7.2. Wo ich mein Leiden aus deiner Hand annehme,
kann es mir zeigen, woran ich mein Herz in falscher Weise gehängt habe

Hinführung:
Immer wieder erlebe ich in seelsorgerlichen Gesprächen, dass Menschen Lebensfragen ansprechen, die in sich unlösbar zu sein scheinen. Ein paar Mal habe ich dann nach einiger Zeit vorgeschlagen: Überlegen Sie doch einmal, weshalb Sie diese Situation so unerhört hart trifft? Könnten Sie sich vorstellen, dass ein anderer das gleiche erleben würde, ohne sich davon so tief betreffen zu lassen? - Die Antwort war fast immer ein spontanes "Ja - das ist möglich". Und damit waren wir dort, wo das Gespräch auf einer neuen Ebene beginnen konnte: Statt bei den Umständen, die meistens doch nicht zu ändern sind - waren wir bei der Reaktion des Menschen auf diese Umstände.
"Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott", sagt Luther im Großen Katechismus. Wir sagten es schon: Oft erkenne ich eine falsche, vielleicht gefährliche Bindung an etwas, was Gottes Stelle in meinem Herzen einnimmt, erst dann, wenn es mir genommen wird. Erst die Tiefe meiner Emotionen und meines Schmerzes öffnet mir die Augen für die Tiefe meiner "Ego-Bindung". Nun kann mir ja - wie schon oft gesagt wurde - in allen "Dingen" auch immer Gott selbst begegnen, wo ich die "Dinge" durchbreche. Ich kann ihn in Menschen und Ereignissen ergreifen. Aber gerade dort, wo mir etwas für Gott transparent geworden ist, ist die Gefahr besonders groß, mein Herz an die Gabe, statt an den Geber zu hängen, ohne es selbst zu merken. Wenn Gott mir dann das nimmt, woran ich mein Herz am meisten gehängt habe, will er damit wieder den innersten Raum in mir öffnen, dass er sei "alles in allem" (1 Kor 15,28).
Meditationswort:
"Alles Leid kommt mir aus Liebe zu dem, was mir der Schaden genommen hat" (106,1f).
Bildhafte Hinführung:
Asiatisches Sprichwort: "Die kleine Hand vor Augen verdeckt die große Sonne."
Biblische Grundlage:
"Die Götzen der Völker... sind ein Machwerk von Menschenhand, sie haben Augen und sehen nicht, ...Ohren und hören nicht, eine Nase und riechen nicht... Die sie gemacht haben, sollen ihrem Machwerk gleichen" (Ps 115,4ff).
Das ist die entscheidende Gefahr, wenn wir in unseren Herzen etwas Geschaffenem die Stelle Gottes einräumen: Wir gleichen uns früher oder später dem an, dem wir unser Herz schenken - und verlieren somit das eigentliche Leben.
Wiederholungsgebet:
- Mein Gott, der mir zeigen möge, was meine Freiheit behindert -
Kontemplation:
"In dir" - "habe ich alles"...
Vollständiger Text - Weitere Textstelle:
"Nun sage ich weiter, dass alles Leid aus der Liebe zu dem kommt, was dir der Schaden genommen hat" (106,1ff).

"Was unter mir ist, das drückt mich nicht. Wenn ich rein nur nach Gott strebte, so dass nichts über mir wäre als Gott, so wäre mir nichts schwer und würde ich nicht so schnell betrübt" (209,5ff).


[weiter] [zurück zum Anfang] [Gesamtinhalt] [Inhalt Woche 7]
[zur Autobahnkirche