3.6. Weil deine Liebe mich meint, willst du mich durch die "Gottesgeburt" zieren und vollenden
Hinführung:
Das Bild, das menschlich am meisten davon aussagt, wie ein Mensch in eine Gabe sich selbst hineingeben kann, ist die Geburt eines Kindes: Die Mutter schenkt sich selbst in dieses Kind hinein, sie gibt ihm nicht nur irgend etwas Äußerliches. Meister Eckehart gebraucht das Bild von der Gottesgeburt im Menschen, um die tiefste Sehnsucht Gottes darzustellen: dass er sich selbst mit seinem ganzen Sein mir schenken will. Alle anderen Gaben, die er gibt, zielen auf diese Gabe hin: die Gottesgeburt.

Das Wort Jesu: "Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist" (Mt 5,48), ist ja nicht im Sinne einer moralischen Vollkommenheit gemeint, sondern im Sinne dessen, dass es unsere Aufgabe ist, uns Gott immer mehr anzugleichen. Das aber kann nicht von außen her geschehen, etwa durch Appelle an den guten Willen, sondern nur durch ein Wachsen und Reifen von innen her - durch das Wirken Gottes in uns selbst. Wo wir dem aber Raum geben, da darf man schon sinnvollerweise davon sprechen, dass Gott in uns geboren werden kann - und dass sich in der "Gottesgeburt" die tiefste Möglichkeit eines Menschen verwirklicht. * Das Bild besagt, dass sich da eines Tages so etwas wie "ein qualitativer Sprung" in unserem geistlichen Leben ereignen kann - dass in dieser Geburt etwas Neues, Lebendiges entsteht - und dass dieses "Kind" nichts weniger ist als Gott selbst, der im Menschen in einer neuen Weise Gestalt gewinnt: In dieser Geburt wird der Mensch geboren, "um den es recht steht". Für ihn trifft alles zu, was Meister Eckehart über die Möglichkeiten eines Menschen sagt. Doch vollzieht sich auch diese Geburt nur unter Schmerzen!

Meditationswort:
"Der Mensch muß durch diese Gottesgeburt geziert und vollendet werden" (vgl. 425,19f).
Symbolmeditation:
- Ich meditiere die Geburt als Symbol des Zum - Leben - Kommens Gottes in mir: Zuerst die Schwangerschaft mit ihren Belastungen, dann die Geburt mit ihren natürlichen Schmerzen: Was ist es um eine Geburt? Was bedeutet es für mich, wenn "Gott in mir geboren werden will"?...
- Mögliche Varianten:
"Es deuchte (einmal) einem Menschen wie in einem Traume - es war ein Wachtraum -, er würde schwanger vom Nichts wie eine Frau mit einem Kinde, und in diesem Nichts ward Gott geboren" (332,8ff).**

Ich versuche, mich als "schwanger" von Gott zu fühlen - und erlebe in Ehrfurcht das Geheimnis: der "Same Gottes" will in mir wachsen und reifen auf seine "Geburt" zu...

Biblische Grundlage:
Ich meditiere das Kind in der Krippe in seiner Beziehung zu mir: Die Heilsgeschichte in mir, die mit der "Geburt Gottes" beginnt...
Wiederholungsgebet:
- Mein Gott, der du in mir geboren werden möchtest -
Kontemplation:
"Christus ist uns geboren" (ausatmen) - (Pause) - "kommt, wir beten ihn an" (einatmen). ***
Weitere Textstellen:
"Was hilft es mir, dass diese Geburt immerfort geschehe und doch nicht in mir geschieht? Daß sie aber in mir geschehe, daran ist alles gelegen" (415,6ff).

"Wahrlich, was an Vollkommenheit in die Seele kommen soll,...das alles muß notwendig mit dieser Geburt in die Seele kommen und in keiner Weise sonst... Versäumst du dies, so versäumst du alles Gute und alle Seligkeit" (425,22ff).



* Die "Heilsgeschichte in mir" beginnt wahrhaft mit dieser Gottesgeburt, in welcher der Sohn in mir geboren wird und ich als Sohn Gottes neugeboren werde - und sie mündet ein in das "Mitleiden", "Mitsterben" mit Christus und in das neue Leben mit ihm.

** Diese Stelle ist mir auch deshalb so wichtig, weil sie uns als eine der wenigen Stellen ein wenig Einblick in das persönliche Gebetsleben Meister Eckeharts gewährt: was muss in einem Menschen vorgehen, dessen innerstes Anliegen sich in solch einem ungesuchten Bilde plötzlich darstellt!?.

*** Die Antiphonen der Festtage eignen sich oft gut als kurze Worte, die in die Kontemplation führen...


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