Einführung in den Gesamtkurs
Überblick:
1. Was war der Anlaß für diesen Kurs?
2. Worauf läßt sich ein Teilnehmer dieses Kurses ein?
   a) Aufbau und Inhalt des Kurses
   b) Geistliche Väter und Lehrer dieses Kurses
   c) Innere Dynamik des geistlichen Weges
3. Welche Voraussetzungen werden von einem Teilnehmer dieses Kurses erwartet?
4. Was muß ich bei den Übungen dieses Kursangebotes beachten?
5. Welche seelsorgerischen Möglichkeiten eröffnet dieses Kursangebot?
   a) Suche nach einem eigenen Seelsorger
   b) Suche nach einer geistlichen Basisgruppe
   c) Suche nach neuen seelsorgerischen Möglichkeiten

1. Was war der Anlaß für diesen Kurs?
Der Kurs zur Vertiefung des geistlichen Lebens im Alltag entstand nicht von heute auf morgen. Während vieler Jahre begegneten mir bei Meditationskursen, Retraiten und Exerzitien Menschen, die nach einer Vertiefung ihres geistlichen Lebens suchten. Hieraus ergaben sich Fragen, die nach einer Lösung drängten - drei Fragekomplexe waren es vor allem, die sich in den Vordergrund schoben und letztlich zum Angebot dieses Kurses führten:

 a) Die Mehrzahl der Teilnehmer von Einkehrtagen bezeugt dankbar, welche Tiefe und Bereicherung sie für ihr geistliches Leben durch diese Kurse erfährt. Ihr Problem liegt darin, wie sie den punktuellen Vollzug solcher Tage in ihr alltägliches Leben integrieren könnten. Häufig ist der Kurs für sie ein Anstoß dazu, ihre tägliche Gebetszeit neu zu intensivieren - doch erleben sie meistens schon nach wenigen Wochen, wie der Alltag diesen abgeschirmten Raum der Gebetszeit wieder überflutet. So melden sie sich spätestens nach einem Jahr zu einem neuen Kurs an, um die verlorene innere Kraft wieder auffrischen zu lassen. Und trotzdem spüren sie, daß sie eigentlich viel mehr brauchten als jährlich nur einmal drei Tage solchen Lebens. Wie war da zu helfen?

b) Ein weiterer Anlaß zu diesem Angebot lag für mich darin, daß ich im Rahmen einer Weiterbildung für Exerzitien- und Retraitenleiter Einzelexerzitien nach der ignatianischen Form kennenlernte. Hier eröffnete sich für mich einer der fruchtbarsten Wege, die ein Mensch in seinem geistlichen Leben gehen kann. In solchen Tagen können Dinge geschehen, die von innen her das Leben umgreifend verändern und eine Wirkung zeigen, die nicht schon nach wenigen Wochen wieder verblaßt: „Eigentlich müßte jeder Christ in seinem Leben wenigstens einmal solche Einzelexerzitien machen.“ - „Jeder Theologiestudent müßte dazu die Möglichkeit haben.“ Solche und ähnliche Äußerungen fallen im Nachgespräch, und zwar von evangelischen Teilnehmern.
Wie aber sollte man solche Wünsche auch nur für einen etwas größeren Teilnehmerkreis realisieren, bei dem hohen Aufwand an Zeit und Kraft für den Begleiter und bei den wenigen Begleitern, die es gibt? Was für Möglichkeiten gab es, solch einen Weg - wenigstens im Kleinstformat - einem weiteren Kreis von Menschen anzubieten?

c) Schließlich ergab sich noch ein Anstoß zu diesem Versuch aus der häufig an mich gerichtete Frage, ob ich nicht andere Menschen wisse, die zur Meditation und zum geistlichen Leben anleiten könnten. Weshalb konnte ich hier so wenig nennen? Methodische Mittel kann man sich durch Theorie und Praxis aneignen. Doch die Grundlage geistlichen Lebens ist nicht eine bestimmte erlernbare Methode. Wer Meditationsübungen als Hilfe für das Gebetsleben und für das innere, geistliche Wachstum des Menschen anbieten will, muß eigene geistliche Erfahrungen kennen, er muß sie reflektiert und in das Gesamtgefüge seines geistlichen Weges eingeordnet haben - wenigstens anfangsweise; denn geistliches Leben hat eine tiefe innere Dynamik, die ich nicht durch Bücher kennenlerne, sondern durch eigenes Erleben. Erst mit dieser Voraussetzung werde ich auch die Bücher verstehen, die davon sprechen. Daraus ergab sich die dringende Frage: Was steht in unseren Möglichkeiten, andere Menschen zu eigenen geistlichen Erfahrungen hinzuführen?
Aus diesen Fragen erwuchs das Angebot unseres Kurses.


2. Worauf läßt sich ein Teilnehmer dieses Kurses ein?

a) Aufbau und Inhalt des Kurses

Unter ein neutestamentliches Bild möchte ich dieses Angebot stellen: „Ihr seid (als Hausgenossen Gottes) auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlußstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut“ (Eph 2,19b-22). Daraus ergibt sich für uns: „Laßt euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen.“ (1 Petr 2,5).

„Sei, was du bist“ - diese Aufforderung durchzieht das Neue Testament. Darum geht es hier: alles zu tun, damit wir zu diesem geistigen Tempel Gottes erbaut werden können, in welchem der dreieinige Gott in uns und durch uns Wirklichkeit werden kann in dieser Welt. Wir müssen dabei tun, was in unseren Kräften steht, als hinge alles von uns selbst ab. Doch werden wir gerade dadurch immer tiefer in die Erfahrung hineinwachsen, daß alles wahrhaft Entscheidende allein von Gott selbst gegeben werden kann.

Aus diesem Bild ergibt sich der Aufbau des Kurses:

- Im ersten Hauptteil geht es um die „Zurüstung des Baumaterials“. (In Anführungszeichen gesetzt werden in diesem Buch bewußt verwendete Bild- und Symbolworte, die der Lesende in ihrer Übertragbarkeit wahrnehmen sollte.) Es geht um die Einübung in menschlichen Grundhaltungen, die als Voraussetzungen für ein geistliches Leben unersetzbar sind. Es sind dies Grundhaltungen, die heute bei vielen Menschen zu verkümmern drohen.

- Der zweite Hauptteil soll für unser Leben das „Fundament“ christlichen Daseins „festigen und vertiefen“: daß sich all unser Tun gründet auf die unbegreifliche, aber wahrhaftige Liebe Gottes zu uns. Dieses Wissen soll nicht nur unseren „Kopf“, sondern auch unser „Herz“ treffen.

- Als dritter Hauptteil ergibt sich die Notwendigkeit, das „Kellergeschoß“ des Hauses auszubauen. Dieses ist ein wesentlicher Teil eines Hauses, auch wenn man ihn nicht jeden Gast zeigt. Dort liegen Vorräte, dort steht die Heizung - aber dort wird auch oft Gerümpel aufbewahrt. Vielleicht sprudelt dort sogar - wie ich es in Adorf sah - eine lebendige Quelle.

- Für den vierten Hauptteil ist damit die Voraussetzung geschaffen: Hier geht es darum, das „Haus“ meines konkreten, einmaligen Lebens seinem eigentlichen Besitzer zur Verfügung zu stellen, damit er kommen und „Wohnung beziehen“ kann (Joh 14,23). Der „Ausbau“ und „die Einrichtung des Wohngeschosses“ geschehen in innerer Abstimmung zwischen dem „Besitzer“ (Gott) und dem „Mieter“ (mir). Dieser Hauptteil umgreift nicht, wie die anderen Teile, drei. sondern fünf Übungswochen.

- Der fünfte und letzte Hauptteil schließt dann alles zusammen, indem er nach dem „Lebensstil“ fragt, der das Leben in diesem Hause bestimmt. Wem ernsthaft daran liegt, daß nicht mehr er lebt, sondern daß Christus in ihm lebt (Gal 2,20), dessen Lebensstil wird mehr und mehr von Christus her bestimmt sein. Sein Leben wird nach und nach in das Mitleben, Mitleiden und Mitsterben mit Christus einbezogen werden - aber auch in das neue Leben und in die Sendung des Herrn.



b) Geistliche Väter und Lehrer dieses Kurses
- Im jahrelangen Umgang mit alten und neuen „Meistern des geistlichen Lebens“ ist das Grundanliegen dieses Kurses gewachsen: Möglichkeiten zu suchen, um Menschen auf den Weg eines geistlichen Lebens zu führen, der nichts anderes sein kann als der Weg der Liebe. Das Kursangebot will dazu locken, sich mit seinem ganzen Leben einzulassen auf die unfaßbare Liebe Gottes - um mehr und mehr mit allen Kräften des Daseins Antwort auf diese Liebe zu geben (Mt 22,37). So sind es die großen Liebenden in der Geschichte der Kirche, die im Hintergrund dieses Buches stehen. Sie haben ihre Erfahrungen weitergegeben, damit auch andere den Mut zu einem Werg bekommen möchten, der ahnen läßt, was Jesus meint, wenn er sagt, er sei gekommen, damit wir das Leben in Überfülle haben (Joh 10,10).

- Welche Namen soll ich besonders nennen? Da ist der Meister, dessen Liebe so tief und groß war, daß er manchmal Worte stammelte, die die Kirche - dogmatisch prüfend - ablehnen mußte: Meister Eckehart. Bis heute befruchtet sein  Einfluß geistliches Leben vieler Richtungen. Da sind die großen Spanier: Teresa von Avila, diese Meisterin und einzigartige Lehrerin des Gebetes - und ihr junger Beichtvater und Freund: Johannes vom Kreuz, der so einzigartig die „dunklen Nächte“ im geistlichen Leben beschreibt und deutet. Da ist die über eintausendfünfhundert Jahre geübte und gelebte benediktinische Spiritualität: Sie gründet auf den geistlichen Erfahrungen der Wüstenväter, die bis heute dem Menschen im Umgang mit seinen Dunkelheiten wegweisend helfen können. Und sie hat uns Wesentliches zu vermitteln von ihren Erfahrungen mit dem „ora et labora“, dem „bete und arbeite“, ebenso wie sie auch den heutigen Menschen zu beschenken vermag mit dem Zentrum geistlichen Lebens im Gottesdienst und im Gotteslob des Psalmengebetes.

Weiterhin fühle ich mich in weiten Teilen dieses Buches getragen durch evangelische und katholische Theologen, die ganz neu die entscheidende Wichtigkeit der Symbole für jedes geistliche Leben und Denken wieder in den Blick rücken. Das Wissen um die Unersetzbarkeit der Symbolbilder steht im Hintergrund weiter Teile dieses Kurses. Und schließlich ist mir in der letzten Zeit das ostkirchliche Denken und Glauben  in der Begegnung mit den Ikonen entscheidend wichtig geworden.

- Besonders nennen muß ich nun allerdings hier noch den Meister der methodischen und pädagogischen Hinführung des Menschen zu eigenen geistlichen Erfahrungen: Ignatius von Loyola, den Verfasser des Exerzitienbüchleins, heute als „Geistliche Übungen“ bekannt. Am Grundaufbau des Exerzitienbuches orientiert sich auch der Aufbau dieses Kurses in seinen Grundzügen. Denn was wir heutigen Menschen so dringend zur Gesundung unseres inneren Lebens wieder brauchen, das hat Ignatius bereits vor 450 Jahren gewußt:

erstens, daß ich eigene Erfahrungen mit Gott gewöhnlich nur dann mache, wenn ich den Raum und die Zeit für diese Erfahrungen offenhalte;

zweitens, daß Erfahrungen nur dann aus kurzen Augenblickserlebnissen zu bleibenden und mich verwandelnden Erlebnissen werden, wenn ich bei dem, was mich angerührt hat, bleibe, es wiederhole und vertiefe;

drittens, daß die bleibende Verwandlungsmächtigkeit geistlicher Erlebnisse stark davon abhängt, wieweit ich mich als ganzen Menschen, also auch mit meiner leiblichen Dimension, einbringe;

viertens, daß es eine innere Dynamik des Liebesweges gibt, auf die ich mich bewußt einlassen kann. Ignatius hat diese Dynamik, die alle geistlichen Lehrer kennen, seinen „Geistlichen Übungen“ zugrunde gelegt.


- Eine Fülle von Anregungen verdanke ich auch heutigen Jesuiten, die sich um die Exerzitienarbeit bemühen, vor allem Willi Lambert , der vielfältige Wege aufgezeigt hat, wie man das Anliegen des Ignatius für den heutigen Menschen übersetzen kann.


c) Innere Dynamik des geistlichen Weges
Im lebendigen Vollzug geistlichen Lebens wird es immer wieder erfahrbar, wie stark sich die verschiedenen Kirchen und Spiritualitäten gegenseitig befruchten können. Gerade in der Begegnung der unterschiedlichen kirchlichen Traditionen sind es häufig (nicht immer!) nur Sprachverschiedenheiten, die ein Verstehen des anderen erschweren oder gar verhindern. Findet jemand die richtigen „Übersetzungs-Hilfen“, wird das Wort neu lebendig: Dient einander, ein jeder mit der Gabe die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes“ (1 Petr 4,10).

Diese Erfahrung  ökumenischer Weite weist uns auf etwas Wichtiges hin: Was in den verschiedensten geistlichen Traditionen überliefert wird, muß dort seine Wurzeln haben, wo sich noch keine Trennung im Leibe Christi vollzogen hat. Damit kommen wir zur Quelle, zu Jesus Christus selbst. Letztlich war es weder Ignatius noch ein anderer der geistlichen Lehrer, der die innere Dynamik eines geistlichen Weges erfunden hat - sie ist im Lebensweg Jesu selbst bereits vorgezeichnet:

- Sein „Fundament“ war die Erfahrung der Liebe in seiner Kindheit, die ihn später dazu veranlaßte, Gott als Vater, als „abba“ zu bezeichnen (zweiter Hauptteil).

- Sein öffentliches Wirken begann in der „Wüste“, wo er die Dunkelheiten der Versuchung kennenlernte - und wo er lernte, mit dem Versucher und seinen Taktiken umzugehen (dritter Hauptteil)

- Darauf folgte die Zeit seines Wirkens in Wort und Tat - immer orientiert an dem einzig wichtigen Willen des Vaters: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“ (Joh 4,34) (vierter Hauptteil)

- Und schließlich erfüllte sich sein Leben im Leiden und im Sterben nach dem Willen seines Vaters - und danach in der Fülle des neuen, unvergänglichen Lebens, das er zu Ostern für uns alle erschlossen hat. Diese Botschaft in die ganze Welt zu tragen ist unser aller Aufgabe (fünfter Hauptteil).
Diese Stationen des Weges Jesu liegen dem Aufbau des Kurses zugrunde.


3. Welche Voraussetzungen werden von einem Teilnehmer dieses Kurses erwartet?
a) Wer sich auf das Wagnis dieses Kursangebotes einläßt, sollte es mit einem lauteren, wahrhaftigen Herzen tun. Dabei muß er sich, so offen wie möglich, folgende Fragen stellen:
- Ist in mir eine echte Sehnsucht danach, Gott näherzukommen? Wünsche ich mir, Gott nicht nur vom Hörensagen zu kennen, sondern seiner mich umgreifenden Wirklichkeit „innezuwerden“?

- Ist in mir der Wunsch lebendig, mein Christsein nicht nur als Mitläufer mit anderen zu leben, sondern ein Stück persönliche Nachfolge Christi in meinem Leben zu versuchen?- Kann ich ehrlich und wahrhaftig darum bitten, daß mein Leben durch den Heiligen Geist Gottes mehr und mehr durchdrungen, vertieft und verwandelt wird?

- Ist mir das, wonach ich im tiefsten Herzen Sehnsucht verspüre, so wichtig, daß ich bereit bin, es mich etwas kosten zu lassen? Kann ich einen begonnenen Weg auch über Schwierigkeiten und Durststrecken hinweg fortsetzen?

Wunsch, Bitte, Sehnsucht des Herzens: das allein sind wichtige Voraussetzungen für das Wagnis. Es geht um keine Vorleistung, die ich Gott anbieten müßte - aber es geht darum, daß ich wirklich ihn suche und nicht nur meine eigene Erfüllung und Befriedigung. Sonst würde ich Gott als Mittel zum Zweck verwenden und dürfte mich nicht wundern, wenn er dieses Spiel nicht mitspielt.

b) Allerdings gibt es auch noch weitere Möglichkeiten, die einen guten Grund legen, um den hier angebotenen Weg zu gehen:

- Wer seit langem an seine regelmäßige stille Gebetszeit gewöhnt ist, wird seine Schwierigkeiten und Probleme mit der täglichen Stille kennen, aber auch schon Erfahrungen haben, wie sie zu überwinden sind.

- Wer an Meditationskursen teilgenommen hat, kennt schon eigene Wege und Möglichkeiten, um in die Tiefe und die Stille zu gelangen. Er wird freier als andere mit dem hier angebotenen Material umgehen können.

- Wer geübt hat, sich selbst zu hinterfragen und von anderen hinterfragen zu lassen, wird eine größere Freiheit in Umgang mit seinen eigenen Dunkelheiten haben als ein anderer. Er kann ihnen leichter und offener begegnen.

Man könnte noch manches zufügen. An diesen Beispielen soll eines deutlich werden: Ein jeder, der sich ernsthaft auf solch einen Weg einläßt, bringt dazu - in dieser oder jener Form - bereits seine eigenen, unersetzlichen Voraussetzungen mit. Und er kann und wird sie einbringen, in dem Maße, in dem er sich selbst einbringt.

Dieser Kurs will dazu helfen, daß ich es immer neu übe, auf die zarten und leisen Impulse zu lauschen, die von Gott her mein Leben berühren und ausrichten möchten. So wirkt der Heilige Geist in mir als der „innere Meister“. In solchem inneren Lauschen kann ich mein Leben mehr und mehr auf die Pläne Gottes mit mir und der Welt, auf seinen Liebeswillen abstimmen - und damit gleichzeitig auf meine eigene tiefste Lebenserfüllung. Dann kann er mich wahrhaft gebrauchen zum Dienst an dieser Welt, für diese Welt.


4. Was muß ich bei den Übungen dieses Kursangebotes beachten?
a) Wesentliche, unersetzbare Mitte eines geistlichen Weges ist die tägliche Zeit der Stille vor Gott. Deshalb sind die Übungen für die tägliche Gebetszeit der Kern dieses Kursangebotes, nicht die Einführungen und Hinführungen. Prinzipiell ist es natürlich möglich, zuerst einmal die Einführungen im Zusammenhang zu lesen, um sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen - doch erst wer sich auf die Übungen selbst einläßt, ist beim eigentlichen Anliegen angelangt. Was durch dieses Angebot geschehen soll, kann nicht „von außen“ her gelernt werden, sondern es will „von innen“ her erfahren werden. Das aber geschieht nur durch eigenes, regelmäßiges Üben in einem betenden Vor-Gott-Verweilen: Nichts anderes meint christliches Meditieren.

b) Für dieses meditierende Beten werden jeweils Stoffe (biblische Texte, andere Texte und Bilder) angeboten, die dazu helfen sollen, den Impuls, den das Thema des jeweiligen Tages gibt, in meiner eigenen Weise aufzunehmen, so wie es für mich richtig und wichtig ist. Dabei gliedert sich jeder große Hauptteil in drei (bzw. fünf) Unterthemen. Sie bieten den Übungsstoff an für eine Übungswoche. Für jede dieser Wochen werden dann wieder sechs verschiedene Meditationsinhalte vorgeschlagen, die das Hauptthema der Woche für die einzelnen Tage auffächern. Dabei bleibt der siebente Tag bewußt frei von neuem Stoffangebot, damit hier die Möglichkeit besteht, zu wiederholen und zu vertiefen, was den einzelnen persönlich besonders angerührt hat - oder um überhaupt ohne jeden vorgegebenen Stoff im Gebet zu verweilen, darauf wartend, was „kommt“.

c) Nun ist zu beachten, daß diese Übungs“wochen“ nicht pedantisch als festliegende Zeiteinheiten zu sehen sind. Wäre das so, müßten sie unter Leistungsdruck erfüllt werden. Jedes Leistungsdenken aber wäre der Tod echten Meditierens. Meditation will frei schwingen und sich entfalten können. Wer es mehr und mehr lernt, auf die Stimme des „inneren Meisters“, des Heiligen Geistes in sich selbst zu horchen, der wird bald spüren, was seinen eigenen Bedürfnissen angemessen ist: ob er etwa eine „Woche“ verlängern oder eine andere verkürzen sollte. Auf manche Themen kann man ja auch später wieder zurückkommen, wenn es sich von der Lebenssituation her nahelegt.

d) Die mehr oder weniger ausführlichen Einführungen und Hinführungen zu den einzelnen Haupt- und Unterthemen sind freie Angebote: Mancher ist dankbar für eine hilfreiche Wegweisung, einem anderen ist jedes Wort zuviel, das zu den Übungsstoffen gesagt wird. Hier möge sich ein jeder die innere Freiheit nehmen, so vorzugehen, wie es für ihn am sinnvollsten ist. Wer Einführungen als Gängelband empfindet, soll sich getrost davon befreien und sich selbst auf den Weg begeben. Wem es hilft, sich ein wenig führen zu lassen, der soll es in der gleichen Freiheit tun. Doch ist es sicher besser, wenn man die Einführungen nicht erst während der Gebetszeit, sondern möglichst schon am Abend vorher liest. Das gibt einen größeren Freiraum für das eigene innere Geschehen. Und das ist das Entscheidende.

e) Das Bildangebot muß sich auf wenige Bilder beschränken. Gewöhnlich ist es so, daß mich ein Bild um so mehr „anspricht“, je länger ich mich ihm verweilend und meditierend aussetze. Oft enthüllt es erst nach langem Warten etwas, das ich beim ersten Hinschauen nicht vermutet hätte. Wenn ich mehrmals erlebt habe, wie Bilder beim Meditieren zu mir zu „sprechen“ beginnen, dann werde ich auch aufmerksam dafür, neue Bilder für mich als Meditationsstoff zu entdecken. So können sich jahrelang auf dem Bücherregal verstaubte Bildbände plötzlich als wertvolle Schätze für mein geistliches Leben enthüllen.


5. Welche seelsorgerlichen Möglichkeiten eröffnet dieses Kursangebot?

a) Suche nach einem eigenen Seelsorger

Wer sich ernsthaft auf den Weg dieses Kurses einläßt, wird vielleicht bald spüren, daß er sich einen Menschen wünscht, mit dem er über beglückende Erfahrungen oder auftauchende Fragen sprechen möchte. (Bei ignatianischen Einzelexerzitien spricht der Exorbitant täglich mit seinem Begleiter.)

- Nun findet mancher sehr bald einen Menschen, dem er sich anvertrauen kann, sobald er ernsthaft nach ihm sucht und die innere Hemmschwelle überwindet, die ihn hindern möchte, über innere Dinge zu sprechen. Denn oft ist es nur mein Stolz, der mich nicht zu einem anderen gehen und von ihm Hilfe erwarten läßt: „Was kann der mir schon sagen?“

- Allerdings erleben es auch viele Menschen, daß sie lange Zeit, vielleicht über Jahre hin, den ersehnten Seelsorger nicht finden können. Wir sollten darum bitten und zugleich wissen, daß es ein großes Geschenk ist, wenn uns diese Bitte erfüllt wird. Vielleicht läßt Gott auch einen Menschen lange in dieser Weise suchen und sich sehnen, weil er es sich selbst vorbehält, den Menschen durch seinen Heiligen Geist Schritt um Schritt zu führen: „Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen“ (Ps 23,3).

- Noch ein weiterer Gesichtspunkt muß an dieser Stelle in den Blick kommen: Wer psychisch labil ist, sollte sich von dem Angebot dieses Kurses nicht sogleich die Lösung aller seiner Probleme erhoffen. Für ihn ist es in besonderer Weise wichtig, sich nach einem guten Begleiter umzusehen. Findet er einen solchen nicht, aus welchen Gründen auch immer, dann sollte er selbst sehr wach sein für seine inneren Vorgänge. Er prüfe sie, ob sich da etwas Gutes oder Ungutes anbahnt. Alle angebotenen Übungen sollen Hilfe sein. „Wenn ‘Hilfen’ keine Hilfen sind, werfen Sie sie weg“, sagt Willi Lambert. Das gilt für alle Angebote und für jeden, der sich an diesem Kursangebot beteiligt.

b) Suche nach einer geistlichen Basisgruppe
Wegbegleiter auf einem geistlichen Weg kann auch eine kleine Gruppe sein. Vielleicht könnte dieser Kurs ein Anlaß dazu werden, daß sich an der einen oder der anderen Stelle kleine Gruppen zusammenfinden, die den Weg gemeinsam zu gehen versuchen - oder daß sich schon bestehende Gruppen auf diesen Weg gemeinsam einlassen. Damit hätten wir einen wichtigen Schritt getan: denn Basisgruppen innerhalb der Kirche sind heute dringend erforderlich.

Wo sich solche Gruppen zusammentun, braucht das nicht zu bedeuten, daß ihre Teilnehmer nun täglich miteinander meditieren und beten müßten. Zwei Frauen aus unserem Kurs haben sich einmal in der Woche getroffen und dabei ihre Erfahrungen bei den einzelnen Meditationen ausgetauscht. Diese Gespräche haben sie als beglückende Möglichkeit erlebt. Über solchem Tun liegt die Verheißung Jesu, daß er unter denen ist, die sich in seinem Namen zusammenfinden (Mt 18,20), das wird manchmal spürbar deutlich. Und noch etwas anderes wird oft nach anfänglichen Hemmungen beglückend erfahren: Wir, die wir nicht mehr gewöhnt sind, über innere Dinge zu sprechen, haben oft kaum mehr eine Sprache für solches Geschehen. Wo wir sie wiederzufinden versuchen - das kann zuerst sehr unbeholfen und stammelnd geschehen -, dort erfahren wir in aller Vorläufigkeit etwas von einer Gemeinsamkeit, die aus innerer Isolierung erlösen kann. Denn Einsamkeit wird nicht in der „Masse“ der Menschen überwunden, sondern allein dort, wo ich einen Menschen neben mir erlebe, der wie ich seine inneren Erlebnisse, seine Gefühle, seine Wünsche und Sehnsüchte mit allen Freuden und Schmerzen hat und zeigt.
Allerdings muß hier auf der anderen Seite davor gewarnt werden, von sich selbst oder von einem anderen eine totale innerliche Selbstentblößung zu erwarten. Es gibt auch eine „geistliche Keuschheit“, es gibt in jedem Leben Erfahrungen, Gedanken, Gefühle, die niemanden etwas angehen als Gott allein.

c) Suche nach neuen seelsorgerlichen Möglichkeiten
In den letzten Jahren lagen die Akzente der Seelsorge entweder auf dem beratenden Gespräch: der Ratsuchende sollte im Verlauf seines Sich-Aussprechens selbst eine Lösung seiner Probleme finden und zur Klarheit kommen. Oder es lag der Akzent - in althergebrachter Weise - auf dem verkündigenden oder auch ermahnenden Zuspruch: der Seelsorger hat als Beauftragter Gottes dem Menschen eine konkrete Botschaft zu sagen. Vielleicht könnte das Material dieses Kurses Hilfe und Anregung zu einem dritten Weg anbieten: der Seelsorger kann demjenigen, der mit einer Frage oder einer Not zu ihm kommt, sagen: Versuch doch einmal, eine Woche lang deine Frage unter den hier angebotenen Texten und Stoffen meditieren. Und sei sehr aufmerksam dafür, ob dir dabei von Gott eine Antwort gezeigt wird.

Zum Schluß noch ein Hinweis:
Wer sich auf die Übungen dieses Kursangebotes einläßt, wird erleben, daß er sich für manche Stoffe viel mehr Zeit nehmen möchte, als der Alltag mit seinen Pflichten hergibt. Wer das erfährt, sollte nach Möglichkeiten suchen, die es erlauben, sich einmal ganz intensiv auf ein bestimmtes Thema einzulassen, das für ihn existentiell wichtig ist. Solche Möglichkeiten gibt es mehr, als wir meinen, es gilt nur, sie zu sehen und zu nutzen:

- Gewisse Krankheiten können Wege sein, durch die mich Gott selbst für einige Zeit in die Stille schickt. Ich denke an Krankheiten, die mich zur Ruhe zwingen, ohne mich am Denken zu hindern. Eine Freundin bezeichnete vor kurzem ihren gebrochenen Fuß in diesem Sinne als „ein Geschenk des lieben Gottes, der mir einmal Ruhe schenkt“. Ich brauche diese mir gegebene Zeit nicht „totzuschlagen“ durch stundenlanges Fernsehen oder das Lesen von Kriminalromanen, sondern kann sie nutzen als ein persönliches Angebot Gottes für mich.

- Es braucht nicht erst zur Krankheit zu kommen: Als unsere fünf Kinder noch klein waren, bekam ich jährlich einmal drei bis fünf Tage „Urlaub von der Familie“. Ein kleines Zimmer für mich, ein Wald zum Wandern, eine Kirche zum Beten - mehr brauchte ich nicht, um mich in dieser kurzen Zeit spürbar zu erholen.

- Kirchliche Mitarbeiter lernen mehr und mehr den Wert eines monatlichen
"Wüstentages“ zu schätzen - eines Tages dem sie einmal alle Aufgaben und Pflichten zurücklassen, sich von ihrem Alltag frei machen, um mit Gott allein zu sein und Zeit für ihn zu haben.

- Auch ganze Lebensabschnitte oder Lebensperioden nutzt mancher bewußt für sein geistliches Leben: Mehr als ein Mensch ist mir bekannt, der die ersten Monate seines Rentnerdaseins bewußt dazu verwendete, sein Leben vor Gott neu zu bedenken, zu ordnen und auf ihn hin auszurichten. Damit stellten sich die entscheidenden Weichen für den letzten Teil des Lebens mit seinen neuen Chancen und Aufgaben.
 

Noch einmal: Alle Angebote dieses Kurses sollen Anregungen, Hilfen sein, sie sollen Möglichkeiten aufzeigen, die jeder für sich selbst neu finden und gestalten kann. Ignatius würde hier wie an vielen anderen Stellen sagen: Beobachte dich selbst - und was dir gut und hilfreich ist, das tue. Sieh auf das, was dir hilft, Gott näherzukommen, und darauf laß dich ein.

Lassen Sie mich an den Schluß dieser Einführung ein Wort von Johannes Tauler  stellen:
„Der Mensch, der je nach seinen Kräften nicht zum mindesten einmal am Tag sich in den Grund kehrt, der lebt nicht wie ein rechter Christ."


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