Karin Johne

Die Ikone »Der Evangelist Johannes und Prochoros« 1
Bildmeditation

Sind es die Felsenberge im Hintergrund oder sind es die beiden Sitzschemel mit ihrer so bewusst umgekehrten Perspektive, die beim Verweilen vor dem Bild mehr und mehr den Eindruck vermitteln, dass da ein Geheimnis, irgend etwas noch nicht Fassbares auf mich zukommt?
Versuchen wir, uns schauend dem zu öffnen, was uns diese Ikone als Botschaft vermitteln will.
 
Das wird kaum beim einmaligen Betrachten geschehen. lkonen sind Gebetsbilder, in Farbe und Form gebrachte Heilsbotschaft, die sich dem betenden Menschen erschließen kann, wenn er meditierend vor dem Bild verweilt.
 
Den Hintergrund des Geschehens bildet eine schroffe, steile Felslandschaft. Durch die schwarze Höhle wird sie in ihrer Unwirtlichkeit noch unterstrichen. Die Zacken der Felsen sind nach unten gerichtet, als wollten sie sagen: "da kannst du nicht hochsteigen!" Und doch beginnen unten an den Felsen der Steinwüste Bäume aufzuwachsen: Zeichen des Lebens mitten in der Wüste.

In der Mitte des Bildes öffnen sich die Felsen zum Himmel. Ein heller Raum des Lichtes bricht die Felsen auseinander, verbindet sich mit der Gloriole der Hauptgestalt des Bildes. Und gleichzeitig fällt von links oben der Strahl des Heiligen Geistes wie ein Pfeil aus dem Himmel in das Geschehen ein - weist in die Mitte des Bildes - bewegt sich auf den lauschenden Menschen zu.

Und damit werden wir hineingezogen in die tiefe Dynamik dieses so stillen Bildes: Es ist der heilige Evangelist Johannes, der »ganz Ohr« ist, völlig hingegeben dem inneren Lauschen auf die Stimme Gottes, die»von oben« kommt. Was er hört, gibt er weiter an den Diakon Prochoros (Apg 6,5), der das Gehörte niederschreibt, fest-schreibt für alle Zeiten und Völker im Evangelium; im Evangelium, das die Kirche dem Jünger der Liebe zugeordnet hat. So kommt die Botschaft Gottes, die Botschaft seiner Liebe mitten in diese Welt herein. Sichtbar wird uns dieses Geschehen vor Augen gemalt, damit es mitten ins Herz hineindringe.

Die Farbskala dieses Bildes unterstreicht in ihrer Weise diese heilige Bewegung: Vom Braun (Wüste, Erde, Buße) der hinteren Felsen bewegt sie sich über verschiedene Grüntöne (Leben) in dem vorderen Felsen, den Bäumen, dem Boden bis hin zum intensiven, durchstrahlten Grün des Gewandes, das Johannes bekleidet. Dieses grüne Obergewand bedeckt fast ganz das blaue Untergewand (blau: die Farbe der dem Menschen zugewandten Ewigkeit Gottes). Im Obergewand des Prochorus begegnet uns dann in verhaltener Weise die rote Farbe - die Farbe der Liebe, durch die wieder das Blau der Ewigkeit hindurchleuchtet. Immer mehr erreicht die Botschaft der Liebe die Menschheit. Das letzte Ziel dieser Farb- Bewegung sehe ich in dem weißen Blatt des Buches, auf das bereits die ersten Buchstaben des Evangeliums niedergeschrieben sind. Das Weiß hier nimmt die Farbe des Himmels, der Gloriolen auf, verdichtet sie noch einmal - sichtbar für uns Menschen. So kommt Gott auf mich zu ...

Doch Gott kommt zu mir durch die Vermittlung von Menschen. Beide Gestalten sind so vom Heiligen angerührt, dass es nichts anderes mehr für sie zu geben scheint. Die Augen des Johannes schauen ganz nach innen als wollten sie das Gehörte gleichzeitig schauen. Er ist ganz bei sich - und ganz bei Gott. Das ist nicht mehr zu trennen. Er lauscht mit dem Ohr seines Herzens, das die linke Hand bergend schützt, während nicht der Mund, sondern die rechte Hand das Erlauschte mit einem Segensgestus weitergibt - weiterleitet an den anderen, der ebenso hingegeben lauscht -, aber doch schon ein wenig mehr der Erde zugewandt. Muss er doch das Geistige in das Materielle hereinholen, ins Feste, Bleibende - indem er es in heiligen Worten niederschreibt. Auch er schreibt mit einer Hand, die gleichzeitig segnet und den Stift führt. Alles ist transparent, durchleuchtet vorn Geheimnis Gottes, der in die Welt - das heißt aber: auf mich - zukommt.

Deshalb zieht mich das Bild in sich hinein. Ich werde erwartet in dein Raum, wo Gott in die Welt hereinkommt. Wo finde ich mich wieder? Kann - soll ich »Antenne« sein, indem ich ein Stück in die Gestalt des Johannes hineingehe?... Kann - soll ich »Aufnahme« werden, indem ich etwas vom Geheimnis Gottes Gestalt werden lasse in meinem Leben: indem ich es »niederschreibe« in der Verwirklichung meiner Lebensgestalt, sichtbar für andere - dienend wie der Diakon Prochoros? ... Oder fühle ich mich leichter ein in das »Buch« - in das Gott seine Botschaft für andere, für unsere Welt niederschreiben will? ... Sei es, wie es sei: Wer sich dem Bild aussetzt, wer sich einbeziehen lässt, fühlt mehr und mehr, dass er ein Horchender, ein Lauschender werden sollte - abgeschirmt von den überlauten Tönen der Welt, um mit dem Herzen das stille Geheimnis Gottes immer deutlicher wahrzunehmen.

Aber gehört dazu nicht auch - und zwar unerlässlich - der harte, schroffe und steile Hintergrund? Die dunkle, offene Höhle des Sterbens und Wiedergeborenwerdens? Solches Horchen lernt der Mensch nicht von heute auf morgen. Deshalb rangen die Wüstenväter ein langes Leben lang um das »reine Herz«. Deshalb beginnt die Benediktusregel mit den Worten: »Höre, mein Sohn, auf die Lehren des Meisters und neige das Ohr deines Herzens.« Es ist, als gehörten diese Worte und diese Ikone zusammen.

Sind es die Felsenberge im Hintergrund oder sind es die beiden Sitzschemel mit ihrer so bewusst umgekehrten Perspektive, die beim Verweilen vor dem Bild mehr und mehr den Eindruck vermitteln, dass da ein Geheimnis, irgend etwas noch nicht Fassbares auf mich zukommt?

Versuchen wir, uns schauend dem zu öffnen, was uns diese lkone als Botschaft vermitteln will. Das wird kaum beim einmaligen Betrachten geschehen. lkonen sind Gebetsbilder, in Farbe und Form gebrachte Heilsbotschaft, die sich dem betenden Menschen erschließen kann, wenn er meditierend vor dem Bild verweilt.

Den Hintergrund des Geschehens bildet eine schroffe, steile Felslandschaft. Durch die schwarze Höhle wird sie in ihrer Unwirtlichkeit noch unterstrichen. Die Zacken der Felsen sind nach unten gerichtet, als wollten sie sagen: "da kannst du nicht hochsteigen!" Und doch beginnen unten an den Felsen der Steinwüste Bäume aufzuwachsen: Zeichen des Lebens mitten in der Wüste.

In der Mitte des Bildes öffnen sich die Felsen zum Himmel. Ein heller Raum des Lichtes bricht die Felsen auseinander, verbindet sich mit der Gloriole der Hauptgestalt des Bildes. Und gleichzeitig fällt von links oben der Strahl des Heiligen Geistes wie ein Pfeil aus dem Himmel in das Geschehen ein - weist in die Mitte des Bildes - bewegt sich auf den lauschenden Menschen zu.

Und damit werden wir hineingezogen in die tiefe Dynamik dieses so stillen Bildes: Es ist der heilige Evangelist Johannes, der »ganz Ohr« ist, völlig hingegeben dem inneren Lauschen auf die Stimme Gottes, die»von oben« kommt. Was er hört, gibt er weiter an den Diakon Prochoros (Apg 6,5), der das Gehörte niederschreibt, "fest - schreibt" für alle Zeiten und Völker im Evangelium; im Evangelium, das die Kirche dem Jünger der Liebe zugeordnet hat. So kommt die Botschaft Gottes, die Botschaft seiner Liebe mitten in diese Welt herein. Sichtbar wird uns dieses Geschehen vor Augen gemalt, damit es mitten ins Herz hineindringe.
 


Anmerkungen:
1 Veröffentlicht in "Erbe und Auftrag", Beuron  August 1989,
Bild in Ikonenmappe des Union-Verlages, Berlin 1983

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