4.5. Ich überlasse mich dir, "meinem geliebten Gott",
wo immer ich mein "Nichts" deiner Verheißung öffne

Hinführung:
Immer wieder begegnen uns bei Meister Eckehart Ausdrücke wie "Armut", "Leere", "Nichts"* und ähnliches. Wir erinnern uns vielleicht an sein Bild, er werde "schwanger vom Nichts" und in diesem Nichts werde Gott geboren.  Je länger ich diese Vorstellung meditiere, desto wichtiger wird sie mir: Aus dem "Nichts" wird Gott in mir geboren - das vergleicht Meister Eckehart mit der Schöpfung Gottes, der die Welt aus dem Nichts schuf.
Ich lasse dieses Bild einmal weiter auf mich wirken: Empfängnis bedeutet ja, dass da ein "Same" in mich eingeht, der wachsen und sich entfalten will auf "die Geburt" hin. Wenn nun in jedem "Nicht", das mir im Leben begegnet, die Möglichkeit läge, dass sich etwas so Kostbares anbahnen könnte?... Wenn jedes angenommene "Nicht", auf das ich ständig in meinem Alltag stoße, zu solch einem "Samen" werden könnte, aus dem heraus sich etwas schlechthin Neues - die "Gottesgeburt" - entwickeln könnte?... Dann könnte sich meine gesamte Betrachtungsweise ändern gegenüber allem, was ich "nicht" kann, was ich "nicht" habe, was ich "nicht"... Meister Eckehart steht mit diesem Gedanken in der Reihe aller großen Mystiker: Sie alle bezeugen aus eigener Erfahrung, wie entscheidend auf dem geistlichen Weg das innere Leerwerden ist - das Leerwerden von allem, was ein Erfülltwerden mit Gott verhindert. Wo der Mensch "zunichte" geworden ist, ist der Raum frei für Gott geworden. **
Meditationswort:
"Es ist der Kreatur eigen, dass sie aus etwas etwas mache; Gott aber ist es eigen, dass er aus nichts etwas macht."
Bildhafte Hinführung:
"Es ist ein gleichwertiger Austausch und ein gerechter Handel: So weit du ausgehst aus allen Dingen, so weit, nicht weniger und nicht mehr, geht Gott ein" (57,6ff).
Biblische Grundlage:
"Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht" (Gen/1 Mose 1,3).
Wiederholungsgebet:
- Mein Gott, der aus meinem "Nichts" etwas schaffen will -
Kontemplation:
"Wie die zarten Blumen willig sich entfalten

und der Sonne stille halten, lass mich so, still und froh,

deine Strahlen fassen, und dich wirken lassen" (EKG 128,6).

Ich öffne mein "Nichts" in dieser Weise vor Gott...
Vollständiger Text - Weitere Textstelle:
"Es ist der Kreatur eigen, dass sie aus etwas etwas mache; Gott aber ist es eigen, dass er aus nichts etwas macht. Soll daher Gott etwas in dir oder mit dir machen, so musst du vorher zu nichts geworden sein" (267,32ff).

"Es kommt nicht von Gottes Gerechtigkeit und Strenge, dass er viel heischt vom Menschen; es kommt von seiner großen Gebefreudigkeit, wenn er will, dass die Seele sich weite, auf dass sie viel empfangen und er ihr viel geben könne" (326,24ff).

"Sollst du göttliche Freude und Gott aufnehmen, so musst du notwendig die Kreaturen ausgießen. Sankt Augustinus sagt: 'Gieß aus, auf dass du erfüllt werdest'"(114,27ff).


* "Nicht" und "nichts" wird bei Meister Eckehart sowohl im positiven Sinn - wie es hier genommen wird - gebraucht als auch im negativen Sinne: Alles, was nicht Gott ist, ist ein reines "Nichts".

** Beachte dazu "Bedingungen, die echte Gerlassenheit möglich machen" in Woche 4:_Einleitung!


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