KZ erlebt, wie Menschen, die trotz dieser Hölle an einen Sinn glauben konnten, dort noch Überlebenschancen hatten, wo ein Überleben eigentlich menschenunmöglich war. Und andere gaben auf, wo sie noch längst nicht hätten aufgeben müssen.

Nur aus dem Glauben heraus, dass Gottes Liebe immer größer ist als menschliches Verstehen, dass Gott es gut mit uns meint, auch wenn wir keinen Weg mehr sehen, konnten unsere Vorfahren solche Verse dichten wie: "Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen Gute Nacht. Las fahren, was das Herze betrübt und traurig macht. Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll; Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl." Das dichtete Paul Gerhardt im Dreißigjährigen Krieg. Wenn es stimmt, was Meister Eckehart von Augustinus zitiert, dass der liebende Mensch mehr dort lebt, wo er liebt, als da, wo er ist, dann verhilft solche Liebe wahrhaft zu einer kopernikanischen Wende unseres Blickwinkels: Dann sehe ich mehr auf die Liebe dessen, der gibt, als auf die Gabe, die er gibt. Und dieser Blick verwandelt mein Leiden in seiner Qualität.

Meditationswort:
"Was immer zu Gott kommt, das wird verwandelt" (167,24f).
Bildhafte Hinführung:
Ich erinnere mich häufig an eine Schlüsselerfahrung meines Lebens, die ich vor dreißig Jahren machte: Seit Monaten schon befand ich mich in einem unerträglichen Zustand, in einer inneren und äußeren Krise, die sich leiblich in einem Magengeschwür manifestierte. Auf dem Weg zum Arzt ging mir ein Gedanke durch den Kopf: Die Arzneien, die dir der Arzt geben wird, die wirst du nehmen. Wenn nun dein augenblicklicher Zustand auch solch eine "Arznei" aus Gottes Hand für dich wäre - weshalb nimmst du ihn dann nicht an?... Das war der Wendepunkt: Mein Schmerz hatte seine Qualität verändert... ich wurde wieder gesund...
Biblische Grundlage:
"Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen" (Röm 8,28).
Wiederholungsgebet:
- Mein Gott, der mir seine neue Perspektive schenken möge -
Kontemplation:
Ich versuche, den Schmerz "zu durchbrechen": ich schaue auf die Liebe dessen, der gibt, statt auf die Gabe dessen, der liebt... (im Jetzt oder in der Vergangenheit): "Von Dir"...
Weitere Textstelle:
"Leidest du um deiner selbst willen, in welcher Weise es immer sei, so tut dir dies Leiden weh und ist dir schwer zu ertragen. Leidest du aber um Gott und um Gottes willen allein, so tut dir dieses Leiden nicht weh und ist dir auch nicht schwer, denn Gott trägt die Last" (162,27ff).

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