Woche 2:
Mein Gott, wer bist Du für mich?
- Mein Gottesbild -

Einführung in die zweite Übungswoche
Überblick:

Das Bild und die Wirklichkeit
Mein Gottesbild
Vorübung zur zweiten Übungswoche

Das Bild und die Wirklichkeit

Wir sprachen schon davon, dass Meister Eckehart uns nicht nur eine Reihe von Dias von der Hochgebirgswelt anschauen läßt, sondern dass er sich als "Bergführer" bereit erklärt, uns selbst in die Hochgebirgswelt hinein zu begleiten. Wir sollen die Berge selbst in ihrer Macht und Schönheit erleben. Nie vergesse ich den Augenblick, als wir nach einer nebligen Fahrt aus dem Auto stiegen - und unmittelbar erhob sich vor uns die Gebirgskette der Hohen Tatra mit ihren Schneegipfeln vor einem strahlendblauen Himmel. Die Intensität dieses Erlebens hätte kein Bild hervorrufen können!

Mein Gottesbild
Immer übersteigt die Wirklichkeit jedes Bild: Nur ein Hinweis kann das Symbolbild des Hochgebirges sein für das, was den Menschen als Ziel seines geistlichen Weges erwartet. Und das nicht erst in einem jenseitigen Leben nach dem Tod, sondern bereits hier und jetzt: nämlich Gott selbst in seiner ganzen unbegreiflichen Güte, Liebe, Wahrheit und Barmherzigkeit zu erleben. Meister Eckehart zitiert einen Meister, wenn er seine eigene Meinung darüber sagt: "Wer (nur) einmal von der Wahrheit und von der Gerechtigkeit und von der Gutheit (d.h. von Gott selbst) berührt wird, der könne sich niemals mehr nur einen Augenblick davon abkehren, und hinge auch alle Pein der Hölle daran" (384,20ff). So kann das sein, wenn man Gott unmittelbar erlebt!

Dem aber stehen viele Hindernisse entgegen. Eines der wichtigsten spricht Meister Eckehart immer wieder an: Das Bild, das ich mir von Gott mache, verdeckt mir den Blick auf Gott, wie er wahrhaft ist. Wie aber ist Gott wirklich? Eigentlich kann man davon nur in negativen Aussagen sprechen: Weder höchster Verstand noch lebendigste Phantasie eines Menschen können Gott wahrhaft erkennen oder gar in Wort oder Bild aussprechen. So kann Meister Eckehart Augustinus zitieren, der sagt: "Was man von Gott aussagt, das ist nicht wahr; was man aber von ihm nicht aussagt, das ist wahr. Wovon immer man sagt, dass Gott es sei, das ist er nicht; was man nicht von ihm aussagt, das ist er eigentlicher als das, was man von ihm sagt, dass er es sei" (242,36ff).

Doch das bedeutet nicht, dass wir in ständiger Unwissenheit über Gott bleiben müßten: denn er hat in den Kreaturen seine "Fußstapfen" zurückgelassen, sein Wort bezeugt ihn, welches niemals täuscht - und nicht zuletzt erwirbt sich der Mensch aus "Liebe und vertraulichem Umgang, den er mit seinem Gott hat"  eine Gewißheit, welche nicht trügen kann. Denn in dem Maße, wie der Mensch Gott liebt, gleicht er sich diesem an - und aus dieser Gleichheit wächst eine neue Form des Verstehens (vgl. Woche 1, Tag 2), die Verstand und Phantasie übersteigt.


Vorübung zur zweiten Übungswoche
Ich kann mich - ehe ich mich auf Meister Eckehart einlasse - zuerst einmal selbst der Frage stellen: Mein Gott, wer bist du für mich? Das könnte in Form einer Metaphermeditation geschehen: "Mein Gott, du bist für mich wie..." - und dann warte ich, welches Bild mir unmittelbar einfällt...

So darf ich in dieser zweiten Woche dem in mir Raum geben, was sich von der "Hochgebirgswelt" angezogen fühlt, darf mich "der Anziehungskraft des Zieles aussetzen". Zu "Höhen" und "Gipfeln" führt uns Meister Eckehart in dieser Woche täglich. Vermutlich kann nicht jeder von uns mit jedem dieser Ziele etwas anfangen. Aber es wird wohl auch niemanden geben, der von keinem dieser "Gipfel" überhaupt angesprochen wird. Ein jeder achte auf das, was ihm hilfreich ist!


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