5.4. Wo ich meine Ich-Bindung an bestimmte Situationen meines Lebens loslasse, kann ich üben, Dir, meinem Gott, in allem, was geschieht, zu begegnen
Hinführung:
Ein Teilnehmer einer Retraite bei einem anglikanischen Ordensmann erzählte mir nach Jahren, welche Meditation ihn damals am tiefsten beeindruckt hatte: Beim Meditieren der unvorhergesehenen "Biegungen" und "Ecken" auf seinem Lebensweg, die er früher als sehr schmerzhaft erfahren hatte, sei ihm erschreckend klar geworden: Was wäre aus seinem Leben geworden, wenn es diese Ecken nicht gegeben hätte, wenn der Weg immer glatt verlaufen wäre... Nie vorher sei ihm so deutlich geworden, welche Gnade ihm Gott gerade dort erwiesen habe, wo er seinen Lebensweg nicht gerade und einlinig weitergehen durfte.

Meister Eckehart hat solche Erfahrungen im Sinn (und wir werden uns später noch tiefer damit befassen), wenn er sagt: "Ein Mensch zieht einen Weg hin oder verrichtet ein Werk... und dabei widerfährt ihm ein Schaden... Will er dann beständig denken: Wärest du einen andern Weg gezogen oder hättest du ein anderes Werk verrichtet, so wäre dir das nicht widerfahren, so bleibt er ungetröstet... Und deshalb soll er denken: Wärest du einen anderen Weg gezogen oder hättest du ein anderes Werk verrichtet oder unterlassen, so wäre dir leichtlich ein viel größerer Schaden und Kummer widerfahren" (119,3ff).

"Wer weiß, wozu es gut ist", sagte meine Mutter bei jedem Missgeschick, das uns passierte. Ich ahnte als Kind noch nicht, dass sie mich damit schon mit Meister Eckehart in Berührung brachte!

Meditationswort:
"Was immer Gott einem Menschen gibt, der sich ihm überlässt und mit allem Fleiß nur seinen Willen sucht, das ist das Beste."
Bildhafte Hinführung:
"Wollte ich einem Menschen mit allem Fleiß gefallen und wüsste ich dann für gewiss, dass ich diesem Menschen besser gefiele in einem grauen Kleide als in irgendeinem andern, wie gut es auch wäre, so gibt es drüber keinen Zweifel, dass mir dieses Kleid wohlgefälliger und lieber wäre als irgendein anderes, wär's auch noch so gut" (168,33ff).
Biblische Grundlage:
"Sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles" (Eph 5,20).
Wiederholungsgebet:
- Mein Gott, der du das Beste für mich willst -
Kontemplation:
"Danke" - "für alles"... oder: "Ja"...
Ich kann dabei einzelne Bilder des Tages an mir vorbeiziehen lassen - und in jedes dieser Bilder hinein immer wieder das "Danke" oder das "Ja" sprechen...
Vollständiger Text - Weitere Textstelle:
"Die Menschen, die sich Gott überlassen und mit allem Fleiß nur seinen Willen suchen, was immer Gott einem solchen Menschen gibt, das ist das Beste" (168,6ff).

"Ein guter Mensch kann der nicht sein, der nicht will, was Gott in jedem besonderen Falle will, denn es ist unmöglich, dass Gott irgend etwas denn Gutes wolle; und insonderheit gerade darin und dadurch, dass es Gott will, wird es und ist es notwendig gut und zugleich das Beste. Und darum lehrte unser Herr... uns...und beten wir alle Tage darum, dass Gottes Wille geschehe. Und doch, wenn Gottes Wille... geschieht, so klagen wir" (109,14ff).


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