Karin Johne


Advent - Meditative Besinnung zur Adventszeit
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Überblick:
Das Bild vom geöffneten Tor
Das Bild des Himmels-Boten, der zu Maria kommt

Selten klafft für viele Christen Sehnsucht und Vollzug in der Wirklichkeit so weit auseinander wie gerade in der adventlichen Vorweihnachtszeit. Wir sehnen uns nach einer Zeit der Ruhe und der inneren Besinnung - und werden, gewollt oder ungewollt - von der vorweihnachtlichen Hektik überrollt. Tiefe Ursehnsüchte im Menschen werden angesprochen - und bleiben oft Jahr für Jahr ungestillt, bis wir sie vielleicht gar nicht mehr wahrzunehmen wagen.

Sind es nicht gerade Bilder der Adventszeit, die so tiefe Bereiche in uns ansprechen, dass wir Zeit brauchten, sie in uns wirken zu lassen und auf die Antworten unseres innersten Wesens zu hören? . Bilder wirken tiefer als Worte und haben eine größere Weite Ich möchte hier nur auf zwei Bilder hinweisen, die Künstler in Bild und Lied immer neu aufgegriffen haben:

Das Bild vom geöffneten Tor

"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit", hat sich seit unserer Kindheit tief in unserem innersten Kern mit der jährlich wiederkommenden Adventszeit verbunden. Das Bild von Tür und Tor kann die Ursehnsucht des Menschen aufnehmen, immer wieder einmal durch ein Tor des Neuanfanges in unserem Leben eintreten zu dürfen. Dieser Neuanfang hat sich für unser alltägliches Empfinden inzwischen mit dem Silvester - und Neujahr - Erleben verbunden. Aber gerade die Neujahrsnacht, in der die Knallkörper die noch läutenden Glocken zum Jahreswechsel weit übertönen, kann uns dafür dankbar machen, dass wir in unserer christlichen Tradition die Möglichkeit haben, den Advent in besinnlicher Weise als Beginn des Kirchenjahres zu feiern. Früher war das allgemein üblich - noch Luther schließt sein Weihnachtslied: "Vom Himmel hoch" mit dem Schluss:: "und singen uns solch neues Jahr."

Damit könnte auch für uns der erste Advent zu einem Neubeginn unseres persönlichen "geistlichen Jahres" werden. Rückblick hieße dann, nicht nur auf die Erfolge oder Urlaubsreisen des vergangenen Jahres noch einmal zurückzuschauen, sondern einmal in einer stillen Stunde dem nachzuspüren, wie ich in diesem Jahr wieder geführt worden bin - durch frohe und durch dunkle Stunden, die aber vielleicht gerade segensreich gewesen sind. Und der Ausblick auf das Neue, vor uns Liegende, der Wunsch, den das Lied  "O Heiland, reiß die Himmel auf", (der ja das Bild des offenen Tores geradezu beschwört), lockt uns dazu, unsere Sehnsucht nach diesem "sich öffnenden Himmel" zuzulassen. Wie tief steckt doch diese Sehnsucht nach einer neuen, heilen Welt in jedem von uns - und sie lässt uns flehend bitten: "Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für! "

Das Bild des Himmels-Boten, der zu Maria kommt

Ein anderes Bild zu gestalten, sind die Künstler aller Zeiten und Orte nie müde geworden: das Bild der Verkündigung: "Und der Engel Gabriel wurde gesandt von Gott zu einer Jungfrau, die hieß Maria, und sprach zu ihr: du wirst schwanger werden... und Maria sprach: Mir geschehe, wie du gesagt hast". Für mich. es immer neu unbegreiflich, was uns die Bibel in dieser tiefen Symbolik der Verkündigungsszene berichtet: Gott wartet mit der Erfüllung seines Planes auf das "Ja" der Maria, auf das Ja eines Menschen. So ernst nimmt er uns!

Wartet er etwa auch heute noch mit manchem seiner Pläne, bis er den Menschen findet, der sein "Ja, mir geschehe" zu dem Plan Gottes sagt, zu dem, was ihm - vielleicht gerade im Augenblick - ebenso unverständlich erscheint wie die Botschaft des Engels damals in Nazareth Maria unverständlich sein musste? Aber in dieses Samenkorn dieses kleinen Wörtleins "Ja" ward der Same Gottes in unsere Menschenwelt eingesenkt. Und ich bin überzeugt, dass in jedem - wenn auch noch so kleinen und unscheinbaren - "Ja, Vater", das wir zu einem Weg Gottes mit uns sprechen, auch in uns und durch uns ein winziges Samenkorn des von uns so ersehnten und erhofften "heilen" Gottesreiches immer neu in unsere scheinbar so gottfernen Welt eingesenkt wird und zu wachsen beginnen kann.

Aber ein Samenkorn ist nicht sogleich ein Baum - es braucht Erdreich, Wasser uns Sonne, - und viel Geduld, Pflege und Zeit -, bis es sich zu einer Pflanze entfaltet, der es möglich ist, zu blühen, Frucht zu bringen und neuen Samen zu tragen. Meister Eckehart kann in diesem Zusammenhang sagen: "Birnbaums Same wächst zum Birnbaum,... Gottes Same wächst zu Gott. Aber er braucht dazu einen guten und fleißigen Ackerer". Wie schön wäre es, wenn auch in diesem Jahr in der Adventszeit einige neuer solcher Samenkörner Gottes in unserer Welt - und das meint konkret: im Leben eines jeden einzelnen von uns - zu sprießen und zu wachsen begännen!


Veröffentlicht im "Sonntag" (Kirchenzeitung der Sächsischen Landeskirche) am 14.1.96)

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