1.5. Du willst dich von mir finden lassen, wenn ich dich nicht irgendwann, irgendwo oder irgendwie suche, sondern mich dir öffne im "Jetzt", "Hier" und "So".
Hinführung:
Ich erlebte es schon mehrfach: Wenn ich mich mit jemandem unterhielt - und das Gespräch blieb nicht an der Oberfläche, sondern erreichte wirkliche Tiefe, konnte ich mit meinen Gedanken nicht mehr sonstwo sein, sondern stellte mich spontan ganz auf meinen Gesprächspartner ein. Oft merkte ich erst hinterher, dass ich meine Arbeit, die ich gerade tat, völlig vergessen hatte. Wirkliches "Dasein" - nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich - ist Voraussetzung für jede echte menschliche Begegnung. Das gleiche gilt auch für unsere Begegnungsmöglichkeiten mit Gott im Gebet - und mitten im Alltag. Meister Eckehart betont in immer neuen Versuchen die Wichtigkeit, Gott im "Nun", im gegenwärtigen Augenblick zu finden, anders ist es überhaupt nicht möglich - ebenso nur dort, wo ich gerade bin, im "Hier" - und auch nur in dem Zustand, in dem ich mich in diesem Augenblick vorfinde: im "So". Nur der jetzige Augenblick gehört mir wirklich - auch in meinem geistlichen Leben. Jedes "wenn - dann" ist gefährlich! Wir werden dies später - im Zusammenhang mit der "Gelassenheit" - noch ausführlicher kennenlernen. Aber es ist eine Voraussetzung für alles weitere Üben, darum soll es in dieser ersten Woche schon im Blick sein.
Meditationswort:
"Wie Gott dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist" (72,14ff).
Leibgebundene Meditation:
Der Mensch lebt, indem er atmet. Sein irdisches Leben beginnt mit dem ersten und endet mit seinem letzten Atemzug. Ich kann weder auf Vorrat für die Zukunft atmen, noch mir Atem aus einem Speicher der Vergangenheit hervorholen. Mein Atem zeigt mir: Ich lebe nur in der Gegenwart. Atem ist Leben, und zwar nur im "Jetzt", im "Hier", im "So". Ich meditiere meinen Atem...
Biblische Grundlage:
Paulus schreibt: "Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils" (2 Kor 16,2).
Wiederholungsgebet:
- Vater, der du mich so nehmen willst, wie ich jetzt bin -
Kontemplation:
Ich mache mir zu Beginn meines kontemplativen Betens deutlich, dass ich Gott nirgends besser finden kann als in diesem Augenblick, an diesem Ort und in meinem augenblicklichen Zustand vor Gott... und bitte darum, dass es geschehe...

Ich bleibe etwa 10 Minuten bei dem einen Wort "Du" und atme es in meine Mitte hinein: "Du" (ausatmen) - (Pause, bis der Atem wieder kommt) - "nun" oder "jetzt" (einatmen) - das gleiche dann wieder etwa 10 Minuten mit "hier" und schließlich ebenso mit "so" (so, wie ich mich jetzt fühle und vorfinde - und mich Gott hinhalte).

Vollständiger Text - Weitere Textstelle:
"Der Mensch soll Gott in allen Dingen ergreifen und soll sein Gemüt daran gewöhnen, Gott allzeit gegenwärtig zu haben im Gemüt und im Streben und in der Liebe" (59,21ff).

"Gott ist ein Gott der Gegenwart. Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist" (72,14ff).


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