Karin Johne

Kontemplation im Alltag1
Üben, die Dinge zu durchbrechen und meinen Gott darin zu ergreifen 2

Überblick:
Kontemplatives Tun
Kontemplativer Umgang mit den Mitmenschen
Kontemplatives Leben mit den Dingen

Seit sich in der Christenheit Menschen um ein spirituelles Leben mühen, bricht immer wieder die Frage auf, wie sich die Kontemplation zu der Aktion, die contemplatio zur actio verhält. Bis heute begegnen uns in den Kirchen sowohl Gruppen, die sich um die Tat der Liebe besonders bemühen als auch andere Gruppen, welche besonderen Wert legen auf Zeiten des Betens, des Bibellesens und der Stille. In der Katholischen Kirche gibt es die caritativen und die kontemplativen Orden.

Auch unter den einzelnen Christen finden wir solche, die ihr Christsein in erster Linie im Dienst am Nächsten sehen - und andere, die darum wissen, dass auf die Dauer solcher Dienst aus tieferen Quellen gespeist werden muss. Wen erstaunt es nicht, wenn er hört oder liest, dass gerade die Schwestern der Mutter Theresa in Indien ihren Tag mit mehreren Stunden der Stille vor Gott beginnen? Man kann diese beiden Bereiche nicht trennen: Echte Kontemplation will sich in Taten der Liebe verwirklichen - und jedes tätige Christsein brennt auf die Dauer aus, wenn es nicht aus den tieferen Quellen gespeist wird.

Kontemplation ist heute in vielen Kreisen geradezu zum Modewort geworden - so verschieden es inhaltlich auch von den einzelnen gefüllt wird - der Trend zeigt, wie sich der heutige Mensch mitten in der Überflutung von Informationen und Aufgaben nach dem inneren Gleichgewicht sehnt. Romano Guardini hat es bereits in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts schon so formuliert: "Der Übung der Sammlung liegt zugrunde, dass unser lebendiges Sein von innen nach außen und von außen nach innen gebaut ist. Die Einsicht also, dass es darin Oberfläche und Tiefe gibt; Auseinandergehen ins Breite und Zusammenfassung in der Mitte. Die Einsicht ferner, dass das Innere, Tiefe, Gesammelte das Wichtigere ist; der Mensch aber eine Neigung ins Äußerliche, Oberflächliche, Voraussetzung Zerstreute hat; daher die dringlichere Aufgabe nach der gefährdeten Seite hin liegt. Und zwar ist das eine große Aufgabe, bei der es um Letztes geht." (Guardini: Das Gute, das Gewissen und die Sammlung S.71) In diesem weiten Sinne dessen, was Guardini "Sammlung" nennt, möchte ich hier von Kontemplation sprechen. So fand man zu der Formel: "contemplatio in actione" - "kontemplativ leben mitten im tätigen Leben".

Wie aber kann das nun praktisch geschehen? Gleich zu Anfang sei gesagt: Das Eigentliche geschieht nicht durch bestimmte Methoden, die man erlernen kann (oder auch nicht), sondern es geht um eine innere Qualität des Seins, die dann unser vielfältiges Tun bestimmt: Erich Fromm greift in seinem vielbeachteten Büchlein: "Haben oder Sein" im Blick auf das Selbstverständnis des modernen westlichen Menschen einen Gedanken auf, den bereits vor 600 Jahren der große deutsche Mystiker Meister Eckehart so formuliert hat: "Die Leute brauchten nicht soviel nachzudenken, was sie tun sollten, sie sollten vielmehr bedenken, was sie wären" 3

Kontemplatives Tun

Ich stelle dieses an die erste Stelle, weil wir Mitteleuropäer, wir Deutschen wohl in besonderer Weise, auf das fixiert sind, was wir tun, was wir leisten. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und niemand von uns kann sich innerlich ganz lösen und befreien aus dem Umfeld, in dem er lebt.

Was ist nun für entscheidend wichtig für uns alle, wenn wir ein Leben führen wollen, das uns ausfüllt, das gelingt, das sich nicht nur von der Gesundheit und Leistungsfähigkeit her definiert? Es geht weniger um das, was der Mensch tut, als darum, wie er es tut: - um seine innere Gesinnung - um das innere Sein - um den Grund, aus dem die Werke kommen. Denn Meister Eckehart sagt uns: "die Werke heiligen nicht uns, sondern wir sollen die Werke (alles, was wir tun) heiligen" (57,17) - "Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht "(57,15). Oder: "Mit wem es recht stünde, wem Gott so (eigen) geworden wäre, fürwahr, dem leuchtete Gott ebenso unverhüllt im weltlichen wie im allergöttlichsten Werk" (S: 63,6ff). Denn Jesus sagt: "Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum" (Mt 12,33).

Kontemplativer Umgang mit den Mitmenschen

Für die meisten von uns nehmen Begegnungen, Berührungen, hilfreiche Erfahrungen, aber auch Spannungen mit anderen Menschen einen großen Bereich unseres Alltagslebens ein. Und gerade die Unruhe, die damit verbunden ist, reißt uns immer neu aus unserer Mitte heraus. Wie kann ich trotzdem im inneren Gleichgewicht bleiben, bzw. es wieder finden, wenn ich mich herausgerissen erlebe? Es kann sein, dass mich ein Wort oder eine kleine Bemerkung, eine Entscheidung eines anderen Menschen so tief trifft, dass ich erst einmal wie benommen bin und oft tage- manchmal jahrelang nicht über diesen Schatten springen kann. Er belastet mein gesamtes Leben - besonders deutlich wird das, wenn solche Verwundungen in der frühen Kindheit geschehen sind.

Vielleicht kann uns auch hier wieder ein Gedanke Meister Eckeharts weiterführen. Er setzt voraus, dass ich daran glaube, dass mein Leben im letzten geführt wird - von jemandem, der besser weiß als ich selbst, was für mich gut ist: von Gott, dem Vater. Habe ich es schon einmal versucht, in einer Zeit der Besinnung, vielleicht während einer Kur, während einer Krankheit, bei stillen Tagen oder Exerzitien - mein Leben daraufhin abzuhorchen, wo Gottes Führung darin spürbar geworden ist?...

Wenn ich auch nur wenige Male in meinem Leben hautnah erfahren habe, dass sich im Nachhinein etwas als gut herausgestellt hat, was mir damals als ganz schlimm erschien, dann kann ich den nächsten Schritt wagen: Diese Verletzung einfach vor Gott hinzuhalten, mit der Frage: "Herr, wozu mutest Du mir im Augenblick gerade diesen Schmerz zu?" Vielleicht kommt eine Antwort überraschend schnell, vielleicht muss ich lange darauf warten. Aber wenn ich es in der getrosten Hoffnung tue, dass mir irgendwann einmal eine Antwort gegeben wird, dann kann ich auch solches Warten durchstehen, ohne daran zu zerbrechen. Und entscheidend wichtig ist, dass ich mich durch solches Fragen auf eine andere Ebene begeben habe: auf die kontemplative Ebene.

In ähnlicher Weise kann ich versuchen, widrigen Schicksalsschlägen oder anderen unangenehmen Vorkommnissen meines konkreten Lebens zu begegnen: Indem ich sie „durchbreche“, um meinen Gott darin zu ergreifen mit der Frage: Mein Gott, wozu lässt Du mich dieses erfahren? Was hast Du vor damit? Meister Eckehart sagt: „(Der Mensch) muss lernen, die Dinge zu durchbrechen und seinen Gott darin zu ergreifen und den kraftvoll in einer wesenhaften Weise in sich hineinbilden zu können. (Meister Eckehart, S. 61)

Eine andere Möglichkeit, mit Menschen "kontemplativ" umzugehen, wird mir immer wieder von geistlichen Meistern vorgeführt, die ernst damit machen, dass mir in jedem Menschen Christus begegnen kann und will. Auch hier geht es um eine Richtung, in der sich mein Leben bewegen kann - ohne dass ich jemals sagen könnte: Ich habe es erreicht!4

Wie kann das konkret geschehen? In einem Meditationskurs machten wir eine Übung, die sich mir sehr eingeprägt hat: Wir meditierten die "königliche Würde" eines jeden Menschen. Dazu legten wir uns ein Buch oder ein Blatt Papier als "Krone" auf das "Haupt" und gingen damit durch den Raum - wir mussten "schreiten", um die Krone nicht zu verlieren. So wurden wir uns vom Leibe her unserer eigenen Würde bewusst. Aber dann gingen wir in der Vorstellung im Raum weiter - zu Menschen hin, die krank oder äußerlich entwürdigt waren. Ihnen setzten wir (auch in der Vorstellung) die Krone aufs Haupt. Die Krone, die ihnen allen verborgen gehört, weil sie als Menschen und als Christen zum "königlichen Geschlecht" (1 Petr 2,9) gehören.

Kontemplatives Leben mit den Dingen

Jesus geht durch die Felder - und die Blumen und Vögel predigen ihm von Gott. (Mt 5). Er erlebt den Regen Palästinas - und er wird ihm zum Zeichen für Gottes Güte, die keinen Menschen ausschließt. "Die Schönheit der Dinge liegt in der Seele dessen, der sie sieht", las ich auf einem Kalenderblatt. Und ich wurde darauf aufmerksam, wie wahr das ist. Ich kann am Morgen in der Straßenbahn einen einzigartig schönen Sonnenaufgang erleben - und schaue mich um: Keiner der anderen Fahrgäste schaut auch nur aus dem Fenster.

Oder ich hatte eine gute, beglückende menschliche Begegnung - und plötzlich erlebe ich mich, wie ich zwischen den Frankfurter Bankhäusern stehe (die für immer ein Inbegriff der Hässlichkeit waren) und "sehe" plötzlich, dass diese Glas-Betonbauten in der Abendsonne auch ihre eigene Schönheit haben können, wenn sie mit Augen gesehen werden, die aus einem frohen Herzen kommen.

Eine andere Möglichkeit: Meinen ersten Meditationsbriefkurs hielt ich mit Kranken und schwer körperbehinderten Menschen. Innerhalb dieses Kurses bot ich ihnen als Aufgabe an, einmal die Dinge ihres Zimmers als "Symbole" zu meditieren - sie lange anzuschauen mit der Frage: Spiegelt sich vielleicht eine Möglichkeit meines eigenen inneren Lebens in diesem Symbol? Kann ich mich beim Meditieren des Fensters fragen, ob meine "inneren Fenster" zu den Menschen hin geöffnet sind? Oder beim Meditieren des Fernsehers, ob meine inneren "Antennen" so eingestellt sind, dass sie die leisen Impulse Gottes zu empfangen vermögen? Je mehr ich das tue, desto tiefer erkenne ich das Wesentliche der Dinge um mich her - und desto reicher wird auch meine innere Lebenslandschaft.

In einer kleinen Konfirmandengruppe zu DDR - Zeiten gab ich den Jugendlichen die Aufgabe, aus einer illustrierten wissenschaftlichen Zeitung Bilder aus allen Wissensgebieten herauszusuchen - und sie meditierend (in Ruhe, von der kontemplativen Ebene aus) anzuschauen mit der Frage, ob sich in einem Bild so etwas wie eine „Fußspur Gottes“ (Meister Eckehart) herauslesen ließe? Nach einigem Zögern kamen überraschende Antworten:

- „So wie ein Arzneischrank alle wichtigen Arzneien enthält, so hat Gott Arzneien für alle unsere Schwierigkeiten bereit“. Oder:
- „So wie wir heute noch Knochen eines Sauriers ausgraben  können, so bleibt etwas von uns bei Gott, wenn wir selbst gar nicht mehr da sind“. Und zum Schluss sagte ein Mädchen:
- „Je mehr ich mich umsehe, um so mehr entdecke ich, was man meditieren könnte“.
Man muss und kann es selbst üben, „die Dinge zu durchbrechen und seinen Gott darin zu ergreifen“!

Es geht hierbei nicht um Augenblickserfahrungen, es geht um eine lebenslange Übung, die auch schon Meister Eckehart so beschreibt:

"Es geht um ein "waches, wahres, besonnenes, wirkliches Wissen darum, worauf das Gemüt gestellt ist mitten in den Dingen und unter den Leuten. Dies kann der Mensch nicht durch Fliehen lernen, indem er vor den Dingen flüchtet und sich äußerlich in die Einsamkeit kehrt; er muss vielmehr eine innere Einsamkeit lernen, wo und bei wem er auch sei. Er muss lernen, die Dinge zu durchbrechen und seinen Gott darin zu ergreifen und den kraftvoll in einer wesenhaften Weise in sich hineinbilden zu können. Vergleichsweise so wie einer, der schreiben lernen will. Fürwahr, soll er die Kunst beherrschen, so muss er sich viel und oft in dieser Tätigkeit üben, wie sauer und schwer es ihm auch werde und wie unmöglich es ihn dünke: will er's nur fleißig üben und oft, so lernt er's doch und eignet sich die Kunst an. Fürwahr, zuerst muss er seine Gedanken auf jeden einzelnen Buchstaben richten und sich den sehr fest einprägen. Späterhin, wenn er dann die Kunst beherrscht, so bedarf er der Bildvorstellung und der Überlegung gar nicht mehr, und dann schreibt er unbefangen und frei, und ebenso ist es auch, wenn es sich um Fiedeln oder irgendwelche Verrichtungen handelt, die aus seinem Können geschehen sollen. Für ihn genügt es völlig zu wissen, dass er seine Kunst betätigen will; und wenn er auch nicht beständig bewusst dabei ist, so vollführt er sein Tun doch, woran er auch denken mag, aus seinem Können heraus."(S.61)

Karin Johne

Anmerkungen:

1 Veröffentlicht in „Meditation“ 1998 – Heft 3, Mainz 1998

2 Ausführlich sind diese Gedanken dargestellt in  „Karin Johne, Geistlicher Übungsweg für den Alltag (Styria-Verlag 2000)“ und „Karin Johne: Einübung in christliche Mystik“ (zu bestellen über die Verfasserin: Karin Johne, Threna, Oberholzer Str. 67a, D-04683 Belgershain)

3 Meister Eckehart: „Deutsche Predigten und Traktate“  Reihe: Diogenes-Taschenbücher Nr.202, S.57,12f

4 vgl. Ruppert,F. „Christus im Bruder“ Münsterschwarzach 1979 (Münsterschwarzacher Kleinschriften Nr.3)


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