Karin Johne

Meditatives Morgengebet -
Meister Eckeharts Mystik als Wegweisung im Alltag1

Überblick:
Das Gewicht eines Gebetes
Das Gebet:
Das Wachsen der geistlichen Dimension
Das Wachsen der meditativen Dimension
Das Wachsen der kontemplativen Dimension
Der Blick auf Jesus Christus

Das Gewicht eines Gebetes
Eines Tages besuchte mich eine Frau unserer Gemeinde, welche schon häufig an Meditationstagen, Einkehrtagen und Exerzitien teilgenommen hatte. Wir unterhielten uns über unsere Erfahrungen und fragten uns, was über eine kurze Zeit hinaus zur bleibenden Wirkung geführt hatte. Da nannte sie spontan ein Gebet, was uns während eines Kurses vor einigen Jahren angeboten worden war - und sagte: Das Gebet bete ich noch täglich. Mir wurde bewusst, dass es mir mit diesem Morgengebet ähnlich erging, und ich versuchte, dem nachzuspüren, wie sich die Aspekte dieses einfachen Morgengebetes im Laufe der Jahre verändert hatten. Dabei wurde mir bewusst, wie meine intensive Beschäftigung mit der Mystik Meister Eckeharts2 - gewissermaßen als Lebenskontext - während dieser Zeit immer wieder auf dieses kleine Gebet eingewirkt hatte. Dadurch erschloss es sich mir in immer tieferen Dimensionen.

Das Gebet:

Herr, dieser Tag, und was er bringen mag,
sei mir aus deiner Hand gegeben.
Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Du bist der Weg - ich will ihn gehen.
Du bist die Wahrheit - ich möchte sie sehen.
Du bist das Leben. Was du willst geben,
Leid und Kühle, Glück oder Glut - alles ist gut,
wie es kommt - du gibst, dass es frommt;
in deinem Namen beginne ich. Amen.
Das Wachsen der geistlichen Dimension

Solch ein Gebet bietet sich zuerst einmal in einfacher Weise an, am Morgen den Tag in einer geordneten Form Gott zu übergeben. Zuerst stand es für mich als ein Morgengebet neben anderen Weisen, meinen Tag geistlich zu beginnen; aber ich spürte bald, dass es sich immer mehr mit an die erste Stelle schob - und ahnte, dass dieses Gebet mich vielleicht einen inneren Weg führen könnte, wenn ich mich ihm über eine längere Zeit hin "überließe". Die Wichtigkeit der "Gelassenheit" - d.h., mich immer mehr Gott ganz zu überlassen - war mir im Umgang mit Meister Eckehart immer deutlicher bewusst geworden. Dass diese Gelassenheit alle Bereiche des Lebens meint, konkretisierte sich nun für mich häufig in diesem Morgengebet: Was ich mir da von Gott "geben" ließ, das waren ja nicht nur die äußeren Ereignisse, die menschlichen Begegnungen und verschiedenen Aufgaben, die diesen Tag bestimmen würden - das war ebenso meine äußere und meine innere Befindlichkeit: "Leid oder Kühle, Schmerz oder Glut"... oder was auch immer. Mit der Zeit füllten sich diese Worte immer mehr mit meinem eigenen Leben.

Das Wachsen der meditativen Dimension

Dann waren es zwei Worte Meister Eckeharts, welche sich durch dieses kleine morgendliche Gebet mehr und mehr konkret mit meinem Leben verbanden. Beide Worte wiederholen sich bei ihm in verschiedensten Variationen: - "Was immer zu Gott kommt, das wird verwandelt" (167,24f)3

Der Gedanke eröffnet neue Horizonte: Indem ich Gott das anbiete, indem ich das vor ihn bringe, was ich nach menschlicher Voraussicht von dem weiß oder ahne, was dieser Tag mir bringen kann, dann geschieht in dieser Hingabe bereits echte, wenn auch verborgene Verwandlung dessen, was geschehen wird. Was dann auf mich zukommt, kommt "durch Gott", wie Meister Eckehart sagt und hat schon seine Qualität verändert, ehe es mir begegnet.

Nun aber ist nicht nur die Verwandlung der Dinge und Geschehnisse zentrales Anliegen Meister Eckeharts, sondern die Verwandlung meines Lebens in das Leben Jesu Christi hinein: Damit das geschehen kann, hilft ein anderer Gedanke Meister Eckehart weiter:

- "In allen Gaben, die Gott gibt, gibt er zuerst sich selbst" (197,20f). Wenn das stimmt, dann finde ich "meinen geliebten Gott", wie Meister Eckehart sagt, in den Dingen und Geschehnissen, die heute auf mich warten - im Grunde ist es nur die letzte Konsequenz daraus, dass Gott "allgegenwärtig" ist, wie wir schon als Kinder gelernt haben...

Ist das aber nicht doch zu kurzschlüssig gesehen?... Finde ich wirklich Gott in allem, was mir geschieht?...

"Du bist der Weg, ich will ihn gehen":

Einen Weg muss ich gehen - ich darf ihn nicht nur anschauen. Wahres inneres Wachstum geschieht nicht allein durch Lernen - sondern vor allem durch das Handeln.4  Was ich selbst getan habe, prägt mich in einer viel tieferen Weise, als das, was ich nur wissensmäßig in mich aufgenommen habe. Das wird ergänzt durch einen ähnlichen Gedanken Meister Eckeharts: Es ist entscheidend wichtig, zu erkennen, dass wir Gott nicht nur "außen" sondern "innen in uns" suchen sollen: "Wem Gott nicht wahrhaft innewohnt, sondern wer Gott beständig von draußen her nehmen muss, der hat Gott nicht." (59,36ff) Der wahre Gott spiegelt sich in meiner Seele wie sich die Sonne in einem Spiegel auf dem Grunde eines Beckens mit Wasser spiegelt: "Ich nehme ein Becken mit Wasser und lege einen Spiegel hinein und setze es unter den Sonnenball; dann wirft die Sonne ihren lichten Glanz aus der Scheibe und aus dem Grunde der Sonne aus und vergeht darum doch nicht. Das Rückstrahlen des Spiegels in der Sonne ist in der Sonne (selbst) Sonne, und doch ist er (der Spiegel) das, was er ist. So ist es auch mit Gott. Gott ist in der Seele mit seiner Natur, mit seinem Sein und seiner Gottheit, und doch ist er nicht die Seele. Das Rückstrahlen der Seele, das ist in Gott Gott, und doch ist sie (=die Seele) das, was sie ist." (a.a.O. S. 273,1ff)

"Ich bin der Weg" - dieses Wort aus dem Munde Christi kam mir viele Jahre sehr abstrakt vor. Jetzt begann sich das Wort allmählich zu erschließen: In dem, was auf mich zukommt, begegnet mir Christus selbst als der "Weg": Wenn ich diesen Weg "gehe" - also in Christi Geist und Sinn darauf reagiere - mit dem, was ich tue, wenn ich so Antwort gebe auf das, was mir begegnet und geschieht, wächst Christus in mir - und der Verwandlungsprozess beginnt..

Verwandlung und Wachstum liegen im geistlichen Leben auf einer Ebene. Unser inneres Wachstum geschieht, indem wir uns verwandeln lassen - mehr und mehr in das Bild Jesu Christi hinein (Röm.8,29). Also nicht in einem resignierten Hinnehmen der Ereignisse, die auf mich zukommen, wächst mein inneres Leben, sondern in einer echten Korrespondenz mit diesen Ereignissen. Ich meine das Wort Korrespondenz in seiner uns allen bekannten Bedeutung eines guten Briefwechsels mit einem Freund. Ich wachse nicht unmittelbar an dem, was mir begegnet - daran kann ich auch scheitern - , sondern ich wachse daran, wie ich aus meiner innersten Kraft heraus, in der Gott selbst in mir lebendig ist, auf die Geschehnisse re - "agiere".

"Du bist die Wahrheit, ich möchte sie sehen"

Meister Eckehart sagt: "Gott hat alle Dinge geschaffen, nicht, dass er sie werden ließ und dann seines Weges gegangen wäre, sondern: er ist in ihnen geblieben" (358,3ff). Wenn das so ist - dann kann ich Gott in allem finden, was mir geschieht. Und wenn ich Gott finde, dann finde ich auch die Wahrheit. Sie ist kein intellektuelles Wissen, sondern in Gott Person geworden. Aber sie enthüllt sich nicht auf den ersten Blick. "Der Mensch "muss lernen, die Dinge zu durchbrechen und seinen Gott darin zu ergreifen..." (61,19f) Das bedeutet nichts anderes, als dass ich mir Zeit nehmen muss, die Geschehnisse, die auf mich zukommen und mich bewegen, anzuschauen und immer neu anzuschauen, bis sie gewissermaßen transparent werden: "Der Mensch soll sein, wie unser Herr sprach: `Ihr sollt sein wie Leute, die allzeit wachen und ihres Herrn harren' (Luk.12,36). Traun, solche harrenden Leute sind wachsam und sehen sich um, von wannen er komme, dessen sie harren, und sie erwarten ihn in allem, was da kommt, wie fremd es ihnen auch sei, ob er nicht doch etwa darin sei. So sollen auch wir in allen Dingen bewusst nach unserm Herrn ausschauen. Dazu gehört notwendig Fleiß, und man muss sich's alles kosten lassen, was man nur mit Sinnen und Kräften zu leisten vermag (62,24ff);

"Du bist das Leben".

Wo wir emotional betroffen sind, - durch Leid, Kühle, Glück oder Glut - spüren wir, dass wir wirklich leben. Und im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Meinung geschieht das nicht nur in Stunden der Freude und des Glückes, sondern lebendiges Leben wächst auch in Schmerz und Leid - wieder vorausgesetzt, dass ich die Schmerzen nicht verdränge, sondern mich ihnen mit meiner lebendigen Existenz stelle. Wo aber Leben wächst, wächst gleichsam auch Gott, welcher ja das Leben selbst ist. Es geht also auch hier wieder um die Korrespondenz zwischen meinem inneren Zustand, der mir gegeben ist und meiner Reaktion darauf, um den hilfreichen Umgang mit diesen Gefühlen. Und damit wird - wie auch in allem Vorangegangenen - der vor mir liegende Tag zum Übungsfeld, um mich verwandeln zu lassen, um Christus in mir Raum zu geben.

Das Wachsen der kontemplativen Dimension5

Nun führt uns aber Gott immer wieder weiter - es gibt keinen Stillstand im geistlichen Leben und darf keinen geben. Wir wären blind und auch ungerecht, wenn wir nicht anerkennen würden, dass wir oft selbst mit diesen Übungen an eine Grenze gelangen, die wir nicht überschreiten können. Es gibt sowohl im menschlichen Einzelleben als auch in der Weltgeschichte immer wieder Situationen und Konstellationen, in denen es vermessen wäre, zu fordern, darin müsse sich Gottes Liebe einsichtig für uns zeigen - wenn wir nur lange genug hinschauen wollten. Der Ausbruch des Golfkrieges traf uns während eines Exerzitienkurses. Wer wagte angesichts solcher Geschehnisse überhaupt noch eine menschliche Deutung, - und sei sie noch so wohlgemeint. Verstummen ist da der einzig mögliche Weg auch für uns Christen.

Aber auch und gerade dieses Verstummen hat eine geistliche Dimension. Johannes vom Kreuz spricht vom "dunklen Glauben", der uns näher zu Gott führen könne als alle hohen Erkenntnisse. Wir müssen nur unser Verstummen und Nichtwissen auch wirklich annehmen.

Meister Eckehart spricht von der Armut und Leere des Menschen als von dessen höchsten geistlichen Gütern : "Bloß, arm (sein), nichts haben, leer sein verwandelt die Natur; Leere macht Wasser bergauf steigen und noch manch anderes Wunder"(115,15ff)".Denn gerade Armut - geistliche Armut (Mt.5,3) - bringt uns in unmittelbare Verbindung mit Gott - wenn wir sie annehmen, ohne zu fliehen oder uns Ersatzlösungen zu suchen. Was heißt das konkret?

- Nicht wissen, was der Weg ist - und dennoch den nächsten vor uns liegenden Schritt gehen...

- nicht wissen, was Gott vorhat und warum er immer wieder so unendliches Leid und Schmerz zulässt - und dennoch einen Funken des Glaubens durchhalten, dass Gottes Wege anders sind als unsere Wege und seine Liebe noch immer das letzte Wort in der Geschichte seines Volkes behalten hat...

- sich wie gelähmt erleben unter bestimmten Nachrichten und Erlebnissen - und doch an den Lichtschimmer glauben, der am Ende auch des längsten Tunnels aufscheint: das ist der Weg in die wirkliche Leere und Armut, ein Weg, der ungeahnte Kräfte der Verwandlung in sich trägt, wenn wir ihn nicht einsam und allein zu gehen versuchen, sondern ihn mit dem Weg Jesu Christi verbinden und dadurch verwandeln lassen.

Der Blick auf Jesus Christus

Jesus Christus hat es gewagt, diesen Weg zu gehen, zu dem er dann selbst für uns geworden ist. Wir dürfen uns fragen: Was mag in diesem sensibelsten aller Menschen vorgegangen sein, wenn ihm Schmerz und Leid begegnete als er innerlich die apokalyptischen Ereignisse vor sich sah - und er mitten in diese Schreckensvisionen hinein sagt: "Wenn aber dies anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht" (Luk.21,28) Und was mag ihn dazu gebracht haben, mitten in seinen Qualen am Kreuz bei Beten der israelitischen Sterbegebete nicht nur den Psalm 21 zu beten, der mit den Worten beginnt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" - sondern daneben den 31. Psalm mit den Worten: "Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände" (Luk.23,46). ? Kein Mensch auf Erden hat je Schmerzen so tief empfunden wie Jesus, sagt Meister Eckehart: "Christus war das nicht eigen; das ließ er erkennen, als er sprach: "Meine Seele ist betrübt bis in den Tod" (S.247, Z.20f)(Matth.26,38).,

Hier scheinen Möglichkeiten auf, die menschlich eigentlich undenkbar sind - und die doch möglich geworden sind gerade dadurch, dass hier einer das letzte und tiefste Nichtwissen, die abgrundtiefe Armut und Leere durchlitten hat - und der damit diese Leere der Fülle Gottes geöffnet hat, nicht nur für sich selbst - sondern als Möglichkeit für uns alle. Gerade Paulus, der vor Damaskus etwas von der völlig neuen Dimension eines neuen Lebens erfahren hat, eines Lebens, das seine Wurzeln mitten in dieser Not hat, wird nicht müde, den jungen Christen seiner Gemeinden zuzurufen: Lasst euch auf das Sterben Christi ein - so werdet ihr auch mit ihm leben. So baut sich Tag für Tag in den kleinen und kleinsten Dingen das Leben Christi in mir auf - mit dem Ziel "dass nicht mehr ich lebe, sondern Christus in mir lebt" (Gal.2.20). Vielleicht kann diesem oder jenem dieses kleine Gebet dazu helfen - es ist eine kleine Möglichkeit unter unendlich vielen anderen.


Anmerkungen:

1 Veröffentlicht in „Meditation“ 1994 Heft 1 (Christianopolis-Verlag, Weilheim 1994)

2 vgl. Johne, Karin, Ewigkeit inmitten dieser Zeit, Meister Eckhart, Klassiker der Meditation, Benziger-Verlag, Zürich 1983

3 Meister Eckehart, Deutsche "Predigten und Traktate" (Die Seitenzahlen beziehen sich das am einfachsten zugängliche Buch: Meister Eckehart, Deutsche Predigten und Traktate, herausgegeben und übersetzt von Joseph Quint, Diogenes-Taschenbuch Nr. 202. 1979)

4 Das wussten die Christen der ersten Jahrhunderte: Nicht Belehrung der Taufbewerber stand im Vordergrund, sondern "Einübung". Auf dem "mystagogischen Weg" geschieht wirkliches, existentielles Lernen, das nicht nur im Verstande bleibt.

5 Kontemplation ist heute in vieler Munde. Zen-Kurse sind ausgebucht. Abstand zu gewinnen von vordergründigen Gefühlen und Gedanken, um zu neuen Dimensionen zu gelangen,  steht heute als ein verlockendes Ziel vor manchem überlasteten Menschen. Hier möchte ich nur auf die Sicht dieser Möglichkeiten aus dem Blickpunkt der christlichen Mystik her eingehen.


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