Karin Johne

Kontemplation - Weg zur inneren Freiheit 1
Überblick:
Einleitung
1. Freiheit gegenüber unseren Gedanken
2. Freiheit gegenüber unseren Gefühlen
3. Freiheit gegenüber unseren Wünschen.
4. Freiheit vom Beherrschtwerden durch die Arbeit
5. Freiheit von der Fremdbestimmung durch andere Menschen
6. Freiheit von der Überflutung durch Bilder

Einleitung

Wer bei einem der letzten Kirchentage einmal in das Meditationszentrum oder in das Geistliche Zentrum hineingeschaut hat, dem ist es keine Frage mehr, in welche starker Weise gerade junge Menschen nach neuen Wegen suchen, die sie oft in ihren Heimatkirchen nicht finden. Kontemplationskurse werden an vielen Orten in zunehmendem Maße angeboten, sowohl von Christen als auch von Nichtchristen. Immer wieder wird von Teilnehmern geäußert, dass in ihnen ein starker Wunsch ist, aus vorgegebenen Zwängen auszubrechen, einen Weg in eine Freiheit zu suchen, von der man meistens nicht genau weiß, was man darunter wirklich zu verstehen hat.

Die Erkenntnis, dass wahre Freiheit nicht von äußeren Gegebenheiten abhängt, sondern im Menschen selbst aufgebaut werden muss, liegt für viele außerhalb ihres Gesichtskreises. Genau aber darum geht es: Meister Eckehart schreibt: "Nicht das ist schuld, dass dich die Weise oder die Dinge hindern: du bist es (vielmehr) selbst in den Dingen, was dich hindert, denn du verhältst dich verkehrt zu den Dingen." (3,14)

Es geht also darum, dass ich die Freiheit, die ich suche, in mir selbst aufbaue, dann fühle ich mich auch frei gegenüber den äußeren Gegebenheiten und werde es auch mehr und mehr. Wie aber kann das geschehen? Da kann uns die Übung der Kontemplation 1 eine entscheidende Hilfe sein. Ich möchte es an einigen Gegebenheiten aufzeigen, die man beliebig vermehren könnte:

1. Freiheit gegenüber unseren Gedanken

a. Unsere Gedanken können uns wahrhaftig tyrannisieren. Wer kennt es nicht, dass er von einem bestimmten Gedanken einfach nicht loskommt. Mag es ein Problem sein, dass auf eine Lösung wartet, die ich nicht finde, mag es einfach das Einströmen verschiedenster Gedanken sein, das uns etwa abends am Einschlafen hindert. Mir sagte einmal jemand: "Ich suche seit Jahren vergeblich den 'Schalter', mit dem ich abends meine Gedanken ausschalten kann"

b. Nun verbindet sich bei vielen Menschen die Vorstellung von Kontemplationskursen damit, dass man da lernen könne, von allen Gedanken ganz frei und leer zu werden. Dazu dienten die Übungen. Ganz abgesehen davon, dass das dem Menschen kaum möglich ist - (große christliche Mystiker, wie Meister Eckehart, Johannes Tauler und auch Therese von Avila warnen ausdrücklich vor solchen Methoden als Übungen, die ihren Wert in sich selbst hätten) - birgt solches Üben eine echte Gefahr in sich: Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich selbst nach ersten Begegnungen mit Kontemplationsübungen, in denen wir aufgefordert wurden, möglichst alle Gedanken loszulassen, mit dem Üben aufhörte, als ich merkte, dass ich auch im Alltag in einem vorher nie erlebten Maße vergesslich wurde, die wichtigsten Termine und Aufgaben vergaß. Das konnte doch nicht der Sinne und das Ziel dieser Übungen sein! ( Wirkliche Meister der Kontemplation 3 sprechen auch nicht davon, die Gedanken abzuschalten, sondern sagen, man solle die Gedanken nicht beachten, sie einfach vorüberziehen lassen.)

c. Fragen wir bei unseren großen spirituellen Meistern der christlichen Tradition nach, so begegnen wir in den allermeisten Fällen einer großen Hochachtung des menschlichen Denkens, des menschlichen Geistes und des menschlichen Verstandes. Alle aber wissen auch davon, dass es einen Zustand während des Betens gibt, in dem der menschliche Verstand von Gottselbst ins Schweigen geführt wird. Therese von Avila leitet ihre Schwestern dazu an, das Denken erst dann einzustellen, wenn sie von Gott unmittelbar zum Gebet der Ruhe gezogen werden - dann sollen sie sich dieser inneren Ruhe und Stille dankbar überlassen. Und Johannes vom Kreuz spricht davon, dass es einen von Gott geschenkten Zustand gibt, wo alles Denken, aller Verstand verdunkelt wird, und der Mensch etwas erfährt, was alles Denken übersteigt. Man solle sich aber genau prüfen, ob einen Gott in dieses Stadium des Gebetes bereits gerufen habe. Und Meister Eckehart sieht in einem fast humorvollen Vergleich den Wettlauf des Verstandes mit dem Willen vor sich: Der Verstand eilt voraus - so wie Petrus mit Johannes zum leeren Grab um die Wette lief - aber er muss vor der letzten Wirklichkeit stehen bleiben, draußen warten, während der Wille ins innerste Heiligtum eintritt. Dennoch ist es der Verstand, der den Willen zu diesem Lauf überhaupt erst motiviert.

Und schließlich spricht die christliche Kirche schon in der Bibel vom "Geist Gottes" und vom "Heiligen Geist", damit aufzeigend, dass der menschliche Geist das (wirklichkeitsträchtige 4 ) Symbol ist, was am deutlichsten auf die Wirklichkeit Gottes hinzuweisen vermag.

d. Diese großen Möglichkeiten aber bestehen nur dann für den menschlichen Geist, das menschliche Denken, wenn es frei geworden ist von dem, was ich anfangs "die Tyrannei der Gedanken" nannte. Das geschieht schon auf rein menschlicher Ebene: Große bedeutende Erfindungen und Entdeckungen des menschlichen Geistes geschahen manchmal gerade nicht am Schreibtisch, wenn "der Kopf rauchte", wie der Volksmund sagt, sondern während einer Zeit der Entspannung, dort, wo der Gedankenfluss einmal zur Ruhe gekommen ist, wo das Kreisen um einen bestimmten Ge danken nicht mehr alle - und damit auch die echt schöpferischen - Kräfte blockiert.

Und das gilt natürlich in besonderem Maße auch für den geistlichen Bereich. Mich berührte es vor vielen Jahren tief, als ich von der "Notwendigkeit einer knienden Theologie" las. Genau das fehlte uns in unserer theologischen Ausbildung. Und dann erlebte ich es selbst über Jahre hinaus immer neu, dass sich die eigentlichen schöpferischen Kräfte gerade in der Gebetszeit entfalteten, dass sie aus der Stille, aus dem Abstand heraus erwuchsen. Die Gedanken, die da auftauchten, lagen oft deutlich auf einer anderen Ebene als diejenigen, die am Schreibtisch entstanden. Sie "belegten" mich nicht - im Gegenteil, wenn ich sie nicht bald festschrieb, dann zogen sie sich wieder zurück, als seien sie nie existent gewesen - ähnlich, wie man es bei Träumen erleben kann.

e. Welcher Weg nun führt dahin? Ich meine schon, dass Kontemplationsübungen entscheidend und hilfreich sein können, um dieser Freiheit ein wenig näher zu kommen. Übungen des absoluten Schweigens, in denen ich versuche, den Raum in mir zu suchen, den Meister Eckehart die "innere Burg" nennt, den Raum, den kein Mensch, kein Engel betreten, in den nicht einmal ich selbst mit meinen Gedanken "hineinlugen" kann . Oder anders gesagt, wie es manchem vielleicht heute verständlicher klingt: Es geht darum, dass ich mich "disidentifiziere" von meinen Gedanken, dass ich sie dort stehen lasse, wohin sie gehören, aber sie aus einem gewissen Abstand heraus anschaue. Dazu haben mir persönlich Schweigeübungen, wie sie in Kontemplationskursen angeboten werden, immer wieder entscheidend geholfen. Ich bin nicht einfach meine Gedanken - sie sind ein Teil von mir, wenn auch ein wichtiger und entscheidender Teil. Freiheit und Ganzheit bedeutet, die Möglichkeiten meines Verstandes dankbar anzunehmen, aber sie an der Stelle zu lassen, wo sie hingehören. Denn Gott ist immer mehr, als ich mit meinem Verstand fassen kann.

f. Meister Eckehart sagt: "Der Mensch soll sich nicht genügen lassen an einem gedachten Gott; denn wenn der Gedanke vergeht, so vergeht auch der Gott. Man soll vielmehr einen wesenhaften Gott haben", der weit erhaben ist über die Gedanken des Menschen".  6 Wenn jemand seinen Verstand gründlich gebraucht hat, dann ist es wohl Meister Eckehart - er wird als einer der größten abendländischen Denker bezeichnet - aber vielleicht gerade deshalb weiß er darum, dass man den Verstand an der richtigen Stelle einsetzen, an anderen Stelle aber auch loslassen muss. Damit sind wir bei dem Schlüsselbegriff Meister Eckeharts, der Gelassenheit 7 . Nur wer frei ist seinen Gedanken gegenüber, dem wird das möglich sein. Dieses zu üben, damit kommt der Mensch sein Leben lang an kein Ende.

2. Freiheit gegenüber unseren Gefühlen

a. Vielleicht noch mehr als von unseren unkontrollierten Gedanken sind wir von unseren Gefühlen abhängig und lassen uns oft von ihnen mehr bestimmen, als es gut ist. Mancher Mensch steht geradezu unter der Tyrannei seiner Gefühle. Von einem einzigen kleinen Misserfolgserlebnis kann der ganze Tag eine düstere Stimmung bekommen. Dieses eine kränkende Wort, dieses eine kurze Erlebnis bläht sich auf und erdrückt alles andere danebenstehende Erleben. Natürlich gibt es das auch umgekehrt: Eine besondere Freude kann den ganzen Tag verklären, auch was sonst düster und dunkel war, erscheint plötzlich in einem neuen Glanz. Nur dort sehen wir das als nicht so gefährlich an. Im Gegenteil, wir erleben an dieser Stelle etwas sehr Entscheidendes: Welche Energien und Lebenskräfte in unseren Gefühlen gespeichert sind und von ihnen freigegeben werden können, wenn wir sie recht nutzen.

Aber ebenso können uns eben auch negative Gefühle in unseren Energien lähmen, uns kostbare Lebenskraft blockieren.

b. Nun wissen wir heute auch mehr davon als die Generationen vor uns, wie gefährlich es ist, seine Gefühle zu unterdrücken, ja zu verdrängen. Immer wieder wird es von Psychologen herausgestellt, welch schwere Schäden für einen Menschen erwachsen, wenn er bereits in seiner Kindheit gezwungen wird, wichtige, echte Gefühle zu verdrängen, weil es für ihn überlebensnotwendig war, so zu sein, wie die Eltern ihn akzeptieren konnten.

c. Wieder steht damit die Frage vor uns: Wenn es weder gut ist, sich von seinen Gefühlen überschwemmen zu lassen, noch, sie möglichst zu unterdrücken oder zu verdrängen - wo ist dann die Möglichkeit, in rechter Weise mit seinen Gefühlen umzugehen? Wie kann ich die positiven Lebenskräfte, die sie in sich enthalten, für mein Leben fruchtbar machen - frei von der Angst vor dem Überschwemmt - Werden und frei von der Angst vor falscher Verdrängung? Was sagen unsere christlichen spirituellen Meister dazu? Meister Eckehart wendet sich gegen Menschen, welche meinen, die Vollkommenheit bestände in einer stoischen Freiheit von allen Gefühlen. Das ist nicht das christliche Ideal. "Nun sagen unsere biederen Leute, man müsse so vollkommen werden, dass uns keinerlei Freude mehr bewegen könne und man unberührbar sei für Freude und Leid...Ihr wähnt, solange Worte euch zu Freude und Leid zu bewegen vermögen, seiet ihr unvollkommen? Dem ist nicht so! (Selbst) Christus war das nicht zu eigen..." Und dann fährt er in diesem Zusammenhang fort: "Wohl bringt es [jemand]... dahin, dass ihn nichts von Gott abzubringen vermag, so dass, obzwar das Herz gepeinigt wird,...der Wille doch einfaltiglich in Gott verharrt und spricht: "Herr, ich (gehöre) dir und du mir!" Was immer dann (in einen solchen Menschen) einfällt, das behindert nicht die ewige Seligkeit, dieweil es nicht den obersten Wipfel des Geistes befällt dort oben, wo er mit Gottes allerliebstem Willen vereint steht."

d. Es geht also auch hier darum, den Ort in mir zu suchen und zu öffnen, der gewissermaßen "jenseits" meiner Gefühle steht; den Raum, in den meine menschlichen Gefühle keinen Eintritt haben, weil er Gott allein vorbehalten ist. Von diesem Raum aus kann ich dann auch meine Gefühle aus einem Abstand heraus betrachten, der mich nicht zwingt, die Gefühle zu verdrängen, aber mich dennoch von ihrer "Tyrannei" befreit. Gleichzeitig kann ich die Energien, die in den verschiedenen Gefühlen enthalten sind, voll nutzen und in mein Leben integrieren. Erst wenn ich mich nicht mehr mit meinen Gefühlen identifiziere -(wir merken meistens gar nicht, in welch starkem Maße wir das tun!) - kann ich mit ihnen in einer neuen Freiheit umgehen.

"Erst 10 mal tief durchatmen", sagt die Volksweisheit, wenn sie jemanden davor warnen will, aus unkontrollierten Gefühlen heraus eine Fehlhandlung zu begehen. In der Kontemplation tue ich im Grunde das gleiche: Atmend lasse ich mich in den Raum "jenseits" meiner Gefühle hineinnehmen - in die innerste Mitte meines Seins - uns von da aus erlebe ich mich mehr und mehr als einen Menschen, der nichts an Gefühlen verdrängen muss, der nach wie vor Freude und Schmerz in einer wachsenden Tiefe erfahren kann. Und doch lasse mich nicht mehr von jeder "Stimmung" "bestimmen" - ich kann verantwortlich umgehen mit Freude und Schmerz - kann auch einen heftigen Schmerz erst mal "beiseitelegen", wenn andere Aufgaben mich voll fordern, um ihn dann zu gegebener Zeit ganz an mich heranzulassen, um an ihm zu wachsen und zu reifen. Und dann mag es geschehen, dass ich sogar spüre, welche inneren Energien auch in einem echten Schmerz verborgen sind und freigesetzt werden können, wo ich diesen Schmerz annehme.

e. Meister Eckehart fasst diese Möglichkeit in einem ganz kurzen, aber entscheidenden Satz zusammen: "Du sollst nicht hoch anschlagen, was du empfindest; achte vielmehr für groß, was du liebst und erstrebst" 9 . Er weiß von einem "Überschreiten ... des Leides um Gottes willen"  10 ein Überschreiten hinein in den Raum, der jenseits des Leidens in mir liegt.

3. Freiheit gegenüber unseren Wünschen

a. Vielleicht gehörte das zu den wichtigsten Aufgaben, an denen die Menschen unserer Zeit zu arbeiten hätten: Frei zu werden von den Ansprüchen, die mit wachsendem Wohlstand auch wachsende Wünsche und Forderungen an das Leben implizieren. Meistens haben die Wünsche doch uns, anstatt dass wir die Wünsche hätten! (Und die Werbung setzt hohe psychologische Erkenntnisse zu diesem Dienst ein!!) Erleben wir es nicht in unserem persönlichen Leben: Ein Ziel zu haben ist etwas Gutes und Schönes, und es setzt große Energien frei. Aber solch ein "Ziel" kann uns auch auffressen, wenn es zu hoch gesteckt ist. Von vielen Teilnehmern von Meditationskursen wird der Leistungsdruck, unter dem sie leiden, immer wieder als Grund angegeben, weshalb sie eine neue Ausrichtung für ihr Leben suchen. Wünsche und Pläne für ein Leben sind etwas Gutes, aber wenn irgendwo, dann ist hier die benediktinische Tugend des "Maßhaltens", die "discretio" gefordert. Sicher ist es kein Zufall, dass dieses lateinische Wort mit zwei verschiedenen deutschen Worten zu übersetzen ist: mit "Unterscheidungsgabe" und "weiser Mäßigung" - beides gehört untrennbar zusammen.

b. Natürlich gilt auch hier, dass es eine Gefahr des "Zuwenig" gibt: Wer keine Wünsche, keine realisierbaren Wünsche mehr vor sich hat, lebt ein Leben, das schon kein echtes Leben mehr ist. Unerfüllte und unerfüllbare Wünsche rufen Schmerzen wach - Schmerzen, die manchmal so heftig sein können, dass man die Wünsche lieber verdrängt. Die bekannte Fabel von den Trauben, die zu hoch hängen oder zu sauer sind, spricht davon. Als ich einmal von einer unerklärlichen und gleichzeitig unerträglich starken Angst überfallen wurde, fragte mich ein erfahrener Seelsorger, dem ich mich anvertraute, ob ich irgendwelche versteckten Aggressionen oder Wünsche nicht zuließe. Ich prüfte mich lange und ergebnislos auf verdrängte Aggressionen - aber als ich mich nach Wünschen fragte - da brach ein unterdrückter Wunsch mit solch eruptiver Macht aus meinen Tiefenschichten auf, dass mich die Gewalt meiner Angstzustände nicht mehr in Verwunderung setzte.

c. Wenn wir auch hier wieder unsere christlichen Meister fragen nach ihrem Umgang mit diesen Fragen, treffen wir auf eine entscheidende Dimension ihres Denkens: den Umgang mit dem "Willen". Ich habe lange nicht begriffen, dass im Mittelalter und zum Beginn der Neuzeit noch ein anderes Verständnis dieses Worte lebendig war, als wir es heute haben. Willen wird bei den mittelalterlichen und spätmittelalterlichen Meistern oft einfach mit Liebe gleichgesetzt; mindestens stehen diese beiden Begriffe so unmittelbar beieinander, dass es uns heute in Verwunderung setzen kann. Willen impliziert z.B. für Meister Eckehart den Einsatz des innersten Personkerns. Vielleicht könnte man es vereinfacht so ausdrücken: Der "Wille" liegt für den damaligen Menschen nicht wie für uns im Kopf - genauer: in der Stirn ("mit dem Kopf durch die Wand wollen"), sondern im "Herzen". Er impliziert die echte Liebe und die mit dieser Liebe verbundenen Gefühle. Und nun liegt - besonders deutlich bei Meister Eckehart - das entscheidende Geschehen im geistlichen Leben in einer Umpolung dieses Willen: Der Mensch muss seinen Willen "lassen" damit Gottes Wille diesen Raum einnehmen kann: "Wenn einer für sich selbst nichts will, für den muss Gott in gleicher Weise wollen wie für sich selbst" 11 Meister Eckehart kann den Willen des Menschen geradezu gleichsetzen mit dem falschen "Ich": "Darum sprach unser Herr: "Selig sind die Armen im Geist" (Matth.5,3), das heißt: an Willen. Und hieran soll niemand zweifeln: Gäb's irgend eine bessere Weise, unser Herr hätte sie genannt, wie er ja auch sagte "Wer mir nachfolgen will, der verleugne zuerst sich selbst" (Matth.16,24); daran ist alles gelegen. Richte dein Augenmerk auf dich selbst, und wo du dich findest, da lass von dir ab; das ist das Allerbeste." 12

d. Wie aber kann ich zur Freiheit meinen Wünschen gegenüber gelangen? Meister Eckehart gibt keine Methoden dieses Von - Sich - Ablassens an. Lediglich in einer der Meister Eckehart - Legenden steht das Wort vom Stillesitzen: "Wer hat dich heilig gemacht, Bruder?" - wird der "arme Mensch" gefragt. Und er antwortet: "Das tat mein Stillesitzen und meine hohen Gedanken und meine Vereinigung mit Gott" 13

Die Erfahrungen, die heutige Menschen mit den Kontemplationsübungen im Sitzen (sa-zen) machen, lassen hier auf eine ursprüngliche, menschliche Möglichkeit schließen, die über die Konfessions- und Religionsgrenzen hinaus gelten dürften.

Wenn ich persönlich eine bestimmte Zeit lang betend in das innere Schweigen gehe, das vom äußeren Stillsitzen getragen wird, dann kann ich nach einer gewissen Zeitspanne - meistens sind es etwa 10 bis 20 Minuten - erleben, dass eine deutliche Umschaltung in meinem Denken und Empfinden einsetzt. Ich gewinne Abstand, von dem, was mich eben noch so umtrieb, die Aufgaben, die vor mir liegen, ebenso wie Wünsche und Pläne, relativieren sich und ich werde frei, zu erkennen was wichtig und was weniger wichtig ist. Ich bekomme die Freiheit zum echten Tun oder Lassen.

Damit aber kein Missverständnis aufkommt: Nicht immer gelingt das. Es geht hier im geistlichen Leben nicht einfach um Methoden, die ich anwenden kann und damit erreichen, was ich möchte. Auch das innere Stillwerden ist Geschenk, nicht Verdienst.

e. Die ganze Frage fasst Meister Eckehart zusammen in einem entscheidenden Wort: "Du sollst nicht hoch anschlagen was du empfindest, achte vielmehr für groß, was du liebst und erstrebst"14 Wo liegt das innere Schwergewicht in meinem Leben? Frei von der Sklaverei, in die uns Stimmungen und Gefühle versetzen können, werden wir nur, wenn wir "uns nicht so wichtig nehmen", wie Johannes der XXIII. sagte: Nimm Deine Stimmungen und Gefühle nicht so wichtig, sondern sei mit deinem ganzen Herzen bei dem, was das Ziel deines Lebens ist: Gott selbst und nichts anderes.

4. Freiheit vom Beherrscht - Werden durch die Arbeit

a. Wie gut es ist, wenn der Mensch arbeiten kann, das musste uns wohl erst unsere Zeit der Arbeitslosigkeit nun wieder ganz deutlich machen! Aber das wusste man früher auch schon. Für Meister Eckehart ist es fraglos, dass der Mensch in diesem Leben nicht ohne Tätigkeit sein kann.15  Und wenn Martin Luther im 90. Psalm übersetzt: "Wenn es (das menschliche Leben) kostbar gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen", dann steht dahinter die Erfahrung der Menschen seiner Zeit: Des Menschen Leben besteht vorwiegend aus Anstrengung, Arbeit und Mühe.

Und doch gehen wir wohl nicht fehl, wenn wir meinen, dass noch keine Generation so von der Hektik geprägt war wie die unsere. Wir haben irgendwie ein anderes Verhältnis zu der Arbeit als frühere Generationen. Es ist, als hätten wir den Grund unter den Füßen verloren, von dem aus wir in verantwortlicher Freiheit mit unserer Arbeit umgehen können, anstatt uns von den Aufgaben "auffressen" zu lassen, wie der Volksmund so treffend sagt. Es ist hier nicht der Ort, den Gründen dafür auf die Spur zu kommen - aber es ist der Ort, um die Frage zu stellen, wie wir unsere verlorene Freiheit den uns bedrängenden Aufgaben gegenüber wiedergewinnen können. Viele Menschen unserer Zeit gehen aus einem Zuviel an Arbeit am echten Leben vorüber.

b. Daneben steht das andere: Es müssen nicht nur die "Aussteiger" sein, die nach einer anderen, alternativen Lebensform zu unserer leistungsgeprägten Gesellschaft suchen. Auch Jugendliche, die bewusst nicht den Beruf ihrer Eltern wählen, weil sie sagen: "So wie ihr möchte ich mein Leben nicht leben", stellen unsere Überbetonung der Arbeit in Frage. Der Versuch, gerade als glaubender Christ sich von aller Arbeit zu dispensieren, ist so alt wie die Kirche selbst. Schon der 2.Thessalonicherbrief wendet sich gegen solche Menschen, die in Erwartung des nahen Endes meinen, sie brauchten nicht mehr zu arbeiten. Paulus stellt sich energisch dagegen: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" (2 Thess.3,10).

Und es gehört zu den ersten Erfahrungen der Wüstenmönche, dass neben dem Gebet die Handarbeit stehen muss: Auch ein Mensch, dem das Herz für Gott brennt, kann nicht auf die Dauer nur vom Gebet leben. Das Gebet bleibt nur dann fruchtbar, wenn er in gesunder Weise durch die Handarbeit ergänzt wird. Das wurde bereits Antonius gezeigt in der bekannten Vision, die er hatte.

c. Vielleicht ist es manchem von Ihnen auch schon mal so gegangen wie mir: Wenn ich vor der Reihe der Bände stand, die die Lutherwerke umfassen - wenn ich das Gesamtwerk eines Thomas von Aquin vor Augen hatte - konkret in den Fächern eines Bücherregals -, dann fragte ich mich manchmal: Woher haben die Menschen damals die Zeit genommen, so viel zu schreiben - ohne Schreibmaschine, ohne Computer? Sie müssen ein anderes inneres Verhältnis zu ihrer Arbeit gehabt haben. Wenn ich unter Druck stehe, dann schaffe ich bedeutend weniger, als wenn ich mit innerer Freude an eine Arbeit herangehe. Schon als Jugendliche wurde mir bewusst: Wie schnell war ich außer Atem, wenn ich nach der Straßenbahn rannte, die ich unbedingt noch bekommen wollte! Und wie viel länger konnte ich rennen, wenn ich es aus reinem Vergnügen tat! Ich glaube, dieses simple Beispiel kann uns etwas helfen, zu verstehen, was uns Meister Eckehart im Blick auf unsere tägliche Arbeit zu bedenken gibt. Er geht die Fragen ganz grundsätzlich an und stellt zwei Grundregeln auf:

1. Der Mensch soll seine Werke wirken "sonder warumb".16  Eckehart meint, der Mensch solle sich nicht "von außen" bestimmen oder drängen lassen, irgendetwas zu tun, sondern soll den Anschluss an die innere Quelle finden. Wie das Leben selbst von innen her lebt - ohne äußeren Grund - so sollen auch die Tätigkeiten des Menschen aus seinem Inneren herausquellen. Dann fällt vieles weg, was Kräfte verzehrt: die Suche nach Anerkennung, das Warten auf die innere Befriedigung. Alles das bedeutet für Meister Eckehart "Ichgebundenheit" an irgendwelches Werk. Er warnt vor jeder solchen Ichgebundenheit, die "dir die Freiheit benimmt, in diesem gegenwärtigen Nun Gott zu Gebote zu stehen und ihm allein zu folgen in dem Lichte, mit dem er dich anweisen würde zum Tun und Lassen, frei und neu in jedem Nun, als ob du anders nichts hättest noch wolltest noch könntest..."  17 Letzten Endes ist alles Tun des Menschen im Dienste Gottes nichts anderes als "Fruchtbarwerden der Gabe" Gottes

2. Weiter weist Meister Eckehart dringend darauf hin, dass es bei allem Tun des Menschen um nichts anderes gehen dürfe als um Gott allein: "Alle deine Werke sollen damit belohnt sein, dass dein Gott um sie weiß und dass du ihn darin im Sinne hast; das sei dir allzeit genug" . 17 Welche Freiheit könnte das schenken, wenn wir uns dieses Wort ganz zu eigen machen könnten!

d. Wieder geht kein Weg daran vorüber, wenn ich zu dieser Freiheit gelangen will, dass ich mich immer neu disidentifiziere von meiner Gebundenheit an mein Tun. Als hätte er einen Blick in unsere heutige Welt geworfen, fährt Meister Eckehart in der oben genannten Predigt fort: "du hast auch weder zu Gott noch zu dir selbst Vertrauen, du habest denn dein Werk vollbracht, das du mit Ich-Bindung ergriffen hast; sonst hast du keinen Frieden...und die Frucht ist dennoch klein, weil sie aus dem Werke hervorgegangen ist in Ichgebundenheit und nicht in Freiheit." 19

Konkret geht es also auch hier wieder darum, den "Ort" in mir zu suchen, wo die lebendige Quelle quillt, den Ort, zu dem weder der Wunsch, erfolgreich zu sein noch die Angst, in meinen Aufgaben zu versagen, Zugang hat - es geht darum, diesen Raum in mir zu öffnen, wo die schöpferischen Fähigkeiten entspringen (s.o.) Gerade in diesem Zusammenhang ist es nicht ganz leicht, die Freiheit zu finden, die als Voraussetzung immer wieder nötig ist, um den Raum der Freiheit offen zu halten.

An einem persönlichen Beispiel möchte ich verdeutlichen, was ich meine: Oft denke ich, ehe ich meine Gebetszeit beginne, ich hätte im Augenblick bestimmt keine halbe Stunde Zeit für das Beten, weil so viel anderes, Dringendes anliegt. Wenn ich dann aber doch wenigstens für 10 Minuten in die Stille vor Gott gehe, geschieht es fast regelmäßig nach etwa 10 Minuten, dass die Pläne, dass das, was ich meinte, unbedingt jetzt tun zu müssen, relativiert wird und ich merke, dass ich durchaus jetzt eine halbe Stunde Zeit zur Verfügung habe. Auch hier wieder geht es also wieder um die Disidentifikation von meinen mir so wichtigen Plänen und Wünschen: Ich muss den Ort in mir suchen, von dem aus ich meinen Plänen und Aufgaben gegenübertreten kann, um sie beurteilen zu können.

e. Es gibt eine schöne deutsche Redensart, die Meister Eckehart häufig gebraucht: Das Wort vom Tun und Lassen.

Erst wenn ich ebenso frei bin, etwas, das an Arbeit oder Aufgabe vor mir liegt, zu tun oder zu lassen - im Horchen auf Gottes Willen - dann bin ich wirklich frei von meiner "Ichgebundenheit" an meine Arbeit geworden. Meister Eckehart würde an dieser Stelle einfügen: Das soll sich der Mensch alles kosten lassen, was er vermag, er wird sein Leben lang damit an kein Ende kommen!

5. Freiheit von der Fremdbestimmung durch andere Menschen

a. Wir alle leben in einem Beziehungsgefüge unter vielerlei Menschen. Das ist gut und richtig so. Keiner von uns ist ein Robinson, der sein Leben unabhängig von anderen Menschen einfach nach seinen eigenen Wünschen gestalten könnte.

Aber wo ein Mensch seine Identität nur noch von anderen Menschen her bezieht, wo er sich nur noch von ihnen her definiert, dort tritt eine echte Gefahr zutage: Ob es nun "depressive Typen" 20 sind , welche ihre Lebensberechtigung davon herleiten, dass sie von anderen Menschen gebraucht werden, oder ob ein "hysterischer Typ" 21nur leben kann, wenn er ständig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer Menschen steht - in jedem Falle bedeutet diese Bindung an andere Menschen eine tiefe Unfreiheit, eine Unfähigkeit, das eigene Leben wirklich und wahrhaft zu leben. Ebenso gibt es diese Unfreiheit da, wo ein Mensch sich ständig von seiner Sympathie oder Antipathie bestimmten Menschen gegenüber leiten lässt - besser wäre es, zu sagen: treiben lässt. Alle diese Haltungen hindern ihn, "in diesem gegenwärtigen Nun frei und ledig" zu stehen "für den liebsten Willen Gottes" 22

b. Natürlich gibt es auch hier die andere, gegenteilige Gefahr: dass ein Mensch sich so in sich selbst verkapselt und zurückzieht, dass er letztlich damit alle echte Verbindung zu anderen Menschen abbricht. Wenn wir auch hier auf die Riemann'schen Typen eingehen wollen, so haben wir den "schizoiden Typ"23 vor uns: den Menschen, der aus Angst vor Nähe jeder wahren, echten menschlichen Begegnung ausweicht. Auch das ist eine Form der tiefen Unfreiheit, vielleicht oft noch belastender als die eben genannten Weisen.

c. Was sagen uns die geistlichen Meister zu dieser Frage? Wieder ist es hier Meister Eckehart, der uns die Notwendigkeit einer radikalen Änderung unserer Einstellung aufzeigt: Wahrhaft frei werde ich Menschen gegenüber erst dann, wenn ich jeden einzelnen, wer es auch sein mag, so liebe, wie mich selbst - nach dem Wort Jesu: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Mt 19,19). Meister Eckehart sagt in einer Predigt: "[Es ist nötig, dass] du in der menschlichen Gesellschaft gleich stehst, dir selbst nicht näher als einem andern. Du sollst alle Menschen gleich wie dich lieben und gleich achten und halten; was einem andern geschieht, sei's bös oder gut, das soll für dich so sein, als ob es dir geschehe." Und in einer andern Predigt sagt er: "Solange du deiner Person mehr Gutes gönnst als dem Menschen, den du nie gesehen hast, so steht es wahrlich unrecht mit dir" .24.

Gefährdet aber eine solche Einstellung nicht die von Christus geforderte Liebe? Im Gegenteil: Wer seine Ichbindung an andere Menschen loslässt, wird es erleben, dass "alle Leute, insofern sie Menschen sind, ihm ungleich lieber werden, als ihm jetzt von Natur aus Vater, Mutter oder Bruder lieb sind" .25 Es geht also nicht um eine Minderung der Liebe, sondern um die Freiheit des Menschen zu größerer Liebe. Aber auch das weiß Meister Eckehart, dass solches nicht leicht ist und nicht allen Menschen gelingt: "Doch muss man's hinnehmen, so wie manche Leute übers Meer fahren mit halbem Winde und auch hinüberkommen".26

d. Ist solches aber überhaupt dem Menschen möglich? Für Meister Eckehart ist es eine Frage der Liebe zu Gott, die solches möglich macht: "Wo das Herz Gottes voll ist, da können die Kreaturen keine Stätte haben noch finden." 27 Es reicht also nicht aus, einfach den innersten Raum der Leere in mir zu suchen, sondern dieser Raum soll "Gottes voll" sein - hier sitzt die Liebe, die "wahrhaft Gott sucht"(RB), wie Benedikt von seinen Novizen fordert. In dem Maße, wie der Mensch sich nach Gott sehnt, in dem gleichen Maße entdeckt er das Bild seines geliebten Gottes auch in jedem Menschen, meint Meister Eckehart: "[In einem solchen Menschen]" vollzieht sich eine loslösende Abkehr und eine Einprägung seines geliebten, gegenwärtigen Gottes. Vergleichsweise so, wie wenn es einen in rechtem Durst heiß dürstet: so mag der wohl an andere Dinge denken; aber was er auch tut und bei wem er sein mag, in welchem Bestreben oder welchen Gedanken oder welchem Tun, so vergeht ihm doch die Vorstellung des Trankes nicht, solange der Durst währt; und je größer der Durst ist, um so stärker und eindringlicher und gegenwärtiger und beharrlicher ist die Vorstellung des Trankes. Oder wer da etwas heiß mit ganzer Inbrunst so liebt, dass ihm nichts anderes gefällt und zu Herzen geht als (eben) dies, und er nur nach diesem verlangt und nach sonst gar nichts: ganz gewiss, wo immer ein solcher Mensch sein mag oder bei wem oder was er auch beginnt oder was er tut, nimmer erlischt doch in ihm das, was er so sehr liebt, und in allen Dingen findet er (eben) dieses Dinges Bild")28

6. Freiheit von der Überflutung durch Bilder

a. Bilder wirken viel stärker als Worte. Und der Mensch braucht Bilder - gute innere Bilder - wenn er seelisch gesund bleiben oder es werden will. Nirgends wurde mir das so deutlich, wie durch die Selbstbiographie der Helen Keller, die als taub-stumm-blindes Kind erst zum menschlichen Leben erwachte, als ihr durch ein begnadete Lehrerin der Zugang zu den Bildern ermöglicht wurde.29

Hier liegt wohl auch die segensreiche Wirkung inhaltlicher Meditation, die oft bis ins Körperliche hinein Heilung erwirken kann, wo sie regelmäßig ausgeübt wird. Menschen suchen nach echten Bildern, bewusst oder unbewusst: Wo auch immer Vorträge oder Übungen mit der Thematik der Märchen angeboten werden, sind die Räume überfüllt, das wurde bei Kirchentagen besonders deutlich. Irgendwie spüren die Menschen, - vielleicht ohne es genau formulieren zu können -, wie dringend sie der guten, heilenden Bilder bedürfen.

Aber fehlen uns heute wirklich die Bilder? Könnte man die Situation der meisten Menschen unserer Zeit nicht eher bezeichnen als: von Bildern umgeben und verfolgt? Die Überflutung durch Bilder geschieht vor allem durch das Fernsehen, aber auch durch die Illustrierten in einem solch starken Maße, dass das Wort daneben gar keinen Platz mehr zu haben scheint. Was Bilder geradezu gefährlich machen kann, ist, dass sie oft "Urbilder", "Archetypen" in uns ansprechen und - vom Verstand nicht zu steuern - deren unkontrollierte Energien freisetzen. Das können Menschen zum Positiven nutzen und auch zum Negativen, das wussten nicht nur die Nationalsozialisten, sondern das weiß jede "psychologische Kriegführung", darum weiß jeder Betrieb, der seine Ware durch Werbung an den Mann bringen will.

b. Gefahren liegen also sowohl in fehlenden Bildern als auch in der Überflut von Bildern - in krankmachenden statt in heilenden Bildern, wie sie uns allerorts begegnen können. Bilder können uns sowohl fesseln als auch zerstören. Symbole können uns Weg zu Gott werden - wie wir in den Gleichnissen Jesu erleben - aber sie können uns auch den Weg zu Gott verbauen, wo wir sie absolut setzen, wo sie uns zu "Götzen" werden. Wo finden wir das rechte Maß - und was können wir selbst dazu tun?

c. Meister Eckehart sagt in diesem Zusammenhang ein grundlegendes Wort, dass man nicht oft genug hören und tief genug in sich einlassen kann: Der Mensch "muss lernen, die Dinge zu durchbrechen und seinen Gott darin zu ergreifen und den kraftvoll in einer wesenhaften Weise in sich hineinbilden zu können." 30

Meister Eckehart weiß um den Zusammenhang zwischen äußeren und inneren Bildern: Der Mensch sieht ein äußeres Bild und zieht es in sich hinein, nur so kann er die Welt überhaupt erkennen. Die Richtung des Menschen in seinem geistlichen Leben soll aber immer nach innen und nicht nach außen gehen: "Die Leute, die da Frieden suchen in äußeren Dingen... das... gibt keinen Frieden. Sie suchen völlig verkehrt, die so suchen. Je weiter weg sie in die Ferne schweifen, umso weniger finden sie, was sie suchen. Sie gehen weiter wie einer, der den Weg verfehlt: je weiter der geht, um so mehr geht er in die Irre." 31Daraus ergibt sich die Aufgabe, nicht die äußeren Bilder zu durchbrechen, um Gott irgendwo in weiter, unerkennbarer Ferne zu suchen, sondern das innere Bild, das ich angesichts des äußeren Bildes jeweils in mir vorfinde, zu "durchbrechen" in diese letzte Tiefe in mir hineinzuspüren, wo Gott selbst verborgen "west", wo Gott mit seinem Wesen "wesentlich" in meinem Wesen anwesend ist.

d. Wie kann ich das aber nun konkret tun? Hier gibt Meister Eckehart recht genaue Hinweise. In einem Vergleich macht er deutlich, wie er es meint, dass der Mensch die Dinge durchbrechen soll, um seinen Gott darin zu greifen: "Vergleichsweise so wie einer, der schreiben lernen will. Fürwahr, soll er die Kunst beherrschen, so muss er sich viel und oft in dieser Tätigkeit üben, wie sauer und schwer es ihm auch werde und wie unmöglich es ihn dünke: will er's nur fleißig üben und oft, so lernt er's doch und eignet sich die Kunst an. Fürwahr, zuerst muss er seine Gedanken auf jeden einzelnen Buchstaben richten und sich den sehr fest einprägen. Späterhin, wenn er dann die Kunst beherrscht, so bedarf er der Bildvorstellung und der Überlegung gar nicht mehr, und dann schreibt er unbefangen und frei, und ebenso ist es auch, wenn es sich um Fiedeln oder irgendwelche Verrichtungen handelt, die aus seinem Können geschehen sollen. Für ihn genügt es völlig zu wissen, dass er seine Kunst betätigen will; und wenn er auch nicht beständig bewusst dabei ist, so vollführt er sein Tun doch, woran er auch denken mag, aus seinem Können heraus. So auch soll der Mensch von göttlicher Gegenwart durchdrungen und mit der Form seines geliebten Gottes durchformt und in ihm verwesentlicht sein, so dass ihm sein Gegenwärtigsein ohne alle Anstrengung leuchte.32


Anmerkungen:

1   Erstellt 1989 - 11 unveröffentlicht

2  Das Wort Kontemplation wird sehr unterschiedlich verwendet. Hier ist es in dem Sinne gemeint, dass ich mehr und mehr versuche, meine inneren Gedanken und Bilder zur Ruhe zu bringen, um mich dem innersten „Bereich“ zu nahen, wo ich - ungestört von diesen Ruhestörern - offen werde für die leisen Impulse des Heiligen Geistes.

3 vgl. z. B. Thomas Keating, Das Gebet der Sammlung Münsterschwarzach 1987

4 Es sind - nach Paul Tillich (Systematischen Theologie Bd. 3) entfaltet -
fünf wesentliche Aspekte, die ein echtes geistliches Symbol kennzeichnen:

- Erstens - ein geistliches Symbol erschließt im Meditierenden Möglichkeiten seines Wesens, die sich dadurch für die Erfüllung durch Gott öffnen.
- Zweitens - ein geistliches Symbol hat wahren und echten Anteil an dem, worauf es symbolisch hinweist, und vermittelt dem, der sich meditierend darauf einlässt, Anteil an dieser Wirklichkeit.
- Drittens - ein geistliches Symbol weist weit über sich selbst hinaus: Die Wirklichkeit, auf die es zeichenhaft hinweist, übersteigt jedes Symbol unendlich.
- Viertens - jedes Symbol steht in der Gefahr, zum dämonischen Zerrbild zu werden, wo man es seines Hinweischarakters entkleidet und absolut setzt.
- Fünftens - die geistliche Wirklichkeit dagegen ist immer in Gefahr, zum abstrakten Prinzip zu verblassen, wo der Mensch meint, ohne Symbolbilder auskommen zu können.
   Quint, S. 164, Z.2ff

6  Quint, S. 60, Z.20ff

vgl. K. Johne, „Ewigkeit inmitten der Zeit“, Zürich 1998, S. 65ff

Quint, S. 287, Z.26ff

9  Quint, S. 83, Z. 1ff

10 Quint, S. 122, Z.12ff

11  S. 53, Z. 18ff

12  Quint, S. 56, Z.29f

13  Quint, S. 444, Z.2O

14  S. 83, Z. 1ff

15  S. 63, Z.15ff: „Da nun aber der Mensch in diesem Leben nicht ohne Tätigkeit sein kann, die nun einmal zum Menschsein gehört und deren es vielerlei gibt, darum lerne der Mensch, seinen Gott in allen Dingen zu haben und unbehindert zu bleiben in allen Werken und an allen Stätten.“

16  Johne, Benziger S. 85

17  Quint, S. 160, Z.19ff

18  Quint, S.77, Z. 6ff

19  Quint S. 160

20  Riemann, Fritz: „Grundformen der Angst“, Reinhardt-Verlag, München, 2000 oder im Internet eine Kurzfassung in: http://www.grenzwissenschaft.de/texte/_derived/nv040.htm_cmp_ngfg010_bnr.gif

21  s.o. Anm. 20

22 Quint, S.159, Z.21ff (Pr.2)

23  s.o. Anm.20

24  Quint, S. 175, Z.10ff

25  Quint, S.112, Z.14

26  Quint, S. 214, Z. 15ff

27  Quint, S.62, Z 12ff

28 Quint, S.60 Z.29ff

29  Helen Keller: Geschichte meines Lebens, Evangelische Verlagsanstalt, Berlin, 1977

30  Quint, S.61, Z.29

31  Quint, S. 56, Z.3ff

32  Quint, S. 61, Z.21ff


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