Karin Johne
Meditation und Buße 1


Überblick:
Verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes (Röm 12.2)" 1.Buße meint das je neue Umkehren vom selbstgemachten Gottesbild zum lebendigen, wahrhaftigen Gott selbst.
2. Buße meint das je neue Umkehren von meinem falschen "Ich" zu meinem wahren "Selbst".
3. Buße meint das je neue Umkehren vom Kreisen um das eigene Ich zur Liebe, die wirklich den anderen meint.

Verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes (Röm 12.2)"
Metanoeite - das heißt:
 
- "ändert euren Sinn",
- "verändert euer Wahrnehmungsvermögen",
- "tut Buße",
- "kehrt um",
"Metanoeite" - das istdas erste Wort Jesu, das uns das Markusevangelium berichtet; wie ein Fanfarenruf klingt es, ein unüberhörbares Programm seiner ganzen Verkündigung, denn: "das Reich Gottes ist nahe"!

Was meint dieser Ruf zur Umkehr, der die ganze Heilige Schrift durchzieht und die erste Predigt Jesu bestimmt? Zuerst gewiss den grundlegenden Akt einer klaren und bewussten Entscheidung der ganzen Person (Symbol dafür ist das Untergetauchtwerden in der Taufe) - aber dann ebenso wichtig und sich unmittelbar daraus ergebend: einen lebenslangen Weg in der Bereitschaft zu jeweils neuer "Umkehr", wo es sich nötig macht.

Diese Bereitschaft, zur Grundhaltung geworden, meint die wachsende innere Wachheit, sich immer neu von dem wegzukehren, was nicht zu Gott hinzielt - und sich in dieser gleichen Wendung dem lebendigen Gott wieder zuzukehren. Solche Grundhaltung wird dem Christen durch den Heiligen Geist geschenkt (Hes. 36,26f) und geschieht in der "Neueröffnung seines Herzens'" (Ps. 51,12). Diese Möglichkeit entlässt den Menschen nicht aus seiner Eigenverantwortung, sonder fordert sie gerade voll und ganz ein, indem es sie ermöglicht.

Dieses Tun des Menschen - so sehr es ihn in seiner gesamten Lebenspraxis anspricht und nichts ausklammert - entspringt aber aus der Lebensmitte des Menschen, eben aus seinem "Herzen". Und damit ist es legitim, nach möglichen Hilfen zu fragen, welche die Meditation in ihren verschiedenen Prägungen auf diesem Wege geben kam, wenn immer Meditation eine Möglichkeit ist, den Menschen in Verbindung mit seiner eigenen Mitte zu bringen. Ich möchte einiges von dem, was man dazu sagen könnte, hier in drei verschiedenen Aspekten darstellen, die sich im lebendigen Vollzug gegenseitig ständig durchdringen.

1. Buße meint das je neue Umkehren vom selbstgemachten Gottesbild zum lebendigen, wahrhaftigen Gott selbst.

"Von allen euren Götzen will ich euch reinigen", steht bei Hesekiel unmittelbar vor der Verheißung des "neuen Herzens". Es liegt zutiefst im Menschen begründet, dass er sich "Gottesbilder" macht; Vorstellungen über Gott, die jeweils tief in seiner eigenen Lebensgeschichte begründet sein mögen. Sie alle haben die gefährliche Eigenschaft, dass sie sich vor den lebendigen Gott stellen und den Zugang zu ihm blockieren können. Das macht ja den Ruf zur Umkehr so dringlich!

Was aber kann mir helfen zu dieser Wende vom selbstgemachten Bild Gottes zu ihm selbst? Eine einfache, aber entscheidende Möglichkeit hat 1668 ein Franziskaner in einem Gespräch mit Jeanne Marie de Guyon gewiesen: "Gewöhnen Sie sich daran, Gott in lhrem Herzen zu suchen, so werden Sie ihn dort finden."  2 Er nimmt damit eine breite Strömung frühchristlicher Spiritualität auf. Wer die "Kehre" bei seinem Gott-Suchen vollzieht, ihn in sich, statt außer sich sucht, kann bei diesem In-Sich-Hineinschauen eines Tages einem Gott begegnen, der viel weniger durch "Bilder" verdeckt ist als der Gott, den man "außen" suchte.

Das kann in gegenständlicher Meditation geschehen. Christliches Meditieren weiß seit alters darum, dass ich mich in der "lectio divina", der Schriftlesung, mit Gestalten der Heilsgeschichte identifizieren kann, damit sie in mir selbst Gestalt gewinnen können. So erwachen sie in mir gewissermaßen neu zum Leben, aber in der mir eigenen Art und Weise, nicht als ein von außen übernommenes Bild. Zentrum dieses Meditierens ist das Schauen auf das Bild Jesu, wie es uns die Evangelien malen. So entfaltet sich im Schauen auf den Christus außer mir der Christus in mir, so werde ich mehr und mehr in ihn verwandelt (Gal. 2,20) - in den Christus, der allein der Weg zum Vater ist (Joh 14,7). Je mehr ich mich in Christus hinein verwandeln lasse, desto tiefer wird mein innerster Personkern - im fortlaufenden Prozess des Verwandeltwerdens - für mich der Weg zum Vater.

Die Mystiker wussten um die geheimnisvolle Verwobenheit von Selbsterfahrung und Gotteserfahrung inder "innersten Seelenspitze" (Meister Eckehart) oder dem "Seelengrund" (Johannes Tauler) des Menschen. Dort begegnen sieeinem Gott jenseits aller Bilder und Vorstellungen. Der Weg der gegenstandslosen Meditation - heute oft als Kontemplation bezeichnet - nimmt dieses Anliegen auf und bietet methodische Hilfen an: Indem ich schlechthin alle "Gedanken", d.h. alle Vorstellungen, Bilder, Gefühle u.ä. vorüberfließen lasse, ohne mich daran festzuhalten, lasse ich damit auch alle vorläufigen, mich blockierenden Gottesbilder zurück.3 Das Ziel ist es, an der Schwelle des letzten, abgrundtiefen Schweigens etwas von dem Geheimnis Gottes zu ahnen, wie er in sich selbst ist, jenseits aller Bilder und Vorstellungen.4 Das aber wird nur dort möglich, wo ich auch Blockierungen, die in mir selbst den lebendigen Fluss des Lebens hemmen, erkenne und löse.

2. Buße meint das je neue Umkehren von meinem falschen "Ich" zu meinem wahren "Selbst".

So einfach, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist der Weg in diese innerste Tiefe nicht zu finden. Mannigfache Blockierungen verbauen den Zugang und machen ihrerseits eine Sinnesänderung, ein radikales Umdenken dringend nötig. Ganz eng stellt die Bibel die enge Verbindung zwischen einer Umkehr und dem Zugang zum Leben schlechthin, zum wahren, wirklichen Leben dar: "Ich habe kein Gefallen am Tod des Gottlosen, sondern dass er sich bekehre und lebe", sagt Gott im Prophetenspruch Jes. 33,11. Und Jesus selbst sieht das Ziel seiner Sendung darin: "Ich bin gekommen, dass sie das Leben in Überfülle haben sollen" Joh. 10,10).

Auch losgelöst vom christlichen Glauben sieht man allerorten in der heutigen Psychologie die inneren Zusammenhänge zwischen Auflösungen innerer Blockaden, Zulassen echter Schmerzen, Annehmen von geschehenen Verwundungen einerseits und der freiwerdenden Lebensenergie, Freude und Tatkraft andererseits.

Ann Faraday zeigt - als ein Beispiel - in ihrem Buch "Deine Träume - Schlüssel zur Selbsterkenntnis" 5  in einer verständlichen Weise eine fruchtbare Möglichkeit auf, innere Blockierungen zu erkennen und zu verarbeiten. Was sie "Durcharbeiten der Träume" nennt, müsste für jeden in der gegenständlichen Meditation einigermaßen Geübten ohne besondere Hilfe nachvollziehbar sein: Das Aufgreifen unverarbeiteter Tageserlebnisse in der Symbolsprache des Traumes, das Horchen auf die "Botschaft des Herzens", wo sich eine Diskrepanz zeigt zwischen Wachbewusstsein und innerem "Spürbewusstsein", das auf solche Blockaden hinweist. Was aber ein lebendiges Pulsieren des Lebens hindert, das blockiert in noch stärkerem Maße das geistliche Wachsen und Reifen zur Fülle des göttlichen Lebens. Der Ruf zur Umkehr umgreift auch diese Dimensionen.

Als ein Klassiker der Meditation geht Ignatius von Loyola in der ersten Woche seiner Geistlichen Übungen konsequent auf das ein, was an inneren Ungeordnetheiten, Verwunderungen und Blockierungen das Erreichen des echten, vollen Lebens verhindert. Eine ganze Übungswoche widmet er der Buße, in der es auch immer um ein Sterben des falschen Ego geht, das den Weg blockiert zum wahren Kein der Person. In einer gut nachvollziehbaren Weise hat Ingeborg von Grafenstein 6  diese erste Exerzitienwoche durch die fünf Schritte ausgeleuchtet, die Kübler-Ross7 als die notwendigen Stationen auf dem Weg des Sterbens darstellt: In "Leugnung und Abwehr" - in "Anklage und Zorn" - in "Verhandeln und Hin- und Her Erwägen" - in "Trauer und Erleiden des Schmerzes" und in "Annahme und Versöhnung" kann sich der innerlich Verwundete (und wer wäre das nicht?) in einem intensiven Meditationsprozess allmählich der Schuldverflochtenheit seines Lebens so bewusst werden, dass die Blockierungen gelöst werden und der Fluss des Lebens neu strömen kann. Einfühlsame geistliche Beleitung 8  wird bei vielen diesen Prozess überhaupt erst ermöglichen.

Auch hier bietet die Kontemplation einen einfacheren Weg an: Im Vorüberfließenlassen aller "Gedanken" wird nach und nach der Zugang frei zu einer neuen Ebene, von der her - gewissermaßen wie von rückwärts - plötzlich etwas aufbrechen kann, was vom Ego-Erkennen her nicht in den Blick kommen konnte. Und es mag geschehen, dass sich der Meditierende eines Tages unvermerkt befreit erlebt von einer quälenden Blockade, ohne dass er sagen könnte, wie es geschah. "Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl. Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist" (Joh 3,8) sagt Jesus.

3. Buße meint das je neue Umkehren vom Kreisen um das eigene Ich zur Liebe, die wirklich den anderen meint.

Umkehr meint immer die Umkehr zu Gott gleichzeitig nut der Umkehr zum Mitmenschen in seiner realen Wirklichkeit (Jes 1,16 ff u.a.). Doch das reale Sehen des anderen ist aufs höchste gefährdet durch den furchtbaren Mechanismus der Projektion. Um meine Sünde nicht in den Blick bekommen zu müssen, projiziere ich sie auf den anderen den anderen, den "Sündenbock".

Meisterhaft durchbricht Jesus dieses unbewusste Spiel, als die Ehebrecherin vor ihm steht: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie" Joh 8,7).

Meditation kann ein Stück weit helfen, dieses unbewusste innere Spiel bei mir selbst zu durchschauen: Im Horchen auf die innere Resonanz, die äußeres Geschehen in mir auslöst, wie z.B. bei der lectio divina (der geistlichen Lesung), werde ich auch wachsam für meine Stimmungen und Gefühle dem Menschen gegenüber, dem ich begegne. Alles greift ineinander. Projektion löst sich auf, wo sie aus dem Unbewussten ins Bewusste gehoben wird. Und erst dann, wenn das geschehen ist, erscheint wirklich der andere Mensch selbst in meinem Bück.

Und wo ich in der schweigenden Kontemplation lerne, mich selbst immer neu wahrhaft loszulassen, dort wird - ebenso wie der Weg zu mir selbst - auch der Weg zum Mitmenschen manchmal wie von selbst geöffnet. Und vielleicht erlebe ich überhaupt das erste Mal in meinem Leben in einem ungeahnten Glückserleben, was Liebe wirklich sein könnte - Liebe, die den anderen so sehen kann, wie er wahrhaft ist.

Ich fasse zusammen: Meditation hilft zu einer inneren Haltung der Buße, indem sie mich nach innen schauen lässt. Dabei geht es nicht um "geistliche Nabelschau", sondern im Gegenteil um ein Freiwerden für die ganze Wirklichkeit des Lebens. Das aber ist ein Weg, den ich lebenslang in immer neuer Umkehr zu gehen habe - in einer jeweils neuen Abkehr von dem was mir den Zugang zum wahren Leben in Gott verwehrt und der Hinkehr zu dem, was diesen Zugang freigibt.

Wie aber erkenne ich in der konkreten Situation des Lebens jeweils den Wert oder den Unwert der Dinge, auf die sich diese Wende bezieht? Ich kann diesen Wert nicht erkennen, wenn ich nur nach außen schaue, dort steht alles gleichsam flächenhaft nebeneinander. Horche ich dagegen gleichzeitig mit dem Nach-außen-Schauen in mich hinein, auf die jeweilige Resonanz, die ein Geschehen in mir auslöst, dann bekommt dieses Geschehen gewissermaßen eine neue Dimension, die Dimension des "Wertes". Und allein daraus ergibt sich für mich die Folgerung meiner Abwendung oder meiner Zuwendung. Diese Fähigkeit der "discretio", der "Unterscheidung der Geister" - wie sie in der christlichen Spiritualität genannt wird - ist die Voraussetzung eines Lebens, das sich in ständig neuer Abkehr von allen sublimen Gottesbildern, von allen Veränderungen innerer Schmerz- und Schulderfahrungen, von allem egoistischen Kreisen um sich selbst immer neu hinwendet zu Gott selbst, der das Leben schlechthin ist - um damit auch zur ganzen möglichen Fülle des eigenen Lebens zu finden. Das ist die zentrale Botschaft der metanoia - doch ohne die Wende nach innen, die in der Meditation und Kontemplation geübt wird, kann echte Sinnesänderung nicht geschehen.


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