1.6. Du willst dich von mir finden lassen, wenn ich nicht irgend etwas durch dich, sondern dich allein suche
Hinführung:
Es ist ein Grundanliegen Meister Eckeharts, dass der Mensch Gott wirklich Gott sein lasse: "Nun denn, lieber Mensch, was schadet es dir, wenn du Gott vergönnst, dass Gott Gott in dir sei?" (181,3ff), fragt er in einer seiner Predigten. Immer geht es ihm wesentlich darum, dass ich Gott nicht als Mittel zum Zweck benutze, dass ich Gott nicht gebrauche, um irgend etwas - was es auch sei - für mich selbst zu wollen, denn dann "gebrauchte" ich Gott wie eine Kerze, welche man benutzt, um etwas damit zu suchen - und wenn man das Gesuchte gefunden hat, wirft man die Kerze weg! Wir sollen uns nicht wundern, meint Meister Eckehart, wenn sich Gott unter solchen Vorzeichen nicht von uns finden läßt! Wer von uns wäre ganz davon frei, in seinen Gebeten Gott für sich benutzen zu wollen? Welcher Unterschied, ob ich eine schwierige Situation als Möglichkeit sehe, Gott darin zu begegnen, oder ob mein einziger Wunsch ist, Gott möge mich daraus befreien! Hier sieht Meister Eckehart eine entscheidende Weichenstellung unseres geistlichen Lebens: Geht es mir wirklich um Gott oder eigentlich doch nur um mich? Eine Freundin sagte es mir einmal in einem Bild: "Wenn du jemanden wirklich liebst, kannst du nicht ihn lieben und seinen Wartburg!" Ich werde auch nichts verpassen, wenn ich allein Gott suche, denn "mit Gott kann man nichts versäumen" (92,25). Das ist darin begründet, dass derjenige, welcher Gott hat, zugleich mit ihm und in ihm alle Dinge findet.
Meditationswort:
"Wenn du Gott hast, so hast du mit Gott alle Dinge" (338,23).
Bildhafte Hinführung:
"Wisse, wenn immer du irgendwie das Deine suchst, so findest du Gott nimmer, weil du nicht Gott ausschließlich suchst. Du suchst etwas mit Gott und tust gerade so, wie wenn du aus Gott eine Kerze machtest, auf dass man etwas damit suche; und wenn man die Dinge findet, die man sucht, so wirft man die Kerze hinweg. Ganz so tust du: Was immer du mit Gott suchst, das ist nichts, was es auch sei, sei's Nutzen oder Lohn oder Innerlichkeit oder was es auch sei..." (171,36ff).
Biblische Grundlage:
"Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen" (Mt 4,10).
Wiederholungsgebet:
- Vater, der du dir die erste Stelle in meinem Leben wünschst -
Kontemplation:
Ich suche in mir den Ort, wo niemand Zugang hat als Gott allein, und lasse aus dieser Quelle alles in mich hineinströmen, wonach ich mich sehne: "Du allein" - "genügst" (Teresa von Avila).
Weitere Textstelle:
"Wie kann es dem Menschen an Gottes äußeren oder inneren Gaben genügen, wenn es ihm an Gott selbst nicht genügt? ... Darum sagt das Buch der Weisheit: 'Mit Gott, der ewigen Weisheit, sind mir miteins alle Güter zusammen zugekommen' (Weish 7,11)".

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